Nur wenige feierten den Jahrestag der Unabhängigkeit wirklich. Doch dieser junge Mann ließ es sich in der Hauptstadt Juba nicht nehmen, die Flagge zu tragen.

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Eine Luftansicht des Camps für Binnenvertriebene in Bentiu.

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Hunderttausende Südsudanesen befinden sich noch in sudanesischen Flüchtlingscamps.

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Jeremiah Yardiu hat die Hoffnung für sein Land noch nicht aufgegeben.

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Jeremiah Yardiu kann sich noch gut an den Tag erinnern, als er eine neue Staatsbürgerschaft erhielt – als rund zwölf Millionen Menschen eine neue Staatsbürgerschaft erhielten. Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan unabhängig, und die junge Nation feierte. Der damals 25-jährige Yardiu spricht heute von einem Tag voller Hoffnung: "Wir hatten die Hoffnung auf Freiheit, dass wir endlich von den Ressourcen des Landes profitieren, die Kinder gratis zur Schule gehen können und dass es endlich Frieden gibt", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD.

Heute, zehn Jahre danach, haben sich die Hoffnungen des 35-Jährigen und der Mehrheit der südsudanesischen Bevölkerung zerschlagen. Bewaffnete Gruppen ziehen noch immer durch das Land, und Präsident Salva Kiir regiert von der Hauptstadt Juba aus mit eiserner Hand. Sein riesiger Sicherheitsapparat sorgt dafür, dass er an der Macht bleibt und die Bevölkerung vom Ölreichtum des Landes wenig abbekommt.

Nur die Nummer zwei

Dabei hätte Kiir gar nie Präsident werden sollen. Der heute 69-Jährige mit dem Cowboyhut war während des Bürgerkriegs mit dem Norden nur die Nummer zwei hinter John Garang. Der war es, der 1983 die Sudan People's Liberation Army gründete, die Speerspitze im Kampf im Unabhängigkeitskampf des christlich dominierten Südens gegen die islamische Regierung im Norden. Es war das Jahr, als die Führung in Khartoum die Einführung der Scharia im Sudan ankündigte. Die Vision Garangs war, die dutzenden Stämme und Volksgruppen des Landes zu einen.

Der Krieg, der daraufhin ausbrach, gilt bis heute als der längste Bürgerkrieg Afrikas. In den Jahren von 1983 bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags 2005 starben rund zwei Millionen Menschen. John Garang unterzeichnete noch das Abkommen, kurz darauf starb er bei einem Helikopterabsturz. Der kampferprobte, aber ungebildete Kiir rückte zum Führer des bald unabhängigen Landes auf.

2010, also ein Jahr vor der Unabhängigkeit, kehrte Yardiu wieder in seine Heimat zurück. Er war acht Jahre zuvor mit zwei seiner jüngeren Brüder während des Krieges nach Kenia geflüchtet, lebte dort in einem Flüchtlingslager. Die Burschen erhielten sowohl grundlegende als auch weiterführende Schulbildung, wie Yardiu erzählt. Nach seiner Rückkehr begann er für Ärzte ohne Grenzen (MSF) zu arbeiten, heute ist er in einem Lager für Binnenvertriebene in der Provinzhauptstadt Bentiu im Bundesstaat Unity tätig.

Blutige Jahre

"Bis zum Jahr 2012 haben wir der Regierung Zeit gegeben, dass sie ihre Arbeit aufnimmt", erinnert sich Yardiu: "2013 begannen dann die Probleme." Damit meint er die ethnischen Konflikte, die wieder aufflammten. Kiir, ein Angehöriger der Dinka, die mehr als ein Drittel der südsudanesischen Bevölkerung stellen, beschuldigte seinen Vizepräsidenten und eigentlichen Rivalen Riek Machar des Putschversuchs. Machar zählt zu den Nuer, der zweitgrößten ethnischen Gruppe Land. Daraufhin jagten bewaffnete Dinka Angehörige der Nuer im Land, ein blutiger Konflikt brach wieder los, Machar flüchtete ins Exil.

Aus diesem kehrte er 2016 wieder zurück, um eine erneute Friedensvereinbarung zu unterzeichnen und abermals eine Einheitsregierung mit Kiir zu bilden. Diese hielt aber nicht lange, und Machar flüchtete abermals aus dem Land. Seit 2018 ist wieder ein Friedensvertrag in Kraft, der aber als brüchig gilt. Eigentlich hatte man sich auf Wahlen im Jahr 2022 geeinigt, doch wurden diese bereits auf das darauffolgende Jahr verschoben.

Und Beobachter gehen davon aus, dass Kiir auch dann nicht den Posten räumen wird, wie von so vielen Menschen im Land gefordert. Vielmehr scheint es, als würde er seinen Sicherheitschef, Akol Koor Kuc, als Nachfolger installieren. Kuc gilt mit einem jährlichen Budget von rund 100 Millionen Euro und zehntausenden Sicherheitsbeamten unter seinem Kommando als zweitmächtigster Mann im Südsudan.

Kindersterblichkeit und Flucht

Die Baustellen im jüngsten Staat der Erde sind groß: Heute brauchen mehr Menschen humanitäre Hilfe als noch während des Bürgerkriegs mit dem Sudan. 8,5 Millionen Südsudanesinnen und Südsudanesen sind darauf angewiesen, rechnete das UN-Büro für humanitäre Hilfe (OCHA) erst vor kurzem aus. Seit dem Jahr 2019 sind 1,5 Millionen hinzugekommen. In großen Teilen des Landes herrscht laut Vereinten Nationen eine "hungersnotähnliche Situation". Die Kindersterblichkeit ist so hoch wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Eines von zehn Kindern erlebt seinen fünften Geburtstag nicht. 1,6 Millionen Menschen waren auch im Jahr 2020 noch innerhalb der Landesgrenzen vertrieben, allein im Sudan leben noch fast 730.000 südsudanesische Flüchtlinge.

Doch Yardiu spricht auch am 10. Jahrestag der Unabhängigkeit von Hoffnung. Und das, obwohl er aufgrund der labilen Sicherheitslage seit sechs Jahren seinen Vater nicht mehr persönlich gesehen hat: "Ich hoffe, dass die politischen Verantwortlichen das getane Unrecht richtigstellen, dass das bisschen Frieden, das wir im Moment haben, bleibt." Und er fügt hinzu: "Ich glaube noch immer, dass wir unser Traumland haben können." (Bianca Blei, 12.7.2021)