Nach eineinhalb Jahren der Enthaltsamkeit und der digitalen Modepräsentationen gingen die Couture-Schauen in Paris in die Vollen. Anna Wintour, mittlerweile für alle redaktionellen Belange des Verlags Condé Nast zuständig, konnte wieder in den Frontrows Platz nehmen, Balenciagas handverlesene Gästeschar (von Kanye West, vollkommen maskiert mit einem Tuch, bis zu Mona von Bismarck) wohnte dem angesagtesten Event der Woche bei – und der belgische Designer Pieter Mulier bewies beim Modehaus Alaïa, dass Modekollektionen ohne Streetwear-Verweise auskommen können.

Dior

Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri hat derzeit alle Hände voll zu tun: Erst vor zwei Wochen zeigte sie im Panathinaiko-Stadion in Athen eine rund 90 Looks umfassende Resort-Kollektion, anlässlich der Couture-Woche ging es zurück nach Paris, in den Garten des Rodin-Museums. Die Models liefen in Tweed-Mänteln und Empire-Kleidern aus Chiffon vor "Chambre de Soie", einer in Indien gefertigten, rund 350 Quadratmeter großen textilen Wandarbeit der französischen Künstlerin Eva Jospin. Theoretische Unterlage der Kollektion: Clare Hunters Studie "Threads of Life" über den Einfluss von Materialien auf die Geschichte.

Christian Dior

Chanel

Ein Kurzfilm von Sofia und Roman Coppola mit Schauspielerin Margaret Qualley in der Hauptrolle sollte diesmal vorab auf die Couture-Kollektion Appetit machen. Die Show selbst? Eine geschrumpfte Version des Spektakels im Grand Palais. Diesmal wurde die Mode vor Publikum im Hof des Palais Galliera, des Museums für Mode der Stadt Paris, gezeigt – das Grand Palais ist wegen Umbauarbeiten bis 2024 geschlossen. Chanel-Designerin Virginie Viard zeigte wadenlange Volantröcke unter aufgeknöpften Bouclé-Jacken, auf bloßer Haut getragene Hosenanzüge und breitschultrige Mäntel, unter denen blanke Bäuche aufblitzten.

CHANEL

Zum Schluss kam US-Schauspielerin Margaret Qualley im Chanel-Brautkleid um die Ecke – und warf den Brautstrauß.

Foto: STEPHANE DE SAKUTIN / AFP

Balenciaga

Und dann war Stille. Keine Musik-Untermalung, so wollte es Designer Demna Gvasalia anlässlich der ersten Couture-Show von Balenciaga seit 1968. Das Seating: im historischen Salon des Modehauses wahrlich exklusiv. Man könnte sagen: Die Balenciaga-Sause war das Event der Couture-Saison. Nur handverlesene Gäste, darunter ein maskierter Kanye West und Bella Hadid (zurück von ihrem Trip zu den Filmfestspielen von Cannes), Salma Hayek und Kering-Oberhaupt François-Henri Pinault sowie die seit dem Absetzen diverser "Vogue"-Chefredakteurinnen nahezu allmächtigen "Vogue"-Chefs Edward Enninful und Anna Wintour, durften dabei sein. Unter den Models: Kamala Harris’ Stieftochter Ella Emhoff, die im Februar beim New Yorker Label Proenza Schouler ihr Model-Debüt gefeiert hatte und nun einen der großteils rabenschwarzen Entwürfe vorführte.

Foto: Piero Biasion / Action Press / p

Designer Demna Gvasalia, der ein eigenes Couture-Team aufbauen musste, machte mal wieder so ziemlich alles anders als die anderen. Er zeigte hybride Kleidungsstücke, die sich an historische Kleidungsstücke und Silhouetten des Hauses anlehnten, kombinierte Streetwear mit futuristischen Hüten, selbst Hoodies, XXL-Bademäntel, Jeans und männliche Models schafften es in die über 60 Entwürfe umfassende Couture-Präsentation. Exklusiv waren hier vor allem die Materialien, von Kaschmir bis zu japanischem Denim.

