"Das Gentlemen’s Agreement, dass Spionage nur dann geahndet wird, wenn sich diese gegen heimische Interessen richtet, ist mehr als löchrig", sagt der Historiker Thomas Riegler im Gastkommentar.

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Laut "New Yorker" bezeichnet CIA-Chef William Burns die Vorfälle in der US-Botschaft in Wien als "Attacken".
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Dass Wien der neue Hotspot des "Havanna-Syndroms" sein soll, hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. 2016 wurde diese mysteriöse Erkrankung von US-amerikanischen Spionen und Diplomaten erstmals auf Kuba verzeichnet. Bisher ist diese unter anderem im chinesischen Guangzhou, in Moskau, Georgien, Kirgisistan, Polen, Usbekistan und selbst in Washington, D. C., aufgetreten. Nun hieß es im New Yorker, dass in Wien gleich zwei Dutzend Fälle zu verzeichnen seien.

Die CIA ist schon seit längerem der Ansicht, dass das "Havanna-Syndrom" bewusst hervorgerufen wird – etwa indem die Gegenseite das US-Personal mit Mikrowellen bestrahlt. Insbesondere die russischen Geheimdienste werden verdächtigt, dahinterzustecken. Dagegen spricht, dass bisher fast nur US-Amerikaner betroffen sind, obwohl sich auch andere westliche Dienste mit ihren russischen Pendants matchen. Handfeste Beweise gibt es nicht. Überarbeitung und sogar Einbildung erscheinen genauso möglich.

"Havanna-Syndrom" hin oder her: Geheimdienste gehen immer risikofreudiger gegeneinander vor. Noch im Kalten Krieg galt die Regel, dass Spione voreinander sicher waren. Das volle Risiko tragen bis heute die "Quellen", also jene, die Informationen weitergeben und sich dabei nicht auf diplomatische Immunität verlassen können.

"Schießplatz" Wien

In dem Zusammenhang war die Spionagedrehscheibe Wien Ende der 1940er-Jahre noch als "der Schießplatz" verschrien. Damals wurden Informanten und alle jene, die man als solche verdächtigte, auf offener Straße entführt. Andere wurden vor allem von sowjetischen Militärgerichten zum Tode oder zur Zwangsarbeit verurteilt. Opferzahlen schwanken zwischen 400 und 800. Die Verfolgungsszenen im Klassiker Der dritte Mann (1948) vermitteln ein realistisches Bild von dieser Schreckenszeit, die selbst unter den akkreditierten Agenten beider Seiten Opfer forderte. Angehörige der sowjetischen Gegenspionage "Smersh" bekamen Extraurlaub, weil der Dienst in Wien so fordernd war.

In den 1950er-Jahren wurde es beschaulicher. Die verschiedenen Geheimdienste der früheren Besatzungsmächte hatten sich eingerichtet und genossen die Annehmlichkeiten und Vorteile, die ihnen der "neutrale Boden" bot. Mitunter ging es anders: 1975 wurde ein sowjetischer Überläufer vor der Votivkirche entführt, er tauchte nie wieder auf. Gegenüber der CIA setzte der KGB auf psychologische Tricks: Als 1986 die neue Stationschefin in Ostberlin nach längerer Zeit in Wien den Dienst angetreten hatte, spielte man ihr einen Videofilm mit dem Titel This Is Your Life vor. Dieser enthielt Außenaufnahmen ihrer früheren Wiener Wohnung. Zu hören waren Gesprächsfetzen, die mit Mikrofonen aufgenommen worden waren. Die Agentin ließ sich aber nicht unter Druck setzen und meldete alles nach Washington.

Österreich nicht außen vor

In den letzten Jahren ist das Geschäft rauer geworden. In Moskau steigt der Observationsdruck bis hin zu körperlichen Übergriffen. Insofern passen die Gerüchte über das "Havanna-Syndrom" in ein Muster. Hinzu kommt: Die CIA-Station Wien ist eine der größten weltweit. Ebenso verfügt Russland in Kaisermühlen seit Mitte der 1980er-Jahre über eine 40.000 Quadratmeter große Diplomatensiedlung. Es handelt sich um eine der größten Legalresidenturen Russlands weltweit, welche die "besondere Bedeutung Wiens für die russische Spionagetätigkeit in Europa" unterstreicht, so das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) in einem Jahresbericht.

Das zunehmende Kräftemessen in Wien birgt Konsequenzen für die Sicherheit Österreichs. Das Gentlemen’s Agreement, dass Spionage nur dann geahndet wird, wenn sich diese gegen heimische Interessen richtet, ist mehr als löchrig. Österreich ist nicht mehr außen vor. Allein seit 2018 waren zu verzeichnen: ein massiver Cyberangriff, Geheimnisverrat durch einen Bundesheer-Oberst an Russland, ein Auftragsmord an einen tschetschenischen Dissidenten und kürzlich ein verhinderter Anschlag gegen einen weiteren. Die undurchsichtigen Manöver des Wirecard-Managers Jan Marsalek stehen für die Zunahme von strategischer Einflussnahme. Und nun noch das "Havanna-Syndrom".

Wobei man eines nicht unterschätzen sollte: Der russlandfreundliche Kurs in Österreich seit 2017 wird in Washington ausgesprochen kritisch gesehen. Insofern handelt es sich auch um ein Signal an Wien – nicht zu vergessen, wo man hingehört. (Thomas Riegler, 22.7.2021)