Schmusen gehört eindeutig zu den schönsten Dingen der Welt.

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Schmusen ist eine der schönsten Sachen der Welt. Für die Liebe ist es unentbehrlich. Der Psyche tut es gut. Die Gesundheit profitiert davon. Und gegen Falten soll es auch helfen. Gründe genug, um dem Schmusen einen eigenen Tag zu widmen. Am 6. Juli ist internationaler Tag des Kusses.

Dabei wird im Körper ein wahres Feuerwerk an Hormonen ausgeschüttet. Oxytocin, Dopamin, Adrenalin und Endorphine sorgen gleichzeitig für Erregung, das aufregende Kribbeln im Bauch, aber auch Entspannung und ein Gefühl von Sinnlichkeit.

Dazu werden bei einem Zungenkuss bis zu 80 Millionen Bakterien ausgetauscht, das stärkt das Immunsystem. Antimikrobielle Enzyme sollen Karies und Parodontose vorbeugen, der Puls steigt an, und der Stoffwechsel wird angekurbelt. Menschen, die viel küssen, sollen außerdem weniger anfällig für Depressionen sein. Außerdem werden dabei insgesamt 34 Gesichtsmuskeln bewegt, ein Training, das von innen strafft und so hilft, Falten vorzubeugen.

Zeichen von Intimität

Dabei ist nichts so intim wie Küssen, betont der Sexualmediziner Georg Pfau: "Die Kusskultur sagt sehr viel mehr über den Geist einer Beziehung aus als alle anderen Sexualpraktiken. In der Sexualtherapie ist deshalb die Frage 'Küssen Sie noch?' ganz zentral." Der Hintergrund ist einfach zu erklären: "Beim Küssen sind alle unsere Sinnesorgane involviert. Man muss sich 'sehen' können, auch wenn man meist die Augen geschlossen hat. Außerdem muss man sich 'riechen', 'schmecken', 'hören' und 'spüren' können. Ein guter Kuss ist aufregend und zärtlich zugleich, er hinterlässt das Gefühl, geliebt und begehrt zu sein. Mehr braucht ein Mensch eigentlich nicht zu seinem Glück."

Geküsst werden kann und soll dabei so oft man will, betont Pfau: "Es ist selbstredend, dass das Bedürfnis umso größer ist, je stärker die Zuneigung ist. Die Liebe fördert das Küssen, und das Küssen fördert die Liebe." In einer Beziehung nicht küssen zu wollen ist wiederum ein Zeichen für fehlende Zuneigung oder die Folge einer Traumatisierung, also eine Art Verweigerung. "Fehlende Kussbereitschaft wird vom Partner auch so interpretiert und kann sogar eine Beziehung destabilisieren", betont Pfau.

Kein Richtig oder Falsch

Was einen guten Kuss ausmacht, ist übrigens individuell sehr verschieden. "Was für den einen wunderbar ist, kann für die andere gänzlich unerotisch sein", weiß Coachin und Sexualberaterin Nicole Siller. "Manchmal ist ein Kuss auch ein Parameter dafür, ob die Chemie passt oder nicht." Wie oft man sich küssen soll, dafür gibt es kein Richtig oder Falsch. Siller regt allerdings dazu an, dass man sich in einer Liebesbeziehung auch ganz bewusst küsst: "Das stärkt die Verbindung zueinander. Außerdem ist der Gaumen eine Reflexzone des Beckenbodens, das kann für Frauen und Männer tatsächlich sehr erregend sein."

Und auch wenn Küssen individuell sehr verschieden ist und man dabei keinen bestimmten Regeln folgen muss, gibt es auch schlechte Küsse, ist Siller überzeugt: "Wenn etwa zu viel Speichel im Spiel ist oder wenn zu wenig Annäherung stattfindet. Küssen soll sich entwickeln. Es geht darum, die Lippen einmal beim anderen ankommen zu lassen, in Resonanz zu gehen, spielerisch zu spüren, wie sich diese Lippen anfühlen. Fest? Fordernd? Eher weich? Es geht um das Spielerische und Absichtslose."

Geste des Vertrauens

Wen man küssen soll? "Menschen des Vertrauens, nicht irgendwen", betont Siller. "Das gilt auch für freundschaftliche Küsse." Und wer kennt das nicht, dass einen jemand, den man quasi nicht kennt, ungebeten links und rechts küsst? Besonders durch Corona hat sich diese nicht für alle angenehme Gepflogenheit verflüchtigt. Doch sie kehrt wieder zurück, wie auch Siller weiß: "Ich habe schon von einigen Klienten gehört, dass das schon fast wieder wie früher ist. Man wird gefragt, ob man schon geimpft ist, und wenn man bejaht, wird man gleich umarmt." Hier darf man ruhig den Abstand wahren und entweder sagen, dass man das nicht möchte, oder – etwas diplomatischer – demonstrativ die Hand oder die Faust hinstrecken. Denn es ist absolut nicht nötig, jede Person so tief in die eigenen Privatsphäre eindringen zu lassen.

Eigene Wissenschaft

Es gibt übrigens ein eigenes Fachgebiet, das das Küssen untersucht, die Philematologie. So haben Kussforscher zum Beispiel herausgefunden, dass zwei Drittel der Menschen den Kopf beim Küssen nach rechts neigen. Und dass ein Mensch in 70 Lebensjahren rund 76 Tage dieser schönen Tätigkeit widmet. Gleichzeitig ist das Schmusen sehr stark kulturell geprägt. Während die Franzosen bei einer Begrüßung drei oder sogar vier Bussis pro Person verteilen, ist das in den USA noch gar nicht üblich. (Pia Kruckenhauser, 6.7.2021)