Ist das Glück nicht das Lebensziel Nummer eins? Sind nicht sämtliche großen Entscheidungen darauf ausgerichtet, nachher zufriedener zu sein? Selbst kurzfristig beschwerliche Lebenswege wie ein aufwendiges Studium sollen doch langfristig einen besseren Job und mehr Glück bescheren.

Ein Soziologe wertete hunderttausende Befragungsdaten aus und ermittelte die Glücksfaktoren für Leben und Job.
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Was einen später wirklich glücklich macht, ist im Voraus leider nicht immer so gut zu beurteilen – aber es gibt statistische Mittelwerte. Der deutsche Soziologieprofessor Martin Schröder untersuchte die Lebenszufriedenheit von Männern und Frauen. Er wertete über 600.000 Daten einer Langzeitbefragung aus. Seine Ergebnisse, die er in Buchform veröffentlichte, zeigen etwa, dass Kinderlose nicht weniger glücklich sind als Eltern. Oder dass sich Menschen an fast alles gewöhnen und eine Heirat deshalb nicht lebenslang zufriedener macht – aber auch der Verlust eines Partners oder eine Behinderung nicht auf ewig unglücklich. Aber es sind auch spannende Erkenntnisse zum Berufsleben dabei.

Mehr Geld, mehr Glück?

Zum Beispiel widmete sich Schröder der Frage, bis zu welchem Punkt ein höheres Einkommen tatsächlich zufriedener macht. Wie schon andere Forscherinnen und Forscher kam er zu dem Schluss, dass der Effekt endlich ist. "Die ungefähre Grenze sind 2000 Euro netto. Je mehr Geld ich dann habe, umso weniger bringt mir zusätzliches Geld." Das bedeutet: 1750 Euro, anstatt 750 Euro zu haben, steigert sehr wohl das Glücksgefühl, aber 5000 Euro statt 4000 Euro zu haben "ist wirklich fast vollkommen egal", erklärt Schröder im Gespräch mit dem STANDARD.

Der Soziologe macht zwei Gründe aus, weswegen mehr Geld weniger zur Lebenszufriedenheit beiträgt, als man denken könnte. Erstens: Man gewöhnt sich unheimlich schnell daran. Der zweite Grund ist der sogenannte "abnehmende Grenznutzen": Je mehr Geld man hat, desto weniger kann man sich damit noch etwas kaufen, das man wirklich braucht und zu schätzen weiß. "Die Daten sind eindeutig: Die Bahamas-Reisen, dicken Autos oder großen Häuser, die Ihre Freunde möglicherweise in den sozialen Netzwerken posten, machen sie nicht zufriedener." Ein gewisser Wohlstand bringe also sehr wohl etwas, aber "dann ist auch ganz schnell Schluss".

Besser nicht vergleichen

Es kommt beim Einkommen aber immer auch auf den Vergleich an. "Eine Verdoppelung des Gehalts macht laut Experimenten genauso zufrieden wie eine Halbierung des Gehalts aller anderen", führt Schröder aus. "Es scheint, als würden wir uns in einem ewigen Wettbewerb befinden, bei dem es ja auch immer jemanden gibt, der über einem steht." Wer sich eine Jacht kaufe, erfreue sich möglicherweise nicht mehr so sehr daran, wenn er sieht, dass alle anderen eine noch größere haben. "Das ist auch im Job so." Eine Beförderung führe nicht automatisch zu mehr Glück, sondern vielleicht auch dazu, sich permanent mit anderen, besser verdienenden Führungskräften zu messen. "Man ist dann plötzlich nicht mehr der gut bezahlte Angestellte, sondern einer der schlechter bezahlten Manager." Wer sich gar nicht erst auf Vergleiche einlasse, sei zufriedener, sagt Schröder mit Blick auf seine Daten.

Die zeigen übrigens auch den idealen Zeitpunkt für den Berufseinstieg. Männer dürften am zufriedensten sein, wenn sie zwischen 28 und 32 Jahren ihren ersten Vollzeitjob haben, Frauen zwischen 22 und 28 Jahren. Wer früher anfängt, ist umso unzufriedener. Wie lässt sich das erklären? Schröder kann nur mutmaßen: Diejenigen, die später anfangen zu arbeiten, hätten sich länger auf den Arbeitsmarkt vorbereitet – und dabei mehr "Humankapital" wie Bildung angehäuft. Es gebe allerdings auch eine Obergrenze für den Berufseinstieg. "Der dritte Magister und das 35. Semester im Studium dürfte bei einem 45-Jährigen nicht mehr allzu viel zur Zufriedenheit beitragen." Bei Bildungsabschlüssen verhalte es sich eben wie beim Geld: Je mehr davon man hat, desto weniger zufrieden machen sie.

Auch ohne Sinn zufrieden

Bei der idealen Arbeitszeit widersprechen die Studienergebnisse dem, was sich viele unter Gleichberechtigung vorstellen. Die Zufriedenheit von Männern, besonders die von Vätern, steigt offenbar stark, je mehr Stunden sie arbeiten. Erst nach neuen Stunden pro Tag geht sie wieder etwas zurück. Ähnliches gilt für kinderlose Frauen. Mütter sind die Einzigen, denen es auch gutgeht, wenn sie wenig arbeiten. Schröders einleuchtende Erklärung: "Es scheint Männern und Frauen besser zu gehen, wenn sie dem Verhalten entsprechen, das ihrem Geschlecht typischerweise zugeschrieben wird." Und bei Männern sei das eben die "Ernährerrolle".

Interessante Erkenntnisse hat Schröder auch zu den Stressfaktoren im Job hervorgebracht. Demnach ist es nicht der fehlende Sinn, der das Glückslevel am meisten dämpft, was oft kolportiert wird. Wer Arbeitsplatzsorgen, ein hohes Arbeitspensum oder schlechte Aufstiegschancen hat, büßt am stärksten an Zufriedenheit ein. Schröders Interpretation lautet, "dass die Selbstverwirklichung eher für eine kleine Elite eine Rolle spielt". Die absolute berufliche Erfüllung bringt also nicht unbedingt mehr Zufriedenheit, als wenn man den Job nur zum Geldverdienen macht. Und auch Pendeln ist offenbar gar nicht so schlimm wie vielfach angenommen. Erst ab 80 Kilometern pro Tag macht es etwas unzufriedener. (Lisa Breit, 4.7.2021)