Wie geht es weiter mit Simone Biles?

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"Wenn ich turne, habe ich weniger Selbstvertrauen, weniger Spaß und bin nervöser. Es ist Mist, wenn man mit seinem eigenen Kopf kämpft."

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Am Ende eines dramatischen Abends in Tokio eilte auch das Weiße Haus der in Tränen aufgelösten Simone Biles zu Hilfe. Die Jahrhundertturnerin, die Stunden zuvor wegen mentaler Probleme das Mannschaftsfinale bei den Olympischen Spielen abgebrochen hatte, verdiene "Dankbarkeit und Unterstützung", sie sei "immer noch die Größte aller Zeiten", twitterte Jen Psaki, Sprecherin von US-Präsident Joe Biden.

Kurz zuvor hatte die erkennbar aufgewühlte und nervlich schwer angeschlagene Biles unter Tränen erklärt, warum sie ihren Wettkampf nach nur einem Gerät abgebrochen hatte. "Ich musste tun, was richtig für mich ist, mich auf meine mentale Gesundheit fokussieren und nicht mein Wohlbefinden gefährden", sagte sie und bekannte: "Wenn ich turne, habe ich weniger Selbstvertrauen, weniger Spaß und bin nervöser. Es ist Mist, wenn man mit seinem eigenen Kopf kämpft."

Inzwischen gab der US-Verband bekannt, dass Biles am Donnerstag nicht am olympischen Mehrkampffinale teilnehmen wird. Sie steht aber auch in allen vier Gerätefinals, die zwischen dem 1. und 3. August ausgetragen werden. Ihre Bereitschaft für die weiteren Wettkämpfe werde sie "von Tag zu Tag" beurteilen, sagte Biles beim US-Fernsehsender NBC: "Körperlich fühle ich mich gut, ich bin in Form."

Verlassen

Die große Show von Biles war am Dienstag zu Ende, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Der mentale Druck war zu groß. "Immer wenn man in eine Stresssituation gerät, flippt man irgendwie aus", sagte die 24-Jährige. Und Athleten, ergänzte sie, seien nun mal "nicht einfach nur Athleten, am Ende des Tages sind wir Menschen".

Die Goldmedaillen gingen nach dem Rückzug von Biles an die ROC-Athletinnen, die die personelle Schwächung der US-Girls nutzten und ihnen die erste Niederlage seit elf Jahren zufügten. Den dritten Platz holte Großbritannien. Weil Biles, viermalige Olympiasiegerin von Rio, nicht mehr eingreifen konnte, turnte die Übungen am Stufenbarren, Schwebebalken und Boden ihre überforderte Ersatzfrau.

Die Ausnahmeathletin war nach dem ersten von vier Geräten ausgestiegen – "aus medizinischen Gründen", wie der US-Verband offiziell mitteilte. Biles hatte die Halle nach einem verpatzten Abgang beim Sprung und anschließenden Diskussionen mit ihrer Trainerin plötzlich verlassen. Als sie rund zehn Minuten später zurückkehrte, gab das US-Team das vorzeitige Ausscheiden der Rekordweltmeisterin bekannt.

Der Druck

Während des Wettbewerbs am Dienstagabend im Ariake Gymnastics Center wurde sie immer wieder von ihrer Trainerin in den Arm genommen. Auch ihre Teamkolleginnen streichelten ihr die Wange.

Biles, die schon in der Qualifikation für sie ungewöhnliche Wackler gezeigt hatte, ist in Tokio einem enormen Druck ausgesetzt, die Last auf den Schultern der 24-Jährigen ist riesig. In der Heimat wird dieser Tage von Biles nicht weniger als die Wiederholung ihrer vier Rio-Goldmedaillen erwartet.

Das Gewicht der Welt

"Im Moment habe ich wirklich das Gefühl, dass ich das Gewicht der ganzen Welt auf den Schultern trage", offenbarte Biles nach der Qualifikation bei Facebook, nachdem eine unsaubere Landung am Boden und ein verstolperter Abgang vom Schwebebalken nicht nur in den turnverrückten USA für Diskussionen gesorgt hatten.

Diese enorme Erwartungshaltung formulierte Teamkoordinator Tom Forster unmissverständlich: "Die Vorrunde war ein Weckruf, wir müssen daraus lernen. Wir müssen uns dringend darauf konzentrieren, die Fehler zu beheben." Zwar waren auch Biles' Teamkolleginnen nicht ohne Patzer geblieben, doch Adressatin der Kritik war zweifellos in erster Linie die 1,42 Meter kleine Ausnahmeathletin.

Genau so jedenfalls kamen diese Vorhaltungen auch bei ihr an: "Ich weiß, dass ich den Druck beiseiteschieben kann, und dann sieht es so aus, als ob ich ihn nicht mehr spüre. Aber manchmal ist das verdammt hart. Olympia ist kein Spaß." (sid, 27.7.2021)