Ließe die Spargelproduktion Rückschlüsse auf die Weltherrschaft zu, gäbe es keine Diskussion mehr, wer die Welt beherrscht. Denn an Chinas 8,3 Millionen Tonnen Spargel jährlich kommt der Zweitplatzierte Peru mit 370.000 Tonnen nicht einmal ansatzweise heran.

Das bevölkerungsreichste Land der Welt liegt bereits in vielen auf den ersten Blick eher nebensächlich anmutenden Rankings uneinholbar vorn. Doch der ehrgeizige Präsident Xi Jinping signalisiert immer mehr auch weltpolitischen Mitbestimmungsanspruch, ja, sogar Führungsanspruch. Sieben Bereiche, in denen es bis 2030 klappen könnte:

Wirtschaft

Gerade einmal 20 Jahre hat es gedauert, um Chinas Anteil an der Weltwirtschaft von 3,6 Prozent auf heute knapp 18 Prozent hochzuschrauben. Den unfassbaren Aufstieg Pekings kann kein Ökonom dieser Welt leugnen. Beim Kampf um Platz eins scheiden sich aber die Geister. Wird Chinas Aufholjagd bis an die Spitze andauern? Oder beißt man sich an den USA – seit knapp einem Jahrhundert Spitzenreiter – die Zähne aus?

Es geht vor allem darum, welche Bemessungsgrundlage herangezogen wird. Für das makroökonomische Wirtschaftsforschungsinstitut CEBR aus London ist klar: Dank des deutlich schnelleren Comebacks nach Corona ist es bereits 2028 so weit. Dann wird China die USA mit einem 5,7-prozentigen Wachstum bis Mitte des Jahrzehnts und mit einem 4,5-prozentigen jährlichen Wachstum bis 2030 schon in sieben Jahren als größte Volkswirtschaft der Welt überholen, gemessen am inflationsbereinigten Bruttoinlandsprodukt. Andere Analysen gehen von 2027, konservativere erst von 2032 aus. Bei der Kaufkraftparität ist man sowieso bereits die Nummer eins.

Chinas Wirtschaft könnte schon bald die größte der Welt sein.
Foto: imago images/Xinhua

Runtergerechnet auf das BIP pro Kopf werden die USA freilich noch einige Jahrzehnte, vielleicht sogar bis Ende des Jahrhunderts in Führung bleiben, prognostizieren vor allem US-amerikanische Ökonominnen und Ökonomen. Viele warnen aber auch, dass Chinas Zahlen nach oben frisiert sein könnten oder das Reich der Mitte sogar das Schicksal des verfeindeten Nachbarn Japan ereilen könnte, das einst auf dem Weg zum Spitzenplatz von einer Wirtschaftskrise eingebremst wurde. US-Präsident Joe Biden jedenfalls hat postuliert, dass China nicht zur Volkswirtschaft Nummer eins werde, solange er Präsident ist. Geht er in eine zweite Amtszeit, könnte das knapp werden.

Künstliche Intelligenz

Fortschritte im Bereich KI zu messen ist schwierig. Ein sprechender Roboter hier, eine angeblich autonom agierende Drohne da, eine nationale Überwachungssoftware dort. Aber wer liegt hier technologisch tatsächlich vorn? Die kurze Antwort: noch die USA.

Wie so vieles ist auch das Rennen um die KI-Vorherrschaft – sofern es diese denn überhaupt gibt – ein "two horse race", also ein Zweikampf zwischen den USA und China. Beide verkünden in beachtlicher Regelmäßigkeit neue Erfolgsmeldungen. Und scheuen sich dabei nicht einmal, Schwächen einzugestehen.

