Chinesische Schüler müssen wesentlich mehr büffeln als ihre Altersgenossen im Westen.

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Besitzer chinesischer Aktien haben es derzeit nicht leicht. Seit Monaten jagt eine Hiobsbotschaft die andere. Dieses Mal trifft es den Ausbildungssektor. Die Führung in Peking hat angekündigt, den privaten Bildungssektor reformieren zu wollen. Unternehmen, die Weiterbildungskurse, vor allem Zusatzangebote zur Schulbildung wie Englischkurse offerieren, dürfen künftig nur noch "gemeinnützig" – also nicht gewinnorientiert – arbeiten.

Börsengänge solcher Unternehmen sind damit nicht mehr möglich. Den Instituten ist es auch nicht mehr erlaubt, am Wochenende zu unterrichten, Bildungsangebote für Schüler unter sechs Jahren sind komplett untersagt. Auch Investitionen ausländischer Unternehmen sind nicht mehr möglich. Firmen wie Blackrock, Baillie Gifford und Softbank Vision Fund hatten massiv in den Sektor investiert. Die Branche war bisher rund 100 Milliarden Dollar schwer und wuchs stetig. Nicht zuletzt sind auch Tausende von Lehrern betroffen, die nun ihre Arbeit verlieren.

Bildung für den Aufstieg

Chinas Mittelschicht gilt als bildungsaffin. Zwar müssen chinesische Schüler wesentlich mehr büffeln als ihre Altersgenossen im Westen. Das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen erfordert früh Ganztagesunterricht. Hinzu kommen Hausaufgaben oft bis spät in die Nacht. Alles entscheidet sich beim "Gaokao", dem chinesischen Abitur. Nur wer hier Bestnoten hat, kann auf eine der Elite-Unis gehen und später auf einen gut bezahlten Job in der Wirtschaft oder der Regierung hoffen. Wer im Mittelfeld landet, hat wenig Aussichten, es weit zu bringen. Der Druck auf Eltern und Kinder ist enorm. Trotzdem – oder gerade deswegen – schicken viele Eltern ihre Kinder darüber hinaus zu privaten Bildungsunternehmen, etwa um Englisch zu lernen.

Regierungsoffensive

Offiziell lautet das Ziel der Beschlüsse, die geplagten Kinder zu entlasten. Außerdem würden sich durch die privaten Bildungsangebote die Lücken zwischen urbaner und ländlicher Bevölkerung vergrößern.

Die Anordnungen fügen sich aber in eine größer angelegte Offensive der Regierung. Zum einen hat die nationalistische Propaganda in den vergangenen Jahren nach der Machtergreifung Xi Jinpings massiv zugenommen. Peking weitet so sein Meinungsmonopol noch weiter aus. Ob es wirklich zu etwas führt, ist eine andere Frage. Wer es sich leisten kann, greift ohnehin immer mehr auf Privatlehrer zurück.

Zeitgleich geht es den in den vergangenen Jahren immer mächtiger gewordenen Tech-Unternehmen des Landes an den Kragen. Im Oktober wurde Alibaba-Gründer Jack Ma scharf kritisiert. Der geplante Börsengang der Alibaba-Tochter Ant Group wurde – angeblich von Xi Jinping persönlich – abgesagt. Jack Ma verschwand für einige Wochen spurlos. Mittlerweile ist er wieder aufgetaucht, aber seltsam still.

Man munkelt, er habe sich einer Art "ideologischen Schulung" unterziehen müssen. Im Juli sperrte Peking die App des Fahrdienstleisters Didi für Neukunden und riet chinesischen Tech-Unternehmen von US-Börsengängen ab, aus Angst, chinesische Daten könnten in amerikanische Hände fallen.

Entflechtung der Volkswirtschaften

All dies sind Auswüchse des Decouplings, der Entflechtung der Volkswirtschaften. Internationalen Anlegern bereitet das zunehmend Sorgen. Die Aktie des in Hongkong notierten Bildungsunternehmens New Oriental sackte am Montag um 70 Prozent ab. Auch der Internetgigant Tencent, dessen bekanntestes Produkt die Allround-App Wechat ist, fiel um zehn Prozent und notiert nun 40 Prozent unter dem Höchststand vom Februar. Die Registrierung von neuen Usern auf der App Wechat ist seit Dienstag suspendiert – auch das ein absolutes Novum in China. Die App nutzen rund 1,2 Milliarden Menschen. Auch der Leitindex Hang Seng fiel auf sein tiefstes Niveau seit über einem halben Jahr. (Phlipp Mattheis, 27.7.2021)