Seattle – Bücher verschicken, die man im Internet bestellt. Auf dieser Idee basiert einer der mächtigsten und größten Konzerne der Welt: Amazon. Am 5. Juli 1994 gründeten Jeff Bezos und seine damalige Ehefrau MacKenzie in einer Garage bei Seattle einen Online-Buchladen. Seither führt Bezos die Geschäfte des Unternehmens, doch nun ist offiziell Schluss. Am Montag übergibt er nach fast drei Jahrzehnten an der Spitze offiziell die Leitung des Unternehmens an seinen Nachfolger Andy Jassy, der bisher die boomende Cloud-Sparte AWS leitete.

Wie geht es nun weiter für den Spitzenmanager, den sein Erfolg mit Amazon steinreich gemacht hat? Das nächste Großprojekt steht schon unmittelbar bevor. "Seit meinem fünften Lebensjahr träume ich davon, ins All zu reisen. Am 20. Juli werde ich diese Reise mit meinem Bruder unternehmen", kündigte Bezos im vergangenen Monat an. Zudem bleibt der 57-Jährige aber Vorsitzender des Verwaltungsrats und dürfte die Geschicke des Konzerns auch künftig entscheidend mitbestimmen.

In Seattle endet eine Ära. Jeff Bezos gibt die Amazon-Leitung ab.
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All, Amazon und andere Projekte

Dass Bezos sich künftig ganz seiner Raumfahrtleidenschaft widmen wird, ist allerdings zu bezweifeln. Der Multimilliardär erklärte bereits, dass er durch seinen Rücktritt als Amazon-Vorstandschef nicht nur Zeit für Blue Origin, sondern auch für andere Projekte gewinnen wolle. Dazu zählen seine Stiftungen und die US-Tageszeitung "The Washington Post", die seit 2013 in seinem Privatbesitz ist. Doch auch bei Amazon dürfte sein Einfluss weiterhin groß bleiben.

Denn als geschäftsführender Vorsitzender des Verwaltungsrats, der dem Vorstand übergeordnet ist, bleibt Bezos beim weltgrößten Onlinehändler auch künftig der starke Mann im Hintergrund. Als Bezos im Februar seinen Rücktritt als Vorstandschef ankündigte, bemühte sich Amazon rasch, die Bedeutung herunterzuspielen. Der Konzerngründer werde auch in Zukunft "sehr involviert" bleiben – besonders bei großen Entscheidungen, sagte Finanzchef Brian Olsavsky.

Wer ist Andy Jassy?

Als bekannt wurde, dass Bezos den Platz an der Sonne Jassy überlassen wird, kam das für Insider nicht überraschend: Der 53-Jährige galt schon lange als Favorit, einmal die Nachfolge des nur vier Jahre älteren Bezos anzutreten. Die Idee war dennoch umstritten. Amazons Geldgeber im Verwaltungsrat befürchteten ein Millionengrab. Jassy war zudem kein Techniker, sondern Absolvent der Harvard Business School.

Seine Vision, Speicher und Rechenleistung kostengünstig übers Netz bereitzustellen, ging jedoch auf. Die von ihm geführte Sparte Amazon Web Services liefert Cloud-Infrastruktur an unzählige Start-ups und große Unternehmen auf der ganzen Welt. Für Amazon wurde AWS zu einer Geldmaschine: Die Sparte steigerte den Umsatz im jüngsten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast ein Drittel auf 13,5 Milliarden Dollar und das Betriebsergebnis um über 35 Prozent auf 4,2 Milliarden Dollar. Damit lieferte AWS zuletzt fast die Hälfte des Konzerngewinns von Amazon.

"Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter."
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Der Aufstieg Amazons

Bezos entwickelte das Garagenprojekt von 1994 vom Online-Buchhandel zum größten Internetkaufhaus der Welt. Heute ist Amazon noch viel mehr als das und hält mit seinen Services unzählige Firmen am Laufen. Der Konzern hat zudem eine eigene US-Supermarktkette und Streaming-Services. Mit dem Aufbau einer eigenen Lieferlogistik setzt Amazon Paketzusteller wie UPS, Fedex und DHL unter Druck – und niemand weiß, welche Branchen als Nächstes drankommen.

An der Börse hatte Amazon wegen chronisch roter Zahlen lange Zeit einen schweren Stand. Doch seit Bezos zuverlässig Gewinne liefert, ist er zum Liebling der Wall Street geworden. Im September 2018 gelang es Amazon als zweiter Aktiengesellschaft nach dem iPhone-Riesen Apple, die magische Marke von einer Billion Dollar beim Börsenwert zu knacken. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Aktienkurs um fast 30 Prozent gestiegen.

Schlechte Arbeitsbedingungen

Weniger beliebt als bei Anlegern ist der Konzern bei Gewerkschaften. Die Arbeitsbedingungen sind seit Jahren ein Streitthema. In der Pandemie geriet Amazon wegen angeblich unzureichenden Schutzes seiner Beschäftigten in den USA unter Druck. Das streitet das Unternehmen zwar ab, räumte jedoch andere Peinlichkeiten ein, etwa dass Lieferfahrer aus Zeitnot mitunter in Flaschen pinkeln. Auch in Deutschland gibt es einen festgefahrenen Gewerkschaftskonflikt, seit 2013 kommt es immer wieder zu Streiks.

Amazon zahlt in Europa kaum Steuern und steht dafür schwer in der Kritik. Am Unternehmenserfolg ändert das allerdings nichts.
Foto: Reuters

Dem Konzern wird überdies vorgeworfen, mit seiner großen Marktmacht und seinen Niedrigpreisen den Einzelhandel zu zerstören. Auch wegen umstrittener Arbeitsbedingungen und Steuersparmethoden gibt es häufig Kritik an Amazon. Der mächtigste Feind von Bezos aber saß bis vor kurzem noch im Weißen Haus: Ex-US-Präsident Donald Trump und ihn verband eine erbitterte Dauerfehde. Als Hauptgrund galt indes weniger das Geschäftliche, sondern vor allem Trumps Abneigung gegenüber der "Washington Post", die häufig kritisch über ihn berichtet.

Die Scheidung

Trotz einer teuren Scheidung von seiner Ex-Frau MacKenzie im Jahr 2019 ist sein Vermögen in den vergangenen Jahren weiter gewachsen. Mit einem geschätzten Vermögen fast 200 Milliarden Dollar (rund 168 Milliarden Euro) zählt Bezos laut "Forbes" zu den reichsten Menschen der Welt.

MacKenzie Scott spendet regelmäßig Summen in Milliardenhöhe.
Foto: Evan Agostini/Invision/AP

Scott und Bezos hatten im Jänner 2019 angekündigt, sich nach 25 Ehejahren scheiden zu lassen. Im April folgte die Einigung über die Aufteilung des gemeinsamen Vermögens. Scott überließ ihrem Ex-Mann 75 Prozent der Amazon-Aktien. Ihr Aktienpaket wurde damals mit rund 36 Milliarden Dollar bewertet. Sie macht seither mit regelmäßigen Spenden in Milliardenhöhe auf sich aufmerksam. Mitte Juni spendete sie rund 2,7 Milliarden Dollar an mehr als 280 wohltätige Organisationen. (and, dpa, 5.7.2021)