Wie etwa im Falle der sogenannten "dog fights": Dabei kämpfen nicht etwa Hunde gegeneinander, sondern Kampfjetpiloten. Mittels blitzschneller Manöver versuchen sie, ans Heck des anderen zu kommen, um diesen – zumindest theoretisch – abzuschießen. Lange eine absolute Domäne der besten Piloten der Welt, gaben mittlerweile beide Staaten bekannt, dass die Luftstreitkräfte chancenlos im Kampf gegen die eigenen Algorithmen seien.

Chinas Zukunft.
Illustration: Fatih Aydogdu

Es gibt aber noch mehr Arenen, in denen sich die Kontrahenten duellieren. Unter den Akademikern, deren KI-Papers zu den meistzitierten Top-Zehn-Prozent zählen, finden sich fast ausgewogen amerikanische wie chinesische Wissenschafter. Auf beide Seiten entfällt aktuell rund ein Viertel der einflussreichsten Werke. Mit einem Überholmanöver der chinesischen Forschenden wird hier bereits in den kommenden ein bis zwei Jahren gerechnet.

Das Gewinnen hat System. Die globale KI-Führerschaft bis 2030 ist nämlich nicht weniger als Staatsdoktrin, seit Xi Jinping dieses Ziel 2017 offiziell ausrief. Gesichts- und Spracherkennungssoftwares im Reich der Mitte sind mittlerweile erschreckend präzise. Aufholbedarf gäbe es derzeit nur mehr in der Grundlagenforschung sowie bei den Hardware-Elementen, monieren Experten.

Doch mithilfe eines immer größer werdenden Pools an heimischen KI-Talenten – aktuell sind es rund 18.000 im Gegensatz zu den 29.000 US-amerikanischen – und immer besseren Forschungseinrichtungen soll diese Lücke bis Ende des Jahrzehnts geschlossen werden. Ausgerechnet die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Peking und Washington und der damit einhergehende seltenere Austausch von Talenten gelten als treibende Kraft für die gewaltigen KI-Investitionen Chinas.

Damit sollen auch solche Forscher, die einst über den Pazifik an die US-Westküste gingen, wieder zurück ins Land gelockt werden. Dem US-amerikanischen Silicon Valley stehen Pendants wie das als KI-Stadt bezeichnete Hangzhou gegenüber – und wohl auch nicht mehr lange nach.

Halbleiter

Noch vor 30 Jahren waren die USA und Europa für die Herstellung von immerhin drei Viertel aller Mikrochips verantwortlich. Mittlerweile hat sich die Produktion überwiegend nach Asien verlagert. Südkorea, Japan, Taiwan und China gelten mittlerweile als unangefochtene Top-Adressen in diesem Bereich. Und China wird es auch sein, das bis Ende des Jahrzehnts klar an die Spitzenposition aufsteigt.

Die chinesische Chip-Produktion wächst und wächst und wächst.
Foto: STR / AFP

Weil die Mikroprozessoren auch immer mehr als kritische Sicherheitskomponenten verstanden werden, will etwa die EU durch eine Chipallianz den Ausbau der Halbleiterproduktion wieder stärker in den Fokus rücken. Auf diese Weise soll der EU-Anteil an der Chipproduktion bis 2030 von zehn auf 20 Prozent angehoben werden. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton sieht vor allem in den besonders dünnen Zwei-Nanometer-Chips eine "Schlüsseltechnologie für 5G und 6G, das autonome Fahren, die Industrie 4.0 und den Green Deal".

Raumfahrt

Lange war der Kampf um die Vorherrschaft im Weltraum ein Zweikampf: die USA auf der einen, die Sowjetunion und später Russland auf der anderen Seite. Mit dem Ende des Kalten Krieges hat sich auch die Situation im Weltall etwas entspannt. So schweben russische Kosmonauten und US-amerikanische Astronauten (nebst solchen anderer Staaten) seit Jahren Schulter an Schulter auf der internationalen Raumstation ISS. Doch die Zukunft der ISS ist ungewiss.

