Die Wassermassen hinterlassen ein Bild der Zerstörung in der Millionenstadt Zhengzhou.

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Das Wasser steht mancherorts immer noch kniehoch, auch drei Tage nachdem es die Straßen von Zhengzhou zu reißenden Flüssen gemacht hat. Die einstweilige Bilanz der Überflutungen ist erschütternd: Mindestens 33 Menschen sind seit Dienstag in der zentralchinesischen Provinz Henan bei Überflutungen gestorben, allein in der Hauptstadt Zhengzhou sind es mehr als zwei Dutzend.

Besonders tragische Szenen haben sich am Dienstag im U-Bahn-System der Zwölf-Millionen-Stadt abgespielt, als zahlreiche Menschen durch das steigende Wasser im Tunnelsystem eingeschlossen waren. Über 500 Menschen konnten rechtzeitig gerettet werden, mindestens zwölf Menschen schafften es nicht mehr heraus.

Nun sind tausende Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee in den betroffenen Regionen im Einsatz. Neben den Schäden in den Städten müssen Bauern mit riesigen Ernteausfällen rechnen. Fast 400.000 Menschen sind seit vergangenem Freitag, als der große Regen begonnen hatte, evakuiert worden. Laut Xinhua sind drei Millionen Menschen in über 800 Distrikten in Henan betroffen. Freiwillige Helfer, die aus Sichuan angereist waren, verglichen die Szenen mit dem verheerenden Erdbeben von 2008 in ihrer Heimatprovinz.

Die Straßen von Zhengzhou haben sich in Flüsse verwandelt.
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Bei den Regenfällen handelt es sich laut chinesischen Meteorologen um die schwersten in der Region seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 70 Jahren. Nur alle tausend Jahre würden solche Wassermassen in so kurzer Zeit vom Himmel fallen. Die Wetterdienste hatten den starken Regen zwar prognostiziert, gingen aber davon aus, dass er eine andere Stadt zu einem anderen Zeitpunkt treffen würde, berichtet die "South China Morning Post" am Donnerstag.

Kritik richtet sich in den Tagen danach aber nicht nur gegen die Wetterforscher, sondern auch gegen die chinesische Regierung. Die Behörden hätten sowohl in der Vorbereitung als auch im Katastrophenmanagement grobe Fehler begangen.

Der Klimatologe Koh Tieh-Yong von der Singapur-Universität wird von Reuters zitiert: Der besonders starker Regen sei nur ein Faktor, der zu Überflutungen führe. "Der zweite Faktor ist die ungenügende Kapazität der Flüsse, das zusätzliche Wasser zu entlassen." In China wurde in den vergangenen Jahren durch Megastaudammprojekte teilweise massiv in die Flussläufe eingegriffen. Gerade im Becken des Gelben Flusses sei dadurch das natürliche Ablaufsystem stark verändert worden, geben Wissenschafter an.

Mensch oder Natur?

Die Propaganda erprobte Regierung spricht nun von der unausweichlichen Naturkatastrophe und lobt die rasche Hilfe der Einsatzkräfte. Doch in den sozialen Medien wird über menschliches Versagen spekuliert. Es hagelt etwa heftige Kritik in der Hinsicht, dass die Stadt viel zu spät die Zugänge zu den U-Bahnen gesperrt habe. Der britische "Guardian" berichtet, dass lokale Behörden noch verlautbart hätten, dass keine U-Bahn-Passagiere in Gefahr seien, während bereits Bilder von in den Tunneln Verstorbenen kursierten.

Peking reagierte am Donnerstag: In Zukunft müssten "in so untypischen Situationen wie übermäßig heftigen Stürmen" Züge sofort eingestellt, Passagiere evakuiert und die Stationen geschlossen werden, gab das Transportministerium an.

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Besonders bitter ist in dem Zusammenhang, dass Zhengzhou zur "Sponge City" erkoren wurde: Zwischen 2017 und 2020 wurde ein System in der Stadt errichtet, das wie ein Schwamm Wasser absorbieren, speichern und kontrolliert ableiten soll. Dieses System hat ganz offensichtlich kläglich versagt.

Gerade weil erst kürzlich aufgerüstet wurde, liefen Spekulationen über weitere Gründe der Katastrophe in den sozialen Medien heiß. So wurde etwa am Dienstagmorgen Wasser aus dem Changzhuang-Speicher nahe der Stadt abgelassen, weil dieser zu brechen drohte. Auch der Yihetan-Damm bei Luoyang, rund 150 Kilometer von Zhengzhou entfernt, sorgt weiter für Nervosität. Am Dienstag hatte das Militär gewarnt, dass er "jederzeit brechen könnte", ein 20-Meter-Riss sei bereits entstanden. In beiden Fällen wurde das Militär eingesetzt, um die Situation zu managen.

Sturm zieht nach Norden

Unterdessen bereitet sich die Region nördlich von Henan auf weitere Unwetter vor, weil der Sturm, der den Starkregen ausgelöst haben soll, Richtung Norden zieht. Am Donnerstag wurden zehntausende Menschen in Hebei evakuiert. Für die Städte Xinxiang, Anyang, Hebi und Jiaozuo gilt die höchste Alarmstufe.

Die dramatischen Regenfälle und Überflutungen schaffen nun politisch unübliche Schulterschlüsse. In einer seltenen Geste bedankte sich die chinesische Regierung indirekt bei der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen. Diese hatte am Mittwoch ihre Betroffenheit ausrichten lassen. Eigentlich sind die Beziehungen zwischen den zwei Ländern seit Jahren frostig. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, die es in die Volksrepublik einzugliedern gilt – zur Not auch mit Gewalt, wie Peking immer wieder andeutet. (APA, Reuters, saw, 22.7.2021)