Kiew – Als Witali Schischow am Montag von einer Joggingrunde nicht zurückkehrte, machten sich seine Freunde entlang seiner üblichen Laufstrecke in Kiew auf die Suche – erfolglos. Schließlich meldeten sie den im ukrainischen Exil lebenden belarussischen (weißrussischen) Dissidenten vermisst. Am Dienstag wurde der 26-Jährige tot aufgefunden, erhängt an einem Baum in einem Kiewer Park.

Die ukrainische Polizei meldete den Fund der Leiche Dienstagfrüh, aufgrund der Umstände wurden Untersuchungen wegen Mordverdachts eingeleitet. Man wolle alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, darunter auch einen als Suizid getarnten Mord.

Ein Bekannter des Toten berichtete im ukrainischen Fernsehen, Schischows Nase sei gebrochen gewesen, als man ihn fand. Er sieht den belarussischen Geheimdienst KGB als verantwortlich für den Tod des Dissidenten: "Wir wussten, dass sie hinter uns her sind."

Witali Schischow wurde tot in einem Kiewer Park aufgefunden.
Foto: Schischow

Unterstützung für Exilierte

Schischow hatte seine Heimat im Vorjahr verlassen und führte von Kiew aus die Organisation "Belarussisches Haus in der Ukraine", die verfolgten Belarussen bei der Suche nach Unterkunft und Jobs sowie bei rechtlichen Angelegenheiten hilft. Bekannte berichteten, Schischow sei in der jüngeren Vergangenheit von Unbekannten verfolgt worden. Insbesondere seit den Protesten gegen den Betrug bei der Präsidentschaftswahl im August 2020 sind die belarussischen Nachbarländer Ukraine, Polen und Litauen das Ziel flüchtender Oppositioneller.

Falls sich der Mordverdacht erhärtet, bedeutet dies eine weitere Eskalation des Vorgehens des belarussischen Regimes. Dieses würde damit einmal mehr zeigen, dass es mit allen Mitteln bereit ist, Oppositionelle auch im Ausland seinen langen Arm spüren zu lassen.

Erst am Montag erhielt die belarussische Olympiateilnehmerin Kristina Timanowskaja von Polen ein humanitäres Visum, nachdem sie gegen ihren Willen aus Japan nach Belarus hätte zurückgebracht werden sollen. Sie hatte Entscheidungen ihrer Trainer kritisiert. Im Frühjahr ließ der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko eine Maschine der Fluglinie Ryanair unter Einsatz von Kampfflugzeugen nach Minsk umleiten, um den darin befindlichen Oppositionellen Roman Protassewitsch und seine russische Freundin Sofia Sapega verhaften zu lassen. Protassewitsch wurde in der Folge gefoltert und zur Aufnahme einer Aussage auf Video für Propagandazwecke gezwungen

Tichanowskaja bei Johnson

Die belarussische Oppositionschefin Swetlana Tichanowskaja äußerte sich bei einem Treffen mit dem britischen Premier Boris Johnson am Dienstag in London vorsichtig zum Tod Schischows. "Ich ziehe es vor, auf Resultate zu warten", erklärte sie gegenüber Journalisten: "Ich würde sagen, dass es ein Verbrechen war, aber ich kann es nicht ohne Untersuchungsergebnisse sagen." Johnson sicherte Tichanowskaja jedenfalls Unterstützung zu. "Wir sind sehr auf Ihrer Seite und unterstützen Sie bei dem, was Sie tun", sagte der Premier bei einem Treffen mit der 38-Jährigen. "Wir setzen uns für Menschenrechte und die Zivilgesellschaft in Belarus ein."

Bei der Präsidentenwahl 2020 war Tichanowskaja gegen Lukaschenko angetreten. Dieser erreichte der offiziellen Zählung zufolge eine klare Mehrheit für seinen Verbleib im Amt, doch der Westen verweigerte wegen des offensichtlichen Wahlbetrugs die Anerkennung.

Die Proteste ließ Lukaschenko brutal niederschlagen, Zehntausende wurden inhaftiert. Bald nach der Wahl musste Tichanowskaja das Land verlassen. Zur "Financial Times" sagte sie vor dem Treffen mit Johnson, der Westen müsse die Sanktionen gegen Lukaschenko verschärfen.

Eine Sprecherin der EU-Kommission verwies am Dienstag auf die Untersuchungen der ukrainischen Behörden. Man hoffe, dass man dann "den Grund für diesen sehr unglücklichen Tod erfahren" werde.

Migrationsdruck in Litauen

Zuletzt wuchs außerdem der Migrationsdruck an der belarussisch-litauischen Grenze. Allein im Juli wurden mehr als 2.000 illegale Grenzübertritte von Menschen aus Ländern wie dem Irak oder afrikanischen Staaten registriert, nachdem es im gesamten vergangenen Jahr lediglich 81 gewesen waren.

Nach Erkenntnissen der EU wurde der Anstieg der Zahlen gezielt von der Regierung des Nachbarlandes herbeigeführt, hieß es am Montag vonseiten der Kommission, die von einem "Akt der Aggression" sprach. So hatte Lukaschenko in der Vergangenheit offen damit gedroht, als Reaktion auf die gegen sein Land verhängten EU-Sanktionen Menschen aus Ländern wie dem Irak, Afghanistan oder Syrien passieren zu lassen.

Litauen verschärfte Asylregelungen

Litauen hat wegen des Zustroms von Migranten jüngst seine Asylregelungen verschärft und mit der Errichtung eines Zauns an der Grenze begonnen. Ein Sprecher der EU-Kommission betonte, dass die EU Litauen diesbezüglich auch finanziell unterstütze. Man sei auch besorgt über die Zunahme von Flügen zwischen dem Irak und Belarus.

Diesbezüglich sei man "in intensivem Kontakt" mit der irakischen Regierung, sagte der Sprecher. Er verwies diesbezüglich auf einen Vorschlag der Brüsseler Behörde, wonach über Restriktionen im Visabereich Druck auf den Irak ausgeübt werden soll, damit beim Thema Rückübernahme von Migranten besser zusammenarbeite. (Michael Vosatka, APA, 3.8.2021)