Während die Vereinigten Staaten und Russland seit Beginn des Jahres über das Schicksal des in die Jahre gekommenen Projekts verhandeln, macht China Nägel mit Köpfen. Vor rund drei Wochen sind die ersten chinesischen Astronauten in die nagelneue Raumstation Tiangong eingezogen. Der mit "Himmelspalast" übersetzbare Komplex wird im Endausbau zwar kleiner sein als die ISS. Sollte Letztere aber tatsächlich außer Dienst gestellt werden, wäre Tiangong der einzige Außenposten der Menschheit im All.

Die Tiangong.
Foto: mago images/Xinhua

Natürlich sind Raumstationen nicht alles – das Verhältnis von Kosten und wissenschaftlichem Nutzen steht immer wieder in der Kritik. China zeigt aber auch an anderen Stellen, wie ernst es das Land mit der Raumfahrt meint. 2019 landete eine chinesische Sonde öffentlichkeitswirksam auf der erdabgewandten Seite des Mondes, für die 2030er-Jahre ist sogar eine bemannte Mondstation geplant. Ein Space-Race will Peking darin nicht sehen, ganz ohne Symbole geht es aber nicht: Die Flagge, die eine chinesische Sonde im Dezember auf dem Mond aufstellte, sollte extra stabil sein und nur langsam ausbleichen. Die US-Flagge der Apollo-11-Mission von 1969 hingegen wurde beim Abflug der Mondfähre umgeweht.

Nuklearenergie

Ist die Nuklearenergie auf dem Rückzug? Bei kaum einem Energieträger kommt es bei der Beantwortung dieser Frage so sehr auf den Blickwinkel an wie bei der Atomenergie. Während in großen Industrienationen wie Deutschland, Spanien oder Südkorea in den kommenden Jahrzehnten alle Atomkraftwerke vom Netz genommen werden und sich die Anzahl in Betrieb befindlicher AKWs in nuklearen Vorreiterländern wie den USA oder Frankreich durch altersbedingte Abschaltungen allmählich verringert, nimmt die Nuklearenergie in manch asiatischem Staat erst so richtig Fahrt auf.

Neben Neu-Delhi will vor allem Peking die Atome im Land gespalten sehen. Knapp 49 Kernkraftwerke bestehen aktuell. Mit 47,5 Gigawatt (GW) decken sie noch nicht einmal zwei Prozent des chinesischen Strombedarfs.

Das soll sich künftig aber ändern. Nicht weniger als 17 neue Kernkraftwerke mit einer zusätzlichen Leistung von 18,5 GW befinden sich derzeit in Bau. Der Spitzenreiter USA produziert momentan noch rund das Doppelte der chinesischen Leistung, in den Staaten sind aber gerade einmal zwei neue AKWs in Bau und einige vor ihrer Abschaltung. Laut Berechnungen der Internationalen Energiebehörde (IEA) werden die USA deshalb noch bis Ende des Jahrzehnts durch China vom Spitzenplatz vertrieben werden. Bereits für 2025 sind im bevölkerungsreichsten Land der Welt 70 GW Leistung als Ziel ausgeschrieben, zehn Jahre später schlappe 180 GW.

Die Nuklearenergie ist nur eine von vielen Bereichen, in denen China bald die Spitzenposition einnimmt.
Foto: Fatih Ayadogdu / Der Standard

Damit hätte man Frankreich und die USA sogar zusammengenommen überholt. Musste China bis vor kurzem noch vor allem auf Know-how und Technologie aus den USA, Kanada, Frankreich oder Russland setzen, so stammen bei den Druckwasserreaktoren der neuesten Generation – der Hualong-Serie – bereits 88 Prozent der Teile aus China selbst, inklusive aller kritischen Komponenten. Das öffnet die Tore für massenhafte Produktion sperrangelweit. Südlich des Himalaja, beim regionalen Rivalen Indien, will man indes bis 2030 das aktuelle Niveau Chinas erreichen.

