Der chinesische Fahrdienstleister Didi fuhr fulminant an die Wall Street. Doch China verbietet jetzt die Nutzung der App – die Aktie sackte ab.

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Eigenartige Dinge geschehen soeben in der internationalen Finanzwelt. Da verbietet plötzlich die chinesische Behörde für Cyberspace (CAC) den Download einer App mit der Begründung, das Unternehmen würde zu viele Nutzerdaten sammeln. Das allein ist schon etwas kurios, da es die chinesischen Behörden bisher noch nie gestört hat, dass eine Firma Daten sammelt. Datenschutz spielt im Land hinter der großen Zensurmauer keine Rolle. Kurz darauf stürzt die gerade an der New Yorker Börse gelistete Aktie der App ab. Schließlich warnt Peking chinesische Tech-Unternehmen, in den USA an die Börse zu gehen. Was ist da los?

Zunächst einmal zurück zum Anfang und damit zum Fahrdienstleister Didi und dessen Börsengang in New York. Nachdem die Behörden dem amerikanischen Tech-Unternehmen Uber in China das Leben schwergemacht hatten, verließ dieser 2016 die Volksrepublik. In der Folge hatten die chinesischen Konkurrenten Didi und Dache freie Fahrt. Prägten 2014 noch vor allem Taxis des Modells Volkswagen Santana die Straßen von Schanghai, hatte man drei Jahre später große Probleme, überhaupt eines zu finden. Stattdessen kurvten jetzt noch noch unauffällige Neuwagen durch die Straßen der 23-Millionen-Metropole. Die Fahrer waren nicht selten junge Chinesen, die (oder deren Familien) es zu Geld gebracht hatten und jetzt wenig zu tun hatten.

Enormer Marktanteil

Warum also nicht etwas Fahrpraxis sammeln und dafür bezahlt werden? Wenig später war Didi auch mit dem Konkurrenten Kuaidi Dache fusioniert und hatte einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent. Am Freitag aber verkündete die Behörde, Didi dürfe bis auf weiteres keine neuen Kunden aufnehmen.

Dabei war Didi erst vergangene Woche an der New Yorker Börse (NYSE) gelistet worden und hatte dabei 4,4 Milliarden Dollar eingenommen. Der Kurs fiel am Dienstag zeitweise um 21 Prozent, nachdem die Nachricht bekannt geworden war. Zu den größten Aktionären zählen Apple, die japanische Softbank und der ehemalige Fahrdienst-Konkurrent Uber.

Am Dienstag kündigte Peking an, auch drei weitere Unternehmen zu untersuchen, die kürzlich in den USA gelistet worden waren, darunter die Online-Recruiting-App Boss Zhipin sowie Yunmanman und Huochebang, zwei Apps zum Buchen von Lastkraftwagen. Ebenfalls am Dienstag veröffentlichte die Regierung neue, strengere Richtlinien für Börsengänge von chinesischen Unternehmen im Ausland.

Jeder verdiente im Spiel

Auch das ist bemerkenswert. Denn in den vergangenen 20 Jahren hatte sich zwischen Wall Street und der kommunistischen Partei Chinas ein interessantes Zusammenspiel entwickelt: Prinzlinge, Töchter und Söhne reicher Kader, besetzten hohe Stellen bei den Investmentbanken wie Goldman Sachs und JP Morgan. Die Kontakte halfen den amerikanischen Banken, Börsengänge chinesischer Unternehmen vorzubereiten. Durch das Gütesiegel, das eine Notierung an der New Yorker Stock Exchange mit sich bringt, entstand Vertrauen, wodurch das Geld amerikanischer Anleger in Richtung Volksrepublik floss. Immer wieder kam es zu Gerüchten, dass bei den Buchhaltungsstandards ein oder auch zwei Augen zugedrückt wurden. Doch bis zur Präsidentschaft von Donald Trump 2016 störte sich keiner an dem System, an dem scheinbar jeder gewonnen hat – am meisten jedoch das Regime in Peking. Dass dieses nun ausgerechnet auf Pekings Druck zu Ende zu kommen scheint, ist bemerkenswert.

Eine Erklärung könnte sein, dass Peking nun auch die finanziellen Verflechtungen mit den USA auflösen möchte. Chinesische Unternehmen sollen mittelfristig im eigenen Land, sprich in Hongkong oder noch besser in Schanghai, an die Börse gehen. Zudem scheint man sich in Peking Sorgen darüber zu machen, dass Daten der rund 380 Millionen Didi-Kunden ins Ausland gelangen könnten. (Philipp Mattheis aus Peking, 8.7.2021)