Tschechiens größter Fisch fischt große Fische

Eigentlich wollte Lukáš Krpálek Karate lernen. Dass sein Onkel den Burschen irrtümlich zum Judo brachte, muss man als Glücksfall für Tschechiens Sommersport bezeichnen. Nach einem Monat "Karate" merkte der kleine Lukáš, dass sein neues Hobby eigentlich anders hieß – und blieb dabei. Am Freitag gewann der 30-Jährige sein zweites Olympia-Gold.

Im Finale der nach oben offenen Schwergewichtsklasse bezwang Krpálek den Georgier Guram Tuschischwili per Ippon, 2016 hatte er noch die Klasse bis 100 Kilo gewonnen. Die Schwergewichtler waren lange Jahre von Teddy Riner regiert worden, der scheiterte im Viertelfinale aber an Tamerlan Baschajew. Über die Hoffnungsrunde holte die französische Judolegende immerhin noch Bronze.

Der neue Chef der schweren Brocken heißt also Krpálek. Wegen seiner Kombination aus Abgeklärtheit und Explosivität nennt man den gelernten Zimmermann in der Judoszene "Intelligent Beast".

Wer kämpft wie der Mann aus Jihlava, muss nicht viel fürchten. Einzig bei seinem Lieblingshobby wird der 1,98-Meter-Mann gelegentlich nervös. "In Thailand habe ich einen Arapaima (Süßwasserfisch, Anm.) gefangen, der fast zwei Meter lang war – und furchterregend", erzählte Krpálek tschechischen Medien. "Da hatte ich wirklich Respekt. Wenn er mich gebissen hätte, hätte er mir wahrscheinlich den Arm abgerissen."

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Der große Usbeke kennt kein Verlieren

Bahodir Jalolovs Spitzname könnte zutreffender nicht sein. "The Big Uzbek" wird der Superschwergewichtsboxer genannt, "der große Usbeke". 201 Zentimeter misst der in New York wohnhafte Profiboxer; sieht man ihn kämpfen, scheint die Reichweite seiner verheerenden linken Geraden ähnlich groß zu sein.

Der Rechtsausleger ist in seiner Klasse der haushohe Favorit, bei den hauptsächlich von Amateuren bevölkerten Olympischen Spielen erging es Jalolov anders als vielen anderen Profis in seinem ersten Kampf bestens. Mahammad Abdullayev machte mehrfach schmerzhafte Bekanntschaft mit den Fäusten des Usbeken, die fünf Kampfrichter sahen Jalolov in allen drei Runden einhellig voran.

Als Profi hat der 27-Jährige alle acht Kämpfe gewonnen, allerdings meist gegen fragwürdige Gegner. Als Amateur datiert seine letzte Niederlage aus dem Jahr 2017 – damals bezwang ihn der Kasache Qamschybek Qongqabajew, der auch in Tokio sein härtester Herausforderer sein sollte.

Jalolov war bereits 2016 in Rio dabei, damals scheiterte der Flaggenträger aber im Viertelfinale am späteren silbernen Joe Joyce. In Tokio heißt sein Viertelfinalgegner Satish Kumar, ein Erfolg des Inders wäre eine veritable Sensation. Läuft es auch im Halbfinale plangemäß, würde sich The Big Uzbek am letzten Tag der Spiele zum Olympioniken krönen. Der Finalkampf steigt um 8.15 Uhr unserer Zeit.

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Kubas Riese ringt um sein viertes Gold

Mijaín López ist bei diesen Olympischen Spielen ein Unikat: Als einziger Sportler kann der 38-Jährige zum vierten Mal in Serie Gold in demselben Bewerb holen. Seit eineinhalb Jahrzehnten dominiert der Kubaner das griechisch-römische Superschwergewichtsringen.

Nach den Spielen in Rio schonte sich López und nahm nur an einem Turnier pro Jahr teil, zuletzt rang er bei den Panamerikanischen Spielen 2019. So kommt der Hüne ungesetzt nach Tokio, die Nummer eins – und der einzig andere realistische Goldkandidat – ist der Türke Riza Kayaalp. Der vierfache Weltmeister ist der Dauerrivale des kubanischen Dominators, in London 2012 unterlag er ihm im Halbfinale, 2016 im Finale.

