Der Grazer Mediziner Michael Smola strahlt eine angestrengte Ruhe aus. Als Astra Zeneca vor einigen Monaten Lieferschwierigkeiten hatte und sich die Impfkampagne in Österreich verzögerte, spielte er mit dem Gedanken, eine Produktion des russischen Sputnik-Impfstoffs ins Land zu holen. Dafür habe er wegen seiner medizinischen und geschäftlichen Kontakte nach Russland schnell alles beisammen, sagt er. Heimische Pharmafirmen und die Politik in der Steiermark hätten sich dafür interessiert. Seither wartet Smola.

Denn was Sputnik nach wie vor fehlt, ist die Zulassung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Die lässt seit Monaten auf sich warten, weil der Hersteller des Impfstoffs offenbar die notwendigen klinischen Daten nicht zur Verfügung stellte. Ein Zulassungsantrag sei auch noch nicht eingegangen, heißt es seitens der EMA. Für Smola ist es unverständlich, dass ein Impfstoff, der in dutzenden Ländern zur Anwendung kommen soll, in Europa und Österreich nicht verimpft werde. So habe eine heimische Produktion jedenfalls vorerst keinen Sinn.

Im März stellten Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Israels Ex-Regierungschef Benjamin Netanjahu und Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ihre Kooperation zur Schau.
Foto: Olivier Fitoussi/Reuters

Mit seinen Plänen traf der Professor für Innovation und Forschung an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien damals einen Zeitgeist. Auch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verhandelte wie Smola im Frühjahr mit dem Russian Direct Investment Fund, dem offiziellen Vertragspartner von Sputnik.

Die Sache ist komplizierter

Mit den groß inszenierten Gesprächen des türkisen Parteichefs sollte aber wohl vor allem Druck auf die EU-Impfstoffversorgung ausgeübt werden – Österreich nutzte diese einst aber selbst nur unzureichend und rief zu wenig Impfstoff ab. Kurz griff auch die EMA an. Der Zulassungsprozess ging ihm zu langsam. Da etwa Astra Zeneca Lieferschwierigkeiten hatte, wollte Kurz, dass Österreich künftig selbst Impfstoff produziert, um unabhängiger zu werden – in Kooperation mit Dänemark und Israel. Der Regierungschef liebäugelte gar mit einer Sputnik-Produktion durch geeignete heimische Unternehmen.

Seither sind einige Monate vergangen. Österreich hat mehr Impfstoff als Impfwillige. Die Lieferung durch die bestehenden Produzenten klappt deutlich besser. Mit dem Vakzin des französischen Herstellers Sanofi etwa, der bereits mit der EU einen Vertrag abgeschlossen hat, steht ein zusätzlicher Impfstoff in den Startlöchern. Um die Ansage des Kanzlers ist es ruhig geworden.

Vielleicht auch, weil der Politik klar geworden sein dürfte, dass die Sache komplizierter ist. "Impfstoffproduktion heißt nicht, irgendwo ein Gebäude hinzustellen und zu starten", sagt eine Person, die in der Taskforce zum Thema im Wirtschaftsressort sitzt, in der die Pharmabranche breit vertreten ist, aber auch Martin Selmayr als Vertreter der EU-Kommission in Österreich. "Der Aufbau einer solchen Produktionsstätte dauert wegen strenger Auflagen normalerweise mehrere Jahre, eine Anlage umzurüsten einige Monate."

Um das Abfüllen geht es nicht mehr

Bisher sei in diesen Runden Vernetzung betrieben worden. Speziell die kleinen Betriebe sollten aufzeigen können. Es ging aber auch darum, einmal darzulegen, was es hierzulande in Sachen Impfstoffproduktion überhaupt gibt. Mit Pfizer in Orth an der Donau und Novartis in Kundl in Tirol existieren eigentlich "nur" zwei große Werke, die eine solche Produktion leisten können. Ersteres ist mit Impfstoffen gegen Zecken und Meningokokken ausgelastet, Letzteres steigt dieses Jahr in die Herstellung des Impfstoffkandidaten von Curevac ein. Ansonsten gibt es Einrichtungen wie etwa Polymun aus Klosterneuburg, das die wichtigen Lipid-Nanopartikel für den Impfstoff von Biontech herstellt.

Bleibt die Frage: Was will Österreich nun? Eine Antwort auf diese Frage suche man in der Taskforce noch, heißt es. Das sei aber nicht nur in Österreich so, sondern in Gesamteuropa. Laut Experten wird es sich aber nicht lohnen, den Fokus auf Abfüllproduktionen zu richten, um Knappheiten entgegenzutreten, wie Kurz es zu Beginn im Sinn hatte, weil die Hersteller ihre Kapazitäten selbst vergrößert hätten. Ziel müsse es sein, mehr Forschungszentren aufzubauen und auf lange Sicht Betriebe nach Österreich zu lotsen. Dafür müssten aber auch die Standortkosten "attraktiver" werden.

Doch kein Sputnik?

Österreich, Israel und Dänemark wollten auch eine 50 Millionen Euro schwere Stiftung zur Forschung und Entwicklung zur Corona-Bekämpfung gründen. Das ist noch nicht passiert. Das Bildungsressort verweist auf die neue Regierung in Israel seit Juni. Man sei im gegenseitigen Austausch, es seien aber noch keine Projekte angegangen worden.

Und was wurde aus Sputnik für Österreich? Koalitionär haben sich ÖVP und Grüne entschieden, eine mögliche EMA-Zulassung abzuwarten und keinen nationalen Alleingang zu wagen. In Regierungskreisen hört man aber, dass das Interesse an Sputnik vor allem da war, als noch Impfstoffknappheit herrschte. Nun sei man auf neue Quellen weniger angewiesen. Aus geopolitischen Gründen wolle die Regierung nicht zugreifen. Das klingt danach, als hätte sich Sputnik für die Regierung eher erledigt.

Smola will nicht aufgeben. Laut eigenen Angaben ist er in Osteuropa bestens vernetzt. Bis zum Jahr 2012 leitete er ein Vamed-Spital in Kasachstan, schrieb für das russischeJournal of Surgical Oncology Oncosurgery – und spricht von "hochpotenten" Forschungszentren in Russland. Beim Moskauer Sputnik-Hersteller Binnopharm hat er einen Fuß in der Tür. Mit dem Konzern will er geschäftlich kooperieren, aber auch gemeinsam forschen. Dabei will er sich nicht nur auf Impfstoffe und Corona beschränken. Das Thema Sputnik ist für ihn noch nicht zu Ende – trotz allem. (Jan Michael Marchart, 3.8.2021)