Aggression gegen Frauen ufert immer häufiger ungebremst aus. Sichere Rückzugsorte sind für viele kaum oder nur sehr schwer zu finden. Denn zunehmend greifen Gefährder bei häuslicher Gewalt zu technischen Mitteln, um ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen zu bedrohen oder bloßzustellen.

Eine Gefahr von Gewalt im Netz: Ehemalige oder aktuelle Partner können eine Person schnell in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis diffamieren. Dass Sexualität für viele ein Tabuthema ist, trägt dazu bei, dass sich die bloßgestellte Person dann oft isoliert.
Foto: Getty Images

"Jeder, der ein Handy besitzt, kann heute Gewalt digitalisiert ausüben, wobei Beleidigungen und Angriffe im virtuellen Raum für ein wesentlich größeres Publikum zugänglich sind und viel länger sichtbar bleiben", sagt Magdalena Habringer vom Kompetenzzentrum für Soziale Arbeit der FH Campus Wien.

In der Studie "(K)ein Raum: Cyber-Gewalt gegen Frauen* in (Ex-)Beziehungen" erfasst sie mit Andrea Hoyer-Neuhold und Sandra Messner vom Zentrum für Sozialforschung und Wissenschaftsdidaktik die Rolle von Technologien bei Gewalt in Intimbeziehungen. Durch das Sternchen im Titel wird signalisiert, dass nicht nur Cis-Frauen berücksichtigt werden, deren Geschlechtsidentität dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. Auch Erfahrungen von Frauen, die trans oder intersexuell sind, fließen mit ein. Bisherige Forschungen zeigen, dass technologische Entwicklungen den Raum der Gewalt um ein Vielfaches vergrößert haben.

Die Omnipräsenz der virtuellen Welt erschwert es Frauen, gewalttätigen Partnern und Expartnern zu entgehen. Der Aufenthalt in Frauenhäusern bietet zwar eine räumliche Trennung, über digitale Technologien erreicht Gewalt die Betroffenen oft trotzdem. "Die virtuelle Gewalt ist real und kann jemanden ebenso treffen wie andere Gewaltformen", betonen die Forscherinnen.

Intimität als Waffe

Was die Cybergewalt durch (Ex-)Partner besonders gefährlich macht, ist ihr immenser Einflussbereich. "Online kann jemand schnell meine Chefin, meine Freundinnen oder meine Mutter kontaktieren und mich diffamieren", so Hoyer-Neuhold. Zudem wird Cybergewalt in hohem Maße sexualisiert ausgeübt. Das reicht von Beschimpfungen als "Schlampe" bis zum Veröffentlichen privater Intimfotos.

"Über die Sphären Sexualität, Intimität und Privatheit kann man Frauen anders treffen und ihnen schaden, weil diese Bereiche gesellschaftlich sehr tabuisiert sind", sagt Habringer. "Wir leben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der die Intimität von Frauen und LGBTQI-Personen als Waffe missbraucht wird, und das sehr häufig auch online." Sind all diese Beschimpfungen und Bloßstellungen plötzlich für das gesamte Umfeld sichtbar, verlieren Frauen häufig soziale Kontakte, Menschen wenden sich von ihnen ab.

Enorme Belastung

Die Gegenwehr ist in solchen Fällen schwierig. Sie erfordert Zeit, genaue Dokumentation und Auseinandersetzung mit den virtuellen Angriffen – alles Dinge, für die den Betroffenen oft bereits Resilienz, Nerven und Kraft fehlen. Verschärfend kommt die Schnelllebigkeit des Internets hinzu: Übergriffige Postings können schon von unzähligen Usern gesehen oder sogar geteilt werden, bevor die Betreiber der jeweiligen Onlinedienste handeln.

Um sich zu wehren, müssen Frauen richtiggehend zu Juristinnen und Ermittlerinnen werden, und sich darum bemühen, dass ihnen Behörden oder das Umfeld glauben. "Das ist enorm belastend, viele Frauen, die mit uns gesprochen haben, waren sehr erschöpft", erinnert sich Messner. Es zeigte sich, dass Betroffene immer auch anderen Formen häuslicher Gewalt, etwa körperlicher oder psychischer Gewalt, ausgesetzt sind. "Sie sind demnach auf unterschiedlichen Ebenen in ihrem Leben gefährdet, bedroht und verletzt."

Verleumdet und verdrängt

Virtuelle Übergriffe haben auch gesamtgesellschaftliche Folgen. "Ziehen sich Frauen aufgrund von Cybergewalt völlig aus der virtuellen Welt zurück, gerät diese zu einem undemokratischen, männlich dominierten, gewalttätigen Raum", sagt Habringer. Als sozialer und politischer Verhandlungsraum ist das Internet jedoch ein zentraler Ort der Teilhabe. Wer daraus verdrängt wird, hat keine Chance, an vielen gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen. "Frauen verlieren dadurch ihre Stimme", warnen die Wissenschafterinnen.

Den Schweregrad des Themas an konkreten Zahlen festzumachen, ist derzeit schwierig. Trotz hoch eingeschätzter Prävalenzzahlen mangelt es an Daten zu den unterschiedlichen Formen und Auswirkungen der Cyber-Gewalt in Intimbeziehungen. Dieser Wissensbestand soll nun durch das Forschungsprojekt, unterstützt von der FFG und ihrem Förderprogramm für Sicherheitsforschung KIRAS, aufgebaut werden. Künftig werden daraus Umgangsstrategien entwickelt, die dem Bedürfnis betroffener Frauen nach Sicherheit in ihrer Privatsphäre entsprechen.

Bewusstsein schaffen

Wichtig sind die generierten Informationen auch für Stellen wie Polizei, Justiz und soziale Arbeit, die Betroffene unterstützen und schützen sollen. Am Ende des Projekts soll zudem ein Konzept für eine App stehen, die Frauen Abwehrmöglichkeiten aufzeigt.

"Der essenziellste Baustein, um der virtuellen Gewalt entgegenzuwirken, ist die Sensibilisierung in möglichst vielen Bereichen", sagt Hoyer-Neuhold. Darüber hinaus müssten Unternehmen, Politik und die Gesellschaft viel schärfer gegen virtuelle Übergriffe auftreten. Wenn die Gesellschaft es nicht schaffe, sich öffentlich gegen Cybergewalt zu stellen, sei das ein problematisches Zeichen.

Etwa wenn Übergriffe als "nicht so schlimm" abgetan werden oder Betroffene mit Aussagen wie "Es war ja nur auf Facebook" konfrontiert werden. "Es braucht in vielen Bereichen mehr Bewusstsein dafür, wie sehr das wehtun kann und dass diese Gewalt real ist, auch wenn es keine körperliche Gewalt ist", betont das Forschungsteam. (Marlene Erhart, 8.7.2021)