In sozialen Netzwerken machten die Bilder von Bassem Awadallah in Häftlingskleidung die Runde.

Foto: AP / Raad Adayleh

Man könnte von "kurzem Prozess" sprechen, denn nur sechs Sitzungen benötigte ein Militärgerichtshof in Amman, um ein Urteil in einer ebenso spektakulären wie nach wie vor undurchsichtigen Causa zu fällen: Bassem Awadallah, ehemaliger mächtiger Mann am jordanischen Königshof, und Sharif Hassan bin Zaid, ein Geschäftsmann und entfernter Cousin von König Abdullah, wurden zu je 15 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt: wegen zersetzerischer und die Stabilität der jordanischen Monarchie gefährdender Aktivitäten. Konkret sollen sie vorgehabt haben, König Abdullah bin Hussein (59) auf dem Thron durch seinen Halbbruder Hamza bin Hussein (41) zu ersetzen.

Und da wird das Wasser trübe. In dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozess wurden Chatnachrichten zwischen den drei Personen vorgelegt, die deren Absichten belegen sollen. Es gibt aber keinen – zumindest keinen öffentlich bekannten – Hinweis darauf, dass irgendjemand im Staatsapparat, vor allem in den Sicherheitskräften, das mitgetragen hätte, das heißt, dass es konkrete Umsturzpläne gegeben hätte. Weitere 16 im April verhaftete Personen sind wieder auf freiem Fuß. Also ein Coup zu dritt?

Prinz Hamza selbst stand nicht vor Gericht: Die Familie hatte das unter sich geregelt. Der jüngste Sohn des 1999 verstorbenen charismatischen Königs Hussein und seiner vierten Frau, Königin Nur, musste Abdullah Loyalität schwören. Im April, als die Affäre explodierte, hatte er sich aus dem Hausarrest per Video zu Wort gemeldet und Korruption und Regierungsunfähigkeit – und Tyrannei – in Jordanien angeprangert. Sein jetziger Status ist unbekannt. Ein Wunsch der Anwälte der Angeklagten, ihn als Zeugen vor Gericht erscheinen zu lassen, blieb unerfüllt.

Hamzas Anhänger in den Stämmen

Dass Prinz Hamza vor allem in den jordanischen Stämmen viele Anhänger hat, die König Abdullah und seiner palästinensischen Frau, Königin Rania, sehr kritisch gegenüberstehen, war seit Jahren bekannt. Hamza dürfte sich durchaus auch selbst als von seinem Halbbruder gegen den Willen ihrer beider Vaters Marginalisierter sehen: Auf Wunsch des sterbenden Königs Hussein setzte ihn Abdullah 1999 als seinen Kronprinzen ein. 2004 entließ er ihn und machte später seinen eigenen Sohn, Hussein (27), zum Thronfolger.

Bassem Awadallah und Sharif Hassan bin Zaid bekannten sich während des Prozesses als nicht schuldig und werden gegen das Urteil berufen. Die "Washington Post" zitierte am Montag Awadallahs US-Anwalt Michael Sullivan mit der Behauptung, sein Mandant sei im Gefängnis gefoltert und bedroht worden, um ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Seine Familie sagt, er befürchte, im Gefängnis umgebracht zu werden, weil er so viele royale Interna wisse.

Steile Karriere, tiefer Fall

Bassem Awadallah hat neben der jordanischen auch noch eine amerikanische und eine saudi-arabische Staatsbürgerschaft. In den ersten Jahren der Regentschaft von König Abdullah legte er eine steile Karriere hin, bekleidete Ministerämter (Finanzen und Planung), war Chef des königlichen Hofs und Aushängeschild eines reformfreudigen modernen Jordaniens.

Bei den Menschen war er jedoch bald unbeliebt und galt als korrupt. Die nun in sozialen Netzwerken kursierenden Bilder, die ihn in blauer Häftlingskleidung und mit in Handschellen hinter den Rücken gebundenen Händen zeigen, werden teils hämisch kommentiert.

Grund dafür ist auch, dass Bassem Awadallah in den letzten Jahren seine Dienste dem saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman als Berater zur Verfügung stellte. Auch der Zweitangeklagte, Sharif Hassan bin Zaid, hat Verbindungen nach Saudi-Arabien.

Unmittelbar nach ihrer Verhaftung reisten mehrere saudische Offizielle, darunter Außenminister Prinz Faisal bin Farhan, nach Amman: nach offiziellen Angaben, um König Abdullah der saudischen Solidarität und Unterstützung zu versichern. Andere behaupten, die Saudis hätten versucht, vor allem Awadallah freizubekommen.

Saudische Verbindungen?

Daher stammt das Gerücht, die Saudis hätten bei den vermeintlichen Putschplänen die Hände mit im Spiel gehabt – dass ausländische Kräfte beteiligt gewesen seien, sagen, ohne nähere Angaben, auch die jordanischen Behören. Mohammed bin Salman sei wütend gewesen, so die Fama, dass König Abdullah US-Präsident Donald Trumps Nahostpläne, in die der Jordanier nicht eingebunden war, ablehnte. Tatsächlich ist die schwindende Aussicht auf einen Palästinenserstaat ein Problem für Jordanien, das bereits eine palästinensische Bevölkerungsmehrheit hat.

Unter Trump hat sich das US-jordanische Verhältnis eingetrübt, nun wird Abdullah am 19. Juli der erste arabische Staatschef sein, den Präsident Joe Biden empfängt. Auch ein Geheimtreffen zwischen Abdullah und Naftali Bennett soll bereits stattgefunden haben. Dabei habe der neue israelische Premier Jordanien dringend gebrauchte Wasserlieferung über die im Friedensvertrag von 1994 vereinbarte Quantität hinaus zugesagt. Unter Benjamin Netanjahu waren die Beziehungen zuletzt sehr schlecht.

Dass die Brüche im Königshaus so offenliegen, lässt manche Beobachter an der Stabilität Jordaniens zweifeln, das unter riesigen wirtschaftlichen und strukturellen Problemen leidet. Ein großer Elektrizitäts-Blackout im Mai führte beinahe zu Unruhen, die Menschen bekunden zum Teil offen ihre Unzufriedenheit. Dass die vom König eingesetzte neue Reformkommission viel bringt, glaubt kaum jemand. Es hat schon zu viele nicht eingehaltene Versprechungen gegeben. (Gudrun Harrer, 12.7.2021)