Noch immer ist einigen Menschen nicht klar, was eigentlich genau in die Altpapiertonne gehört, heißt es von den Abfallentsorgern.

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Wer kennt sie nicht, die großen Versandkartons, die nach einer Amazon-Bestellung vor der Tür stehen. Oft sind sie um ein Vielfaches größer als der Artikel, den sie schützen sollen, sperrig und mühsam zusammenzufalten. Viele Menschen stopfen sie daher als Ganzes in die Altpapiertonne, wodurch es immer wieder zu Überlastungen bei den Mülleimern kommt.

Während die Digitalisierung auf der einen Seite dazu beitrug, den Papiermüll zu reduzieren, beispielsweise indem weniger ausgedruckt wird, hat sie ihn an anderer Stelle wieder anwachsen zu lassen: durch den Onlinehandel und den wachsenden Verbrauch an Verpackungsmaterial, der nicht zuletzt aufgrund der Onlinebestellungen während der Corona-Pandemie in die Höhe geschnellt ist.

Laut Umweltberatung verbraucht jeder Österreicher und jede Österreicherin im Durchschnitt 218 Kilogramm Papier pro Jahr, das sind rund 4,2 Kilogramm pro Woche, womit wir im internationalen Vergleich zu den negativen Spitzenreitern zählen. 40 Prozent des Papiers wird für Verpackungen verwendet, rund 30 Prozent für Druckpapier und knapp zehn Prozent für Toilettenpapier, Papierhandtücher, Taschentücher und Servietten.

Kurze Lebensdauer

Der Großteil des Papiers, das wir verwenden, wird also gleich wieder weggeworfen: Seien es alte Verpackungen, Werbeprospekte, Zeitungen oder Pizzakartons. Dass das ökologisch wenig sinnvoll ist, ist seit längerem bekannt. Die Papierindustrie zählt weltweit zu den fünf größten Energiekonsumenten und verbraucht so viel Wasser wie kaum eine andere Industrie. Rund zehn Liter Wasser oder auch mehr werden beispielsweise für die Herstellung eines DIN-A4-Blattes benötigt. Zusätzlich gehen 40 Prozent des Holzes aus der industriellen Forstwirtschaft in die Papierindustrie.

Die Papierindustrie ist einer der größten Kunden der industriellen Forstwirtschaft. Neben Holz schluckt die Papierherstellung auch viel Wasser.
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Zumindest besteht in Österreich bereits jedes zweite Kilogramm Papier aus Altpapier, wodurch viel Wasser und Energie gespart werden. Rund 80 Prozent des Papiers wird hierzulande recycelt. Das Recyclingziel der EU von 75 Prozent bis 2025 hat Österreich also schon geschafft. Das, was nicht recycelt wird, wird verbrannt, und nur ein kleiner Teil landet in der Natur. Weil der Papierverbrauch in Österreich aber so hoch ist, müssen rund 60 Prozent des Altpapiers, das für die Produktion von neuem Papier verwendet wird, importiert werden.

Probleme beim Trennen

Auch bei der Mülltrennung macht Papier immer wieder Probleme. "In der Stadt funktioniert das Recycling meist schlechter als auf dem Land. Da landet noch immer viel Papier im Restmüll", sagt Daniela Einsiedler, Expertin für Abfallvermeidung von der Umweltberatung in Wien. Rechnungen und Kassazettel, die eigentlich in den Restmüll gehörten, würden wiederum oft in die Papiertonne geworfen. Viele Menschen würden Versandkartons noch zu wenig falten, was viel Platz in der Tonne verbrauche. In einigen Fällen kann es bei falscher Entsorgung sogar zu Strafen kommen.

Papier ist nicht gleich Papier: Je sorgfältiger getrennt wird, desto besser lässt sich Altpapier recyceln.
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Und was ist mit den beliebten Papiersackerln? Auch die kommen ökologisch nicht immer gut weg. Denn im Vergleich zum Plastiksackerl reißen sie leichter, wodurch sie weniger oft genutzt werden. Laut der Deutschen Umwelthilfe lohnt sich ein Papiersackerl erst, wenn es drei- bis viermal weiterbenutzt wird. Umweltfreundlicher ist meist ein Stoffsackerl, das immer wieder zum Einsatz kommt.

