Könnte vielleicht ein Bürgschaftsmodell funktionieren? Wenn sich eine Gruppe an Staatsbürgern für einen Geflüchteten verbürgt, kann er oder sie bleiben, auch ohne positiven Asylbescheid.

Foto: dpa/Patrick Lux

Kurz vor dem Sturz der Taliban flüchtete Mirwais als unbegleiteter Minderjähriger nach Österreich. Nach nur drei Jahren konnte er so gut Deutsch wie seine Klassenkameraden und bewarb sich als 16-Jähriger für ein Stipendium an einem United World College. Im Interview – ich war damals Mitglied des Auswahlkomitees – wurde mir klar, der junge Mann gehörte zu den Besten. Andere hatten ihre Zweifel: Ein afghanischer Flüchtling an einer internationalen Eliteschule – ob das gutgehen würde? Am Ende bekam Mirwais den Platz und studierte danach an Unis in den USA und in England. Sein Versuch, beim Wiederaufbau Afghanistans mitzuhelfen, scheiterte, denn schon nach zwei Wochen in Kabul bekam er Morddrohungen und musste nach Europa zurückkehren. Derzeit arbeitet er an der Gründung eines Fairtrade-Unternehmens zwischen Österreich und seinem Herkunftsland.

Hedayat wiederum kam vor knapp zehn Jahren nach Wien. Als Student nahm er 2014 am Forum Alpbach teil. Dort fiel er mir auf, weil er sich gleich meldete, als wir spätabends freiwillige Helfer für einen großen Bühnenumbau brauchten. Wir blieben in Kontakt. In der Flüchtlingskrise 2015/16 dolmetschte er ehrenamtlich für Ärzte ohne Grenzen. Heute arbeitet er als Betreuer in einem Flüchtlingsheim und ist ein echtes Vorbild.

Ein Dorf hält still

Ahmed* lernte ich auf dem Hof einer befreundeten Landwirtin im Weinviertel letztes Jahr kennen. Ohne ihn würde es nicht gehen, meint sie, denn für die schwere Arbeit im Stall und auf dem Feld lässt sich kein Österreicher anstellen. Dabei dürfte Ahmed eigentlich gar nicht legal arbeiten, denn seit über drei Jahren wartet er auf seinen Asylbescheid. Im Dorf halten die Leute glücklicherweise still.

Mirwais, Hedayat, Ahmed – das sind drei afghanische Männer, denen ich in den letzten Jahren persönlich begegnet bin. Alle drei haben gemeinsam, dass sie nicht als Opfer oder Traumatisierte wahrgenommen werden wollen, sondern als Menschen, die für ihr Leben verantwortlich sind, etwas können und leisten wollen. Und natürlich machen sie sich Sorgen um ihr Heimatland, das nun nach dem schmachvollen Abzug der US-Amerikaner (und der Nato) endgültig im Chaos versinkt. Und natürlich sind sie schockiert über das, was in Wien geschehen ist.

Recht und Mitmenschlichkeit

Wegen des tragischen Todes eines 13-jährigen Mädchens sitzen drei andere afghanische Männer in U-Haft. Der Fall befeuert wieder einmal die Debatte über diese Gruppe an Geflüchteten. Es ist zum Verzweifeln! Warum dieser blinde Hass bei den einen und eine oftmals blauäugige Naivität bei den anderen? Können wir nicht eine Gesellschaft schaffen, in der das Recht ebenso zählt wie die Mitmenschlichkeit? Beides scheinen wir nicht hinzukriegen. Kriminelle bleiben im Land, unschuldige Kinder schieben wir ab.

Gibt es andere Wege in der Integrationspolitik? Könnte vielleicht ein Bürgschaftsmodell funktionieren? Wenn sich eine Gruppe an Staatsbürgern für einen Geflüchteten verbürgt, kann er oder sie bleiben, auch ohne positiven Asylbescheid. Ich bin mir sicher, viele Österreicherinnen und Österreicher wären bereit, Verantwortung zu übernehmen. Was wäre Ihr Ansatz? Überlassen wir diese Debatte nicht jenen, die am lautesten schreien. (Philippe Narval, 12.7.2021)

*Name wurde vom Autor geändert