Bei den Protesten in den vergangenen Tagen kam es zu Ausschreitungen, dutzende Menschen sollen von Sicherheitskräften erschossen worden sein.

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Die Proteste richten sich gegen die Herrschaft und den Lebensstil des 53-jährigen Monarchen Mswati III. (hier auf einem Archivbild bei der UN-Generalversammlung 2018).

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In den sozialen Netzwerken kursieren die Bilder, bis die Regierung den Schalter umlegte. Von uniformierten Ordnungshütern, die mit langen Stöcken auf Demonstranten einschlagen, bis sich diese nicht mehr rührten. Ein Soldat entleerte das Magazin seines automatischen Gewehrs in die Richtung, in der gerade noch ein junger Mann stand: Ob der Demonstrant tödlich getroffen wurde, ist dem wackligen Video nicht zu entnehmen. Augenzeugen berichten von dutzenden Demonstranten, die in dem südafrikanischen Bergkönigreich Eswatini (einst Swasiland) in den vergangenen Tagen von Sicherheitskräften erschossen worden seien: Amnesty International (AI) will über eine Liste mit Namen von mindestens 20 getöteten Regimegegnern verfügen. "Dutzende von Menschen wurden umgebracht, nur weil sie ihre Regierung zur Einhaltung der Menschenrechte aufforderten", sagte Deprose Muchena, AI-Direktor für das südliche Afrika, .

In Afrikas letztem absolutistischen Königreich flackerten in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder Proteste gegen die Herrschaft und den Lebensstil des 53-jährigen Monarchen Mswati III. auf: So wütend und gewalttätig wie in den vergangenen zehn Tagen waren die Proteste allerdings noch nie. Als Demonstranten wegen des vermutlich durch einen Polizisten verursachten Todes eines Jusstudenten Ende Juni auf die Straße gingen, verhängte der vom König eingesetzte Premierminister Themba Masuku kurzerhand ein Demonstrationsverbot: Es wurde mit der Verbreitung des Coronavirus begründet. Die Regimekritiker plünderten daraufhin zahlreiche mit dem Königshaus in Verbindung gebrachte Geschäfte und zündeten sie an. Dabei soll ein Schaden von mehr als drei Milliarden Rand (fast 200 Millionen Euro) entstanden und 5.000 Swasiländerinnen und Swasiländer um ihre Arbeit gebracht worden sein, gab die Regierung bekannt.

Repression aufs Land verlagert

Dass sich die Lage inzwischen etwas beruhigt hat, habe nichts mit dem Ende der Wut der Bevölkerung zu tun, sagt der ins südafrikanische Exil geflohene Chefredakteur der "Swaziland News", Zweli Dhlamini. Vielmehr hätten die Sicherheitskräfte ihre Repressionswelle inzwischen von den städtischen Zentren des Königreichs auf ländliche Gebiete verlagert. "Das Morden, Verprügeln und Schikanieren der Bevölkerung geht unvermindert weiter", sagt der Journalist. "Der Aufstand gegen die absolute Herrschaft des Monarchen wird sich dieses Mal nicht so schnell zerschlagen lassen."

Sprecher der in Eswatini verbotenen Opposition fordern eine demokratische Verfassung, ein Ende des Verbots politischer Parteien sowie die Bildung einer Übergangsregierung. Politische Organisationen sind in dem 1,2 Millionen Einwohner zählenden Königreich seit 1973 verboten: Der Monarch regiert seit seinem 18. Lebensjahr vor 35 Jahren ohne jegliche Einschränkungen. Dem 15-fachen Ehemann wird außerdem ein verschwenderischer Lebensstil in einem bettelarmen Staat vorgeworfen. Der Besitz von Mswati III. wird auf 100 Millionen US-Dollar geschätzt, während 60 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen müssen.

SADC-Mission abgebrochen

Südafrikas Staatenbund SADC sandte am Wochenende eine dreiköpfige Delegation nach Eswatini, um eine politische Lösung des Konflikts zu finden. Dabei kam es allerdings schnell zum Eklat, als sich herausstellte, dass die von der Regierung handverlesenen Vertreter der Zivilgesellschaft allesamt mit dem Königshaus in Verbindung standen. Die Delegierten brachen ihre Mission daraufhin ab und wollen nun zu einem späteren Termin zurückkommen.

Mlungisi Makhanya, der Präsident der in Eswatini als "Terrororganisation" verbotenen Oppositionspartei Pudemo, äußerte sich enttäuscht über die SADC-Mission. Die drei Ministerinnen und Minister hätten kein einziges Krankenhaus oder Gefängnis besucht, in denen tausende junger Swasiländer eingesperrt seien. Sie hätten außerdem auch mit keiner der Familien gesprochen, die in den Unruhen der vergangenen Tagen einen Sohn oder eine Tochter verloren hatten. "Sie sollten die Welt nicht mit ihrem unvollständigen Bild täuschen", fügte Makhanya hinzu. "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es keinen Rückzieher mehr gibt." (Johannes Dieterich, 7.7.2021)