Balenciaga

Schiaparelli

Der amerikanische Designer Daniel Roseberry hat seit seinem Antritt im Frühjahr 2019 beim Modehaus Schiaparelli geschafft, was seinen Vorgängern nicht gelang: Der Modedesigner, der zuvor über zehn Jahre für Thom Browne arbeitete, bereitet den surrealen Schmäh des Modehauses so plakativ wie instagramtauglich auf und hat so einige prominente Fans gewonnen. Zuletzt trug Cardi B während der Verkündung ihrer Schwangerschaft in den sozialen Netzwerken Schmuck des Modehauses. Die aktuelle Couture-Kollektion nennt Roseberry "Matador-Couture", mit kurzen Matador-Jacken, goldenen Stickereien, in Brusthöhe aufgesetzten Kegeln und schweren Schmuckstücken.

Schiaparelli

Alaïa

Lange war er die rechte Hand von Raf Simons, bei Jil Sander, Dior und Calvin Klein. Im Frühjahr war der gebürtige Belgier Pieter Mulier zum ersten Kreativchef der 1979 gegründeten Marke Alaïa berufen worden, im Rahmen der Couture-Woche zeigte er seine erste Kollektion. Auf der Pariser Rue de Moussy vor dem Hauptsitz des Hauses saß die ausgewählte Schar an Journalisten, Modedesignern (wie Raf Simons und Valentino-Designer Pier Paolo Piccioli) und Stars aufgereiht auf Klappstühlen. Sie ließen Models wie Mica Argañaraz und Liya Kebede in skulpturalen Cocktailkleidern, Ballonröcken, in der Taille gegürteten Overalls und immer wieder weich fallenden Kapuzen auflaufen, zum Schluss gab's Applaus für Pieter Muliers elegante Alaïa-Interpretation – selbst von Christoph Von Weyhe, dem langjährigen Lebensgefährten des 2017 verstorbenen Modedesigners.

Maison Alaïa

Giorgio Armani Privé

Giorgio Armani war mit Ausbruch der Pandemie im Februar 2020 der erste Designer, der in Mailand auf eine Show mit Gästen verzichtete, in Paris schlug er seinen Couture-Laufsteg in der italienischen Botschaft, dem 1732 erbauten Hotel de Boisgelin, auf.

Foto: REUTERS/Sarah Meyssonnier

Die Rückkehr ins Couture-Geschäft feierte der 86-Jährige mit schimmernden Hosen, Samtjacken und Boleros mit abstrakten Blumendrucken.

Armani

Fendi

Anfang des Jahres hatte der neue LVMH-Superdesigner Kim Jones seine erste Damenkollektion, die gleichzeitig auch seine erste Couture-Show bei Fendi war, gezeigt. Das Haus, das zum Luxuskonzern LVMH gehört, setzte auch diesmal nur auf eine digitale Videopräsentation, umgesetzt wurde sie von Luca Guadagnino, dem Regisseur des Films "Call Me by Your Name", die Models Kate Moss, Christy Turlington und Amber Valletta sorgten für ein diverses Casting.

Fendi

Jean Paul Gaultier

Im Jänner 2020 hatte sich Jean Paul Gaultier von der Mode verabschiedet. Sein Haus solle nun im Rahmen von Kooperationen mit anderen Designern und Designerinnen weiterleben. Gaultiers erste Wahl war die Japanerin Chitose Abe vom Modelabel Sacai.

Foto: AP Photo/Lewis Joly

Chitose Abe dekonstruierte seine Streifenshirts und Tattoo-Kleider im typischer Sacai-Manier.

Foto: AP Photo/Lewis Joly

Iris Van Herpen

Das wohl spektakulärste Video dieser Couture-Saison lieferte die niederländische Designerin Iris Van Herpen: Die französische Fallschirmspringerin Domitille Kiger bewies, dass Couture von Van Herpen sogar einem Fallschirmsprung standhält.

(red, 9.7.2021)

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Männermode Mailand: Knappe Hosen, blanke Bäuche (Frühjahr/ Sommer 2022)

Iris van Herpen