Klimaschutztechnologie

"Aber China!", ist die Antwort, die man häufig hört, wenn Europa oder die USA strengere Klimaschutzauflagen durchsetzen wollen. Und tatsächlich ist kein Land für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als das Reich der Mitte, es sind mehr als jene von USA und EU zusammen. Beim Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 liegt China allerdings auf dem Niveau Österreichs – freilich bei geringerem Lebensstandard. So schnell wird sich das auch nicht ändern. Allein 2020 sind in China Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 38 Gigawatt ans Netz gegangen – dreimal so viel wie im Rest der Welt. Was von den Versprechen, dass die Emissionen noch vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen und bis 2060 auf null sinken, zu halten ist, ist schwer einzuschätzen.

Trotzdem braucht die Welt China beim Kampf gegen den Klimawandel. Denn das Land verbraucht paradoxerweise nicht nur die Hälfte der weltweit geförderten Kohle, sondern ist auch Weltmarktführer bei vielen Technologien, die für Klimaschutz notwendig sind. Schon jetzt kommen sieben von zehn Solarmodulen aus China, und bis 2025 könnten im Land doppelt so viele Batterien produziert werden wie im Rest der Welt zusammen.

Auch wenn China viel davon selbst brauchen wird, ist klar: Um die enormen Berge an Ressourcen, die für die schnelle Energiewende notwendig sind, zu beschaffen, führt kein Weg an Peking vorbei.

Waffen

Es begann in etwa mit der Obama-Administration, als Vertreter des US-Verteidigungsministeriums China allmählich zum schlagkräftigsten, mitunter auch gefährlichsten Rivalen des stärksten Militärs der Welt erhoben. Seither kommen in unregelmäßigen Abständen Berichte mit Spekulationen heraus, ob und wann die USA denn jenen prestigeträchtigen Titel verlieren könnten. Eines ist klar: China ist versucht, die Lücke zu schließen.

Chinas Armee rüstet auf, scheinbar auch mit feschen Yeti-Anzügen.
Foto: REUTERS/Stringer/File Photo

Mit Militärausgaben von einer geschätzten Viertelbillion US-Dollar ist China mittlerweile die unangefochtene Nummer zwei. Die USA geben (noch) dreimal so viel aus, die Plätze drei bis sechs in etwa gemeinsam so viel wie die Chinesen. US-Militärstrategen beobachten aber, dass ein sehr großer Anteil am chinesischen Militärbudget tatsächlich nur in die Entwicklung und den Kauf neuer Waffen investiert wird, während in den USA immer mehr Geld für steigende Gehälter, die Planung von Einsätzen oder die Instandhaltung alter Atomwaffen draufgeht. Manche gehen sogar so weit zu glauben, dass Peking Washington bis zum Ende der ersten Amtsperiode von US-Präsident Joe Biden – also 2024 – waffen- und munitionstechnisch überlegen sein könnte.

Mehr Waffen allein entscheiden heutzutage aber freilich ebenso wenig über den Ausgang eines Konflikts wie die Zahl an aktiven Soldaten und Reservisten. In Sachen Training, Aus- und Weiterbildung, Logistik, Instandhaltung oder Zusammenspiel verschiedener Militärbereiche dürften die USA noch weit über 2030 hinaus die Nummer eins bleiben. Dennoch sprechen einige Analytiker bereits vom größten militärischen Aufrüstungsprogramm in Friedenszeiten seit den 1930ern.

Dennoch: Niemand außerhalb eines kleinen chinesischen Kreises weiß über die Mittel der Volksbefreiungsarmee tatsächlich Bescheid. Xi Jinping will bis zum 100-jährigen Bestehen der Volksbefreiungsarmee im Jahr 2027 aber die erste Modernisierungswelle abgeschlossen haben. Und das trägt wohl kaum zur Beruhigung der US-Strategen bei. (Fabian Sommavilla, Philip Pramer, 10.7.2021)