Diskussionen um Schiedsrichter Danny Makkelie.

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Die fragwürdige Elfmeterentscheidung für England bestand auch die Prüfung durch den VAR.

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Schmeichel ließ sich auch von Laserstrahlen nicht beirren.

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Viel fehlte nicht, und Dänemarks Goalie hätte auch den Nachschuss von Kane pariert.

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London – Der dänische Fußballnationaltrainer Kasper Hjulmand hat nach der Niederlage im EM-Halbfinale gegen England den spielentscheidenden Elfmeterpfiff harsch kritisiert. "Ich habe keinen Elfmeter gesehen. In einem solchen Spiel so zu verlieren ist einfach bitter", sagte der 49-Jährige: "Es fühlt sich nicht gerecht an. Das ist etwas, das mich wütend macht. Ich bin enttäuscht."

Englands Kapitän Harry Kane hatte in der ersten Halbzeit der Verlängerung (104.) den Nachschuss nach dem äußerst fragwürdigen Strafstoß zum 2:1-Siegtreffer verwandelt. Der bereits abflugbereite Raheem Sterling war zuvor nach einer leichten Berührung von Joakim Maehle zu Boden gegangen. Die Entscheidung von Schiedsrichter Danny Makkelie aus den Niederlanden war hart, und für viele war es umso verwunderlicher, dass auch der VAR nicht anders entschied. Dieser kann dies den Regeln entsprechend nur bei einer markanten Fehlentscheidung tun. "Es ist ganz klar, dass er sein Bein hängen lässt und hinfällt", führte Hjulmand weiter aus: "Ich kann nicht anders, als dieses Gefühl zu haben. Ich denke, das ist zu hart."

Kollektives Unverständnis

Englands Ex-Teamstürmer Alan Shearer sagte in der BBC, er wäre "ziemlich verärgert, wenn so ein Elfer gegen England gegeben würde". Der frühere Arsenal-Trainer Arsene Wenger sah "keinen Elfmeter. Ich weiß nicht, warum niemand dem Referee gesagt hat, dass er sich das noch einmal anschauen soll." Der bei der EM ebenfalls als TV-Experte arbeitende Star-Coach Jose Mourinho hielt fest: "Auf diesem Niveau, einem Halbfinale einer EM, verstehe ich die Entscheidung nicht wirklich. Ich glaube nicht, dass der Schiedsrichter gut schlafen wird."

Zumindest ein Engländer wusste, dass der Elfer gerecht war: Raheem Sterling selbst. "Ich bin in den Strafraum hinein, und der hat das Bein ausgestreckt und meines erwischt. Es war ein klarer Elfer", sagte der Flügelstürmer von Manchester City. England-Trainer Gareth Southgate wollte die Szene nicht bewerten. "Wenn man das gesamte Spiel betrachtet, haben wir das verdient", meinte er nur.

Störfaktor eins

In der unmittelbaren Entstehung des Elfmeters lag zudem ein zweiter Ball auf dem Spielfeld, Referee Makkelie unterbrach die Begegnung nicht. "Sie dürfen nicht an einem auf dem Spielfeld liegenden Ball vorbeilaufen, wenn dieser das Spiel beeinträchtigt und so nah ist", sagte Hjulmand.

Auch die Spieler waren empört angesichts der spielentscheidenden Elfmetersituation. "Vor allem die Art und Weise, wie wir verloren haben, macht es ein bisschen schwieriger, das wirklich zu verstehen, denn ich hatte das Gefühl, dass es nicht ganz fair war", sagte Angreifer Martin Braithwaite: "Aber ich muss vorsichtig sein, was ich sage."

Kein Kommentar von Schiri Makkelie

Der Schiedsrichter habe nicht einmal sagen können, ob Joakim Maehle oder Mathias Jensen das mutmaßliche Foul begangen habe, monierte Braithwaite. Mittelfeldspieler Pierre-Emile Höjbjerg hätte sich eine Erklärung vom Referee gewünscht: "Manchmal würde man gerne vom Schiedsrichter selbst hören, was er dachte", sagte der ehemalige Bayern-Profi: "Vielleicht sollte auch der Schiedsrichter vor einem Mikrofon stehen dürfen."

ZDF-Schiedsrichterexperte Manuel Gräfe kritisierte den Elfmeterpfiff ebenfalls: "Ich finde ihn hier persönlich nicht richtig. Ich hätte gesagt: Weiterspielen, weil es zum Turnier passt, weil es auch zur Linie des Schiedsrichters gepasst hätte", sagte der 47-Jährige.

Störfaktor zwei

Aufregung gab es in Wembley auch, weil während der Partie von Fanseite aus mehrmals versucht worden war, Dänemark-Torhüter Kasper Schmeichel zu irritieren. Vor dem spielentscheidenden Elfmeter war gut zu sehen, wie ein grüner Laserstrahl im Gesicht des 34-jährigen dänischen Keepers umherwanderte. Schmeichel parierte dennoch, ehe Kane im Nachschuss spielentscheidend traf. Abwehrspieler Jannik Vestergaard berichtete von zahlreichen Laserattacken auf Schmeichel, der dennoch zahlreiche Glanzparaden zeigte.

