Kristina Timanowskaja (24) ist seit Jahren die beste Sprinterin in Belarus. Künftig läuft sie wohl für ein anderes Land.

Foto: Reuters/Szmigiel

Timanowskaja gehört seit zwei Jahren der Trainingsgruppe des Österreichers Philipp Unfried an.

Foto: ÖLV/Philipp Unfried

BSSF-Direktor Alexander Apeikin steht Timanowskaja beratend zur Seite.

Foto: Evgenij Dmitrishin

Von "ganz oben", sagt Alexander Apeikin, sei der Befehl gekommen. "Von Alexander Lukaschenko." Der ehemalige Handballer und Sportmanager Apeikin ist Direktor der BSSF (Belarusian Sport Solidarity Foundation), er ist aus seiner Heimat geflüchtet, lebt in Kiew und Vilnius. Apeikin kümmert sich um belarussische Sportlerinnen und Sportler, die Probleme bekommen haben. Von ihnen gibt es immer mehr. Der jüngste Fall ist jener der Sprinterin Kristina Timanowskaja, die bei den Olympischen Spielen ihre Trainer kritisiert hatte, woraufhin sie in den Staatsmedien als Vaterlandsverräterin hingestellt wurde und zur vorzeitigen Heimreise gezwungen werden sollte. Das ist der Befehl, den Apeikin meint. Der Befehl, der von Lukaschenko kam. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) leitete inzwischen eine förmliche Untersuchung ein.

Auch Österreich spielt eine Rolle in dieser abenteuerlichen Geschichte. Denn Timanowskaja (24), die es geschafft hatte, die Polizei und Medien zum Flughafen zu lotsen und zu informieren, kündigte an, die österreichische Botschaft kontaktieren zu wollen. Sie gehört seit zwei Jahren der Trainingsgruppe von Philipp Unfried an, zu der unter anderen auch Siebenkämpferin Ivona Dadic und die Jamaikanerin Megan Tapper zählen, die am Montag Bronze im Hürdensprint holte.

So gesehen ist Österreich für Timanowskaja naheliegend gewesen. Doch noch am Sonntagabend hieß es aus dem Außenministerium auf STANDARD-Anfrage, dass "keine Kontaktaufnahme der genannten Sportlerin mit der österreichischen Botschaft in Tokio stattgefunden" habe. In weiterer Folge hat das offizielle Österreich abgewartet – im Gegensatz zu anderen Ländern. Tschechien und Polen stellten Timanowskaja ein Visum in Aussicht. Der slowenische Ministerpräsident Janez Janša twitterte: "Kristina ist in Slowenien willkommen." Der französische Außenminister Clément Beaune erklärte, es wäre "eine Ehre für Europa", Timanowskaja politisches Asyl zu gewähren.

Die polnische Humanität

BSSF-Direktor Apeikin will Österreich "nicht kritisieren", hält aber fest: "Jedes Land hätte Kristina ein Visum anbieten können, auch Österreich." Wieso das nicht geschehen ist, darüber kann nur spekuliert werden. Timanowskaja hat nach einer Nacht in einem Flughafenhotel am Montag die polnische Botschaft in Tokio aufgesucht. Polens stellvertretender Außenminister Marcin Przydacz twitterte: "Sie hat ein humanitäres Visum erhalten." Polen werde alles tun, "was notwendig ist, um ihr zu helfen, ihre Sportkarriere fortzusetzen", fügte er hinzu. Timanowskaja sei in der Botschaft in "sicherem und gutem Zustand" und werde in den nächsten Tagen nach Polen reisen. Auch ihr Ehemann hat, sagt Apeikin dem STANDARD, Belarus verlassen und sich in die Ukraine abgesetzt.

Österreichs Außenministerium hält allgemein fest, "dass Asylanträge grundsätzlich nur persönlich und nur im Inland gestellt werden können". Patrick Kainz, unter anderem auf Fremden- und Asylrecht spezialisierter Rechtsanwalt ("Law And Beyond") in Wien, bestätigt das im Gespräch mit dem STANDARD. Es würden sich nicht so viele Menschen auf beschwerliche, lange Fluchtwege begeben, wenn es beispielsweise möglich wäre, "aus Afghanistan in ein Nachbarland zu reisen, die österreichische Botschaft aufzusuchen und dort einen Asylantrag zu stellen".

Das entführte Flugzeug

Man kann vermuten, dass Timanowskaja, so sie es beantragen würde, auch in Österreich Asyl erhalten könnte. Daran, dass sie in Minsk um ihre Sicherheit fürchten müsste, gibt es kaum Zweifel. Dass Diktator Lukaschenko vor nichts zurückschreckt, zeigte sich, als er das Flugzeug mit dem kritischen Journalisten Roman Protassewitsch zur Landung in Minsk zwang und diesen foltern ließ, wie TV-Aufnahmen bestätigten. Seit den von ihm manipulierten Präsidentenwahlen vor einem Jahr geht Lukaschenko mit Brutalität gegen friedliche Demonstranten vor.

Apeikin hielt schon im September 2020 im STANDARD-Sportmonolog fest: "Das Ergebnis der Wahl wurde klar gefälscht. Wenn zwanzig Prozent der Stimmen auf Lukaschenko entfielen, ist das hochgegriffen, ich denke, es waren eher 15 Prozent. Und dann heißt es offiziell, dass er fast 80 Prozent geholt haben soll. Wahrscheinlich hat Lukaschenko immer betrogen, aber so dreist und so offensichtlich noch nie." Auch deshalb hat der BSSF-Direktor einen Protestbrief verfasst, den Hunderte Sportstars unterzeichneten. Die Situation belarussischer Sportlerinnen und Sportler bezeichnet er als "sehr schwierig", speziell vor den Olympischen Spielen, "für Sportler ein Lebenstraum", waren viele "emotional hin und hergerissen".

Gut möglich, dass Timanowskaja auch weiterhin in Österreich trainiert. Ihre Bestzeit über 100 Meter (11,04) liegt unter dem 18 Jahre alten österreichischen Rekord von Karin Mayr-Krifka (11,15). Sie ist jeweils fünfmalige belarussische Meisterin über 100 und 200 Meter, 2019 holte sie 200-m-Gold bei der Universiade. Es steht außer Frage, dass Österreichs Leichtathletik von Kristina Timanowskaja profitieren kann.

Das IOC untersucht indessen den Fall. "Wir müssen alle Tatsachen feststellen und alle Beteiligten anhören, bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen", sagte IOC-Sprecher Mark Adams am Dienstag. Das IOC hatte eine Stellungnahme des Belarussischen Olympischen Komitees angefordert, die Frist lief laut Adams am Dienstag ab. Wann das IOC seine Ermittlungen abschließen werde, ist unklar. (Fritz Neumann, 2.8.2021)