Klassenräume mit effizienten dezentralen Lüftungsanlagen auszustatten wäre die bessere und nachhaltigere Maßnahme, sagt der Innenraumanalytiker und Gerichtsgutachter Peter Tappler im Gastkommentar.

Aufwendige Vorkehrungen nur in Schulen, aber im Umfeld alle Infektionswege offen zu lassen, das wären Maßnahmen "für die Fisch".
Foto: Getty Images

Es ist schon verlockend, man geht in den Baumarkt, kauft ein kleines technisches Gerät, stellt den Würfel auf, und schwuppdiwupp ist die Innenraumluft sauber, und man braucht sich über lästige Maßnahmen oder gar Ansteckungen mit dem Coronavirus keine Gedanken mehr machen. So oder ähnlich wird derzeit die Wirkung von mobilen Luftreinigern – fälschlich "Luftfilter" genannt – beworben.

Die letzten Trittbrettfahrer der Pandemie versuchen noch schnell, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, und bewerben ihre Produkte mit teils haarsträubenden gesundheitlichen Argumenten. Dies geht so weit, dass sogar das Vernebeln von krebsverdächtigem Ozon oder Desinfektionsmitteln bei laufendem Betrieb als Vorsorge gegen das Virus beworben wird. Allerdings, wenn mit der Gesundheit von Kindern öffentlich argumentiert wird, ist grundsätzlich größte Vorsicht geboten, und es ist unentbehrlich, den oftmals simplen Argumenten auf den Grund zu gehen.

Nun ist es so, dass in bestimmten Situationen, wie in einer Arztordination oder in Räumen, in denen laut gesungen wird, ein geeignetes Luftreinigungsgerät in Pandemiezeiten durchaus seine Berechtigung haben kann. Ein unreflektierter, flächendeckender Einsatz von Luftreinigungsgeräten in Kindergärten, Schul- und Unterrichtsräumen, wie es derzeit angedacht wird, stellt jedoch nach Ansicht nahezu aller mit dem Thema vertrauten Experten keine sinnvolle Infektionsprophylaxe dar, sondern ist eine weitgehend wirkungslose Beruhigungspille für besorgte Eltern.

Gut lüften, Masken tragen

Der Grund dafür ist, wie so oft, dass die Dinge komplexer sind, als es sich manch einer der vielen österreichischen Hobbyvirologen vorstellt. Untersuchungen der Universität Stuttgart zeigen, dass gutes Lüften oder das Tragen von Masken weit bessere Maßnahmen darstellen als Geräte, die meist so viel Lärm machen, dass durch das lautere Sprechen mehr Aerosole abgegeben werden, als der Luftreiniger verringern kann. Neben den akustischen Kriterien zeigte sich auch die Zugluftsituation als unbefriedigend, dies führt im ungünstigen Einzelfall sogar dazu, dass Viren von einem Kind zum nächsten übertragen werden.

Es stellt sich auch die Frage nach den flankierenden Maßnahmen: Es würde absolut keinen Sinn machen, nur in Schulen aufwendige Vorkehrungen zu treffen und im Umfeld alle Infektionswege offen zu lassen. Ohne weitere Maßnahmen Schulen mit Luftreinigern auszustatten ist ungefähr so, wie bei einer drohenden zukünftigen Überschwemmung durch die Donau am Ufer einen 100 Meter langen, zwei Meter hohen Damm zu bauen und den Rest des Ufers ungeschützt zu belassen. Man kann es sich ausrechnen, was dann passieren würde – das Wasser findet woanders seinen Weg, und der ganze Aufwand ist "für die Fisch", wie der Österreicher treffend anmerkt – gut gemeint ist nämlich oftmals das Gegenteil von gut.

Besser: Lüftungsanlagen

Wenn es aber entgegen allen Prognosen im Herbst notwendig sein wird, wieder ein strenges Maßnahmenregime einzuführen, wären aufgrund der Ergebnisse der Studie aus Stuttgart und der bisherigen Erfahrungen mit der Pandemie andere Maßnahmen zu ergreifen.

Luftreiniger können zudem die allgemeine Luftqualität in den ohnehin viel zu luftdichten Schulklassen nur marginal verbessern. Experten fordern daher schon seit langem eine effizientere Lüftung über Lüftungsanlagen, die in den meisten Fällen auch nachträglich bei guter Planung innerhalb von zwei Tagen montiert werden können. Man erzielt dadurch, zusätzlich zur Verhinderung von Infektionen etwa auch durch Schnupfen- und Grippeviren, Leistungsgewinne im zweistelligen Bereich.

Populistische Maßnahme

Zu hinterfragen ist allerdings, warum man diese Empfehlungen nicht schon im vorigen Jahr in den langen Monaten des Schul-Lockdowns ab April ernst genommen und zumindest damit begonnen hat, Klassenräume mit effizienten dezentralen Lüftungsanlagen auszustatten. Dies wäre eine nachhaltige Investition in die Zukunft und nicht nur eine populistische Ho-ruck-Maßnahme, die unendlich viel Geld kosten würde und bestenfalls eine sehr bescheidene Wirkung zeigen wird. Auch im Vorfeld der heurigen Sommerferien hat man diese Gelegenheit wieder komplett verschlafen.

Aber vielleicht haben symbolische Maßnahmen ihre Berechtigung, und die gefühlte Sicherheit – nicht die Fakten – ist das Ziel. Wie bei einem Placebo wird die Angst vermindert, und wir können beruhigt und ohne große Aufregung in die Post-Pandemie-Zeit hinübergleiten – koste es, was es wolle. (Peter Tappler, 23.7.2021)