"Es gab einige Dinge, die von den Zuschauern nicht unbedingt fair waren, aber wenn viel auf dem Spiel steht, dann sind natürlich alle Mittel erlaubt", sagte Vestergaard: "Ich habe es beim Elfmeter nicht gesehen, aber ich habe es in der ersten Halbzeit bemerkt und auch gesehen, dass Pierre-Emile Höjbjerg den Schiedsrichter in der zweiten Halbzeit darauf hingewiesen hat."

Ermittlungen der Uefa

Die Uefa hat indes wegen mehrerer Vorkommnisse rund um das Match ein Disziplinarverfahren gegen den englischen Verband FA eingeleitet. Ermittelt werde wegen der Verwendung eines Laserpointers durch Zuschauer, wegen Störungen während des Abspielens der dänischen Nationalhymne und wegen des Einsatzes von Feuerwerkskörpern, teilte die Europäische Fußball-Union am Donnerstag mit. Daneben nahm auch die britische Polizei Ermittlungen auf.

Das bestätigte die britische Staatssekretärin Susan Williams, die den Laserpointer-Einsatz als "abscheulich" bezeichnete. Der Vorfall mit dem Laserpointer hatte zuvor bereits für großen Wirbel gesorgt. Vor dem Elfmeter, den Englands Harry Kane im Nachschuss zum 2:1 verwandelte, wurde Dänemarks Keeper Kasper Schmeichel offenbar gestört. Auf TV-Bildern ist zu sehen, dass ein Laserpointer auf Schmeichel gerichtet war. Kurz bevor Kane schießt, huscht ein grünes Licht über Schmeichels Gesicht und nähert sich seinen Augen.

Der TV-Kommentator Mark Pougatch des britischen Senders ITV verwies nach dem Spiel auf den Vorfall, der zunächst unbemerkt geblieben war. "Das ist völlig inakzeptabel und lächerlich", schimpfte Pougatch, "wer auch immer das war, ist ein Idiot." Wer den Laserpointer benutzt hat, war zunächst nicht bekannt. Ob Schmeichel überhaupt etwas von der versuchten Störung bemerkte, war ebenfalls unklar. Der Keeper, der in der Premier League für Leicester City spielt, parierte den Strafstoß von Kane, konnte den Nachschuss allerdings nicht halten.

Titeljagd im Wembley

Davon werden sich die Three Lions jedoch nicht beirren lassen, sie dürfen vor heimischer Kulisse im Wembley die erste große Trophäe für England seit dem legendären WM-Titel 1966 in Angriff nehmen. Das Mutterland des Fußballs feierte nach dem Erfolg gegen Dänemark, als ob der Pokal schon gewonnen wäre. Dazu braucht es aber am Sonntag im Finale einen Erfolg gegen Italien.

Southgate war mehr als eine Stunde nach dem Abpfiff noch immer euphorisiert. "Ich habe Wembley noch nie so erlebt. Das mit der Nation zu teilen ist sehr besonders", schwärmte Englands Nationaltrainer nach dem ersten Endspieleinzug für die Three Lions bei einem wichtigen Turnier seit 55 Jahren. Er sprach von einer "fantastischen Nacht". Für den ehemaligen Teamverteidiger ist es auch persönlich eine Genugtuung. Bei der Euro 1996 schied England im Halbfinale im Wembley gegen Deutschland im Elfmeterschießen aus. Southgate vergab dabei entscheidend.

Einstimmen auf Italien

Knapp 60.000 Fans im Wembley stimmten am Dienstagabend nach Abpfiff gemeinsam mit der Mannschaft ihre Lieder an. "Football's coming home" wird bis Sonntag der Gassenhauer auf der Insel bleiben. Bei der WM vor drei Jahren scheiterten die Engländer im Halbfinale. Dieses Mal soll nicht wieder kurz vor dem Ziel Schluss sein. Schon im großen Jubel über den Sieg richteten Kane und seine Teamkollegen den Blick nach vorn.

Southgate stimmte sein Team und die Fans schon einmal auf eine schwierige Aufgabe gegen die Squadra Azzurra ein, die sich mit 4:2 im Elfmeterschießen gegen Spanien durchgesetzt hatte und bisher eine überzeugende EM spielt. "Wir haben ihre Fortschritte in den vergangenen Jahren eng verfolgt. Sie spielen mit sehr viel Energie, es ist schwierig, gegen sie zu treffen", sagte Englands Teamchef. "Das ist der größte Test, den wir haben könnten. Aber es ist wundervoll, diese Gelegenheit zu bekommen." (sid, APA, red, 8.7.2021)