Shamil Borchashvili bezwang sensationell Ex-Weltmeister Sagi Muki.

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Auch im Kampf gegen Dominic Ressel zeigte der Österreicher seine Klasse.

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Bronze für Borchashvili.

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Das ist das Ding.

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Medienrummel.

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Im Leben kommt natürlich nicht alles zurück. Aber Vieles. Es war am 27. März und in Tiflis, da lag Shamil Borchashvili fast bewusstlos auf dem Rücken, und als er nach einigen Sekunden wieder zu Sinnen gekommen war, stellte sich bittere Enttäuschung ein. Der 26-jährige Welser hatte beim Grand Slam in der georgischen Hauptstadt im Finale der 81-kg-Klasse schon wie der Sieger ausgesehen, nach nur zwölf Sekunden seinen belgischen Gegner Sami Chouchi vermeintlich mit Ippon geschlagen. Doch nach Videostudium nahmen die Kampfrichter die Entscheidung zurück. Borchashvili geriet außer Tritt und wurde wenig später von seinem Gegner in einen quasi endgültigen Würgegriff genommen.

Am 27. Juli 2021 hat Borchashvili nicht nach zwölf, sondern nach 13 Sekunden wie der Sieger ausgesehen. Es war der Kampf um olympisches Bronze, sein deutscher Gegner Dominic Ressel lag am Rücken, wieder war Ippon angezeigt. Doch wieder nahm das Kampfgericht die Entscheidung zurück, und es ging weiter. Neuerlich nicht lange, diesmal aber mit anderem Ausgang. "Ich hab’ mir fix vorgenommen, fokussiert zu bleiben und den Fehler von Tiflis nicht zu wiederholen." Borchashvili setzte nach, fixierte Ressel auf dem Boden, machte dem Kampf vorzeitig ein Ende und jubelte. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, es war ein toller Tag."

Sechste Judomedaille

Borchashvili, der im Kindesalter mit seiner Familie aus Tschetschenien nach Österreich geflüchtet war, in Wels eine neue Heimat fand, 2005 mit dem Judo begann und 2017 die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt, besorgte dem Judosport die erste Olympiamedaille seit Ludwig Paischers Silber in Peking 2008. Es ist die sechste insgesamt nach zwei goldenen von Peter Seisenbacher (1984, 1988), der bronzenen von Josef Reiter (1984) sowie den silbernen von Claudia Heill (2004) und eben Paischer.

Dabei muss es nicht bleiben, schon am Mittwoch geht die nächste Judo-Hoffnung, Michaela Polleres, in Tokio auf die Matte, sie war heuer im Juni in Budapest WM-Dritte. In Japan hält Österreich nach Borchashvilis Bronze und dem Sensationsgold von Anna Kiesenhofer im Rad-Straßenrennen bei zweimal Edelmetall. Damit stellt Tokio 2020, wie es offiziell trotz der einjährigen Verschiebung noch heißt, auch hinsichtlich der Medaillenanzahl schon nach vier Tagen die Spiele von Rio de Janeiro 2016, wo es dank der gemeinsam segelnden Thomas Zajac und Tanja Frank einmal Bronze gab, in den Schatten. London 2012 war sowieso leicht zu überbieten, weil gar nicht zu unterbieten.

Außenseiter

Borchashvili hatte man nicht unbedingt auf der Rechnung haben müssen, als Nummer 22 der Weltrangliste war er Außenseiter, krasser Außenseiter. Umso lauter die Freudengesänge im Budokan, der Judo-Halle in Tokio, in die auch Martin Poiger, Präsident des heimischen Verbands Judo Austria, mit einstimmte. "Ich kann es gar nicht fassen", sagte Poiger im Gespräch mit dem STANDARD. "Es war so eine sensationelle Leistung."

Tatsächlich hatte Borchashvili ein Kaliber nach dem anderen aus dem Weg geräumt. Jeweils in der Verlängerung (Golden Score) und jeweils mit Waza-ari, der zweithöchsten Wertung blieb er gegen den portugiesischen WM-Dritten Anri Egutidze, den israelischen Weltmeister 2019 Sagi Muki und den Usbeken Scharofiddin Boltabojew erfolgreich. Im Kampf um den Finaleinzug scheiterte Borchashvili an Saeid Mollaei, der 2019 aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet war.

Jubel auch bei Mollaei

Mollaei war politisch unter Druck gesetzt worden, nicht gegen den Israeli Muki anzutreten, den er selbst als "guten Freund" bezeichnet. Er ging nach Deutschland, gastierte kurz bei dem Wiener Club Galaxy Tigers und tritt nun für die Mongolei an. Im Finale unterlag Mollaei dem Japaner Takanori Nagase, doch flott überwog auch bei ihm die Freude. Der mongolische Coach trug Mollaei jubelnd aus der Halle.

Einen großen Anteil am Erfolg hat Yvonne Bönisch. Die Deutsche, 2004 Olympiasiegerin, ist seit Jahresbeginn Österreichs Cheftrainerin. "Yvonne hat mich so gut eingestellt. Sie hat gesagt, genieß den Tag, versuch nicht viel zu denken, setz um, was du kannst. Das ist mir richtig gut gelungen", sagte Borchashvili. Und weiter: "Wenn man an sich glaubt, wenn man es träumen kann, dann kann man es auch machen." Weshalb zurückgekommen ist, was zurückgekommen ist. (Fritz Neumann, 27.7.2021)

Anmerkung: Aktualisierte Version

Ergebnisse von den Olympischen Sommerspielen in Tokio, Judo:

Männer, bis 81 kg:
1. Takanori Nagase (JPN)
2. Saeid Mollaei (MGL)
3. Shamil Borchashvili (AUT) und Matthias Casse (BEL)

Frauen, bis 63 kg:
1. Clarisse Agbegnenou (FRA)
2. Tina Trstenjak (SLO)
3. Catherine Beauchemin-Pinard (CAN) und Maria Centracchio (ITA).

Magdalena Krssakova (AUT) in der 2. Runde ausgeschieden.