Motorroller wie die kultige Vespa gibt es längst mit E-Motor. Eingefleischte Biker lassen sich jedoch noch schwer von Elektroantrieben überzeugen.

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Die Elektrifizierung des Individualverkehrs: Sie gilt als wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Klimawende. Doch während immer mehr Automobilhersteller Elektroautos in ihr Sortiment aufnehmen, tut sich im Zweiradbereich vergleichsweise wenig.

So verfügen nur 2,5 Prozent aller im ersten Halbjahr 2021 in Österreich neu zugelassenen Motorräder über einen Elektroantrieb. Das liegt weniger an der Innovationsträgheit der Anbieter als an mangelnder Kaufbereitschaft seitens der Konsumenten. Denn das Thema E-Mobilität wird innerhalb der Community der Motorradfahrer oft kritisch gesehen.

Eine im Mai dieses Jahres veröffentlichte Umfrage der britischen Motorcycle Action Group zeigt, dass bei eingefleischten Bikern noch Überzeugungsarbeit vonnöten ist, ehe sie sich zum Umstieg auf elektrisch angetriebene Boliden bewegen lassen.

Demnach würden fast 31 Prozent der Befragten das Motorradfahren eher aufgeben, als sich ein E-Bike zu kaufen. Elektromuffel bemängeln vor allem die geringe Reichweite und den hohen Preis. Zudem vermissen sie – quantitativ weniger gut erfassbar – das typische "Fahrvergnügen" eines Verbrennungsmotors.

Allerdings wären gerade im Stadtverkehr kompakte E-Motorräder eine klimafreundliche Alternative zum Auto. Genau auf diese Nische konzentriert sich das rund sechs Millionen Euro schwere Leuchtturmprojekt EMotion (Electric Mobility in L-Category Vehicles for all Generations).

Unter der Koordination des Austrian Institute of Technology (AIT) arbeiten zehn Industrie- und Forschungspartner aus Österreich und Deutschland derzeit an einem völlig neuen Typ von Elektromotorrad, darunter die TU Graz, Salzburg Research und die FH Oberösterreich.

Für Jung und (etwas) Älter

Die Prototypen des E-Zweirads sollen im Frühjahr in die Testphase starten.
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Die Zielgruppe sind dabei einerseits jugendliche Einsteiger zwischen 16 und 18 Jahren sowie andererseits die Generation der über 50-Jährigen. Bis