Die Superschwergewichtler dürfen 130 Kilo wiegen, López misst fast zwei Meter. In Kuba nennen sie ihn trotzdem "El Niño", das Kind – ein Relikt aus dem vorigen Jahrtausend, als er mit 17 den Sprung ins Nationalteam schaffte.

"Mijaín will diese Goldmedaille genau so wie seine erste in Peking. Er hat die Stärke, den positiven Geist und den Willen", sagte López’ Mutter Leonor Nuñez der Nachrichtenagentur AFP. Sein Vater Timoteo prophezeit: "Die Menschen in Kuba sollten wissen, dass diese Medaille kommt."

Am Sonntag nimmt López seine Mission mit dem Achtelfinale in Angriff, die Medaillen werden etwa Montagmittag unserer Zeit ausgeschnapst.

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Georgiens Gigant jagt die magische 500er-Marke

Lascha Talachadses Formaufbau dürfte ganz ordentlich geklappt haben. Am Montag servierte der georgische Gewichtheber seinen Instagram-Followern Videos seines letzten harten Trainingstags: Da riss der Muskelberg relativ entspannt 220 Kilo und legte 255 Kilo im Stoßen nach.

Den Zweikampf-Weltrekord stellte der 27-Jährige erst im April bei den Europaspielen in Moskau auf, er steht bei 485 Kilo. Und da Talachadse bei Olympia kaum Gegner hat und als Goldmedaillenbank gilt, lauten die großen Fragen: Fällt der Rekord? Oder gar die 500-Kilo-Schallmauer?

Von den Trainingsvideos aufgewühlt, überschlugen sich Tachaladses Fans in den Kommentaren mit Hoffnungen, Forderungen, Spekulationen: 225 im Reißen, 275 im Stoßen? 230/270? Ein Australier versuchte es nuancierter: 227/273. Manch einer schrieb nur die Summe: 500. Doch sogar unter den Followern des Georgiers gibt es Realisten, die sagen: Die 500 fallen nicht. Noch nicht.

Talachadse ist eine Erscheinung, die sogar auf dieser Zeitungsseite relativ einzigartig ist. Die 197 Zentimeter Höhe wären noch kein Alleinstellungsmerkmal, aber die Superschwergewichtsklasse der Gewichtheber ist nach oben offen: Talachadse wiegt 176 Kilo. Der stärkste Mann der Spiele ist vierfacher Weltmeister, fünffacher Europameister und einfacher Olympiasieger. Wo er antritt, gewinnt er. Die Frage ist eher, wie genau.

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Der US-Rekordler stößt Kugeln in neue Sphären

Die Leichtathletik kennt einige Uralt-Rekorde, die erstens unter wohlbegründetem Dopingverdacht stehen und zweitens als kaum zu brechen gelten. Ein solcher war Randy Barnes’ Kugelstoß-Marke: Wenige Monate nach seiner 23,12-Meter-Bestleistung wurde der US-Amerikaner 1990 positiv auf anabole Steroide getestet und gesperrt. Es war nicht das letzte Mal.

"Ich wusste seit 2017, dass der Rekord möglich war", sagt Ryan Crouser. Bei der nationalen Vorausscheidung der USA demolierte er den Weltrekord mit einem Stoß auf 23,37 Meter. Die 7,257 Kilo schwere Kugel war noch in der Luft, als der 28-Jährige schon ausgelassen jubelte. "Ich wollte diesen Weltrekord schon so lange. Jetzt fällt eine Riesenlast von mir", sagte er.

Zur Belohnung gönnte sich der 145-Kilo-Athlet einen "Doppel-Doppel-Hamburger". In Massephasen konsumiert Crouser 6000 Kalorien pro Tag: "Man muss alle zwei Stunden essen. Man fühlt sich nie hungrig, das ist wirklich elend." In normalen Zeiten sind es 5000 Kalorien.

Crouser gewann bereits in Rio Gold, auch in der Entscheidung am Donnerstag ist er Favorit. Neben ihm gelten der Neuseeländer Tom Walsh und Crousers Landsmann Joe Kovacs als chancenreich. Bei der WM 2019 distanzierte Kovacs Crouser und Walsh um einen Zentimeter.

Mit Blick auf Gold-Judoka Krpálek ein gutes Vorzeichen für Weltrekordler Crouser: Auch er ist begeisterter Fischer. (Martin Schauhuber, 31.7.2021)

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