Wiederverschließbare Pakete

Auch deshalb haben einige Unternehmen bereits Ideen entwickelt, wie der Papiermüll in Zukunft reduziert werden kann. Wie beispielsweise das finnische Start-up Repack. Durch ein wiederverschließbares Paket aus recyceltem Kunststoff und Klettverschluss soll Onlineshopping künftig nachhaltiger werden und vermehrt ohne Kartonverpackungen auskommen.

Die Umsetzung des neuen Versandsystems ist aber nicht ganz einfach: Die Versandhändler müssen dafür ihr IT-System umstellen, Kunden müssen erkennen, dass das Paket wiederverwendbar ist, und es auch wieder zurücksenden. Schlussendlich muss die Versandtasche auch wieder gereinigt werden, bevor sie zum nächsten Kunden geht, was wiederum CO2-Emissionen beim Transport verursacht. Auch der Versand würde wohl um ein paar Euro teurer werden. Laut dem Unternehmen sollen die Repacks aber schon spätestens nach dem zweiten Umlauf ökologischer sein als Pappkartons.

Der Onlinehandel boomt, und die Altpapierberge wachsen.
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Möbel aus altem Karton

Auch das sogenannte "Upcycling" alter Kartons nimmt Fahrt auf, um daraus beispielsweise Betten, Schränke, Sessel oder Tische herzustellen. Für die Kartonmöbel werden alte Kartons erwärmt, befeuchtet und anschließend mit Leim neu verklebt. In vielen Fällen können die Möbel am Ende im Altpapier entsorgt und wieder recycelt werden.

Bei der Nutzungsdauer sollen die recycelten Möbel herkömmlichen Möbeln jedenfalls um kaum etwas nachstehen, heißt es von den Herstellern. Kartonmöbel sind aber eher noch ein Nischenprodukt.

Bei den Olympischen Spielen in Tokio schliefen die Athleten im olympischen Dorf in Betten aus Karton.
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Problem Briefkastenwerbung

Anstatt immer mehr Papier zu produzieren und es anschließend wieder zu recyceln, wäre es laut Umweltschützerinnen und Umweltschützern aber ohnehin am besten, gleich den Papierkonsum an sich zu reduzieren, etwa indem weniger ausgedruckt wird und Take-away-Verpackungen und Papiersackerln vermieden werden. Auch die einfache Aufschrift "Bitte keine Werbung" auf Briefkästen kann den Papiermüll deutlich reduzieren. Denn laut Umweltberatung fallen in Wiener Haushalten pro Jahr bis zu hundert Kilogramm Werbematerial an, das zu einem großen Teil nicht einmal gelesen wird.

"Es darf aber auch nicht alles auf den Konsumenten abgewälzt werden", sagt Einsiedler. Daneben brauche es staatliche Förderungen und Vorgaben, auf Mehrwegverpackungen in Betrieben umzusteigen – wie etwa in Deutschland, wo Restaurants ab 2023 verpflichtet sind, auch Mehrwegbehälter für Essen anzubieten. "Die Möglichkeiten, beim Papier einzusparen, sind jedenfalls schon lange vorhanden", sagt sie.

Einwegbecher sind mülltechnisch suboptimal.
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Ein innovatives Konzept hat sich vor einigen Jahren Amsterdam überlegt: Anstatt extra eine Aufschrift zu montieren, um keine Briefkastenwerbung zu erhalten, müssen Bewohner und Bewohnerinnen seit ein paar Jahren per Sticker explizit den Wunsch äußern, Werbung zu bekommen. Das soll Bürgern die Entscheidung erleichtern, Briefkastenwerbung zu stoppen. Schon zuvor sei die Mehrheit der Bevölkerung gegen diese Werbung gewesen. Rund 6.000 Tonnen Papiermüll pro Jahr konnten laut Stadtregierung seither eingespart werden. In Österreich scheint dieser Ansatz allerdings noch kein Thema zu sein. (Jakob Pallinger, 19.8.2021)