Der spanische Bürgerkrieg wirkt noch immer nach, wie bei einer Gedenkstätte in Jimena de la Frontera zu sehen ist.

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Madrid – Das "Tal der Gefallenen" in der Nähe von Madrid kommt einfach nicht zur Ruhe. Die kolossale wie umstrittene Gedenkstätte von Diktator Francisco Franco (1892-1975) in der Sierra de Guadarrama ist erneut zum politischen Zankapfel geworden. Zwar ließ die sozialdemokratisch geführte Regierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez die Gebeine des "Generalissimus" 2019 entfernen. Doch Francos Geist lässt sich nicht so leicht vertreiben. Die Anlage bleibt untrennbar mit ihm verbunden.

Pilgerstätte für "Neofaschisten"

Nun hat Spaniens Ministerrat zu Wochenbeginn ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das den Weg für eine vollständige "Umwidmung" freimachen soll. Ziel der Initiative ist ein "demokratisches Erinnern" an die Opfer des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939). In den Augen von Sanchez' Sozialisten ist das ehemalige Franco-Mausoleum bisher eher eine Pilgerstätte für Neofaschisten und alte Gefolgsleute des Caudillo.

In einer demokratischen Gesellschaft, so das Hauptargument, sei dafür kein Platz. Verschiedene Pläne für eine Umgestaltung gibt es seit Jahren, doch eine Durchsetzung scheiterte mehrfach. Das könnte sich nun ändern. Regierungschef Sanchez schwebt ein ziviler "Ort der Versöhnung" vor. Wie dieser am Ende genau aussehen könnte, ist fraglich. Viele Gegebenheiten lassen sich nicht ohne weiteres per Dekret abschaffen.

Unvergleichbares Denkmal

Fest steht: Bekommt das geplante Gesetz den Segen des Parlaments, wird den mit der Verwaltung des Valle de los Caidos beauftragten Benediktinermönchen die Zuständigkeit entzogen. Die Zukunft ihrer Abtei auf dem Gelände stünde auf dem Spiel. Dagegen regt sich einflussreicher Widerstand. Der Erzbischof von Madrid, Kardinal Carlos Osoro Sierra, gab zu bedenken, dass die seit Jahrzehnten im "Tal der Gefallenen" ansässigen Ordensmänner stets für Frieden und Versöhnung gebetet hätten.

Der neuerliche Streit zeigt vor allem eines: Die Stätte nur als geistlosen Faschistentreff zu schmähen, wird ihr nicht gerecht. Franco ließ das rund 150 Meter hohe frei stehende Steinkreuz und eine riesige in den Fels gehauene Kirche noch zu Lebzeiten errichten. Mit dem architektonisch eindrucksvollen Monument wollte er die "für Gott und Spanien" Gefallenen des Bürgerkriegs bestatten und ehren. In Europa gibt es kein vergleichbares Grabdenkmal.

Dass bei den Bauarbeiten Tausende republikanische Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten, ist nur ein Teil des historischen Ballasts. Hinzu kommt, dass in einer Gruft die Gebeine Zehntausender Soldaten liegen. Viele wurden anonym beerdigt. Doch längst nicht alle waren Franco-Anhänger. Unter den Toten sind auch zahllose Republikaner. Ein weiterer Beleg für die Ambivalenz des gesamten Komplexes.

Konflikt mit der Kirche

Die Kirche, in der sich ehemals Francos Überreste befanden, wurde 1960 von Papst Johannes XXIII. zur Basilika erhoben. Auch für sie sind bisher die gut 20 Benediktiner verantwortlich. Doch ihre weitere Präsenz sei "mit den demokratischen und verfassungsmäßigen Werten und den neuen Zielen" unvereinbar, heißt es vonseiten der Regierung.

Damit wollen sich die Mönche rund um ihren Prior Santiago Cantera nicht abfinden. In einem kürzlich veröffentlichten Schreiben kündigte er rechtliche Schritte an. Der bevorstehende Prozess könne "Monate, sogar Jahre" dauern. Pablo Casado, Chef der oppositionellen, konservativen Volkspartei (PP), will ebenfalls gegen das Gesetz vorgehen. Gemeinsam mit der rechtspopulistischen Vox-Partei plant er eine Klage vor dem Verfassungsgericht. Fast ein halbes Jahrhundert nach Francos Tod hat Spanien noch lange nicht mit ihm abgeschlossen. (APA, 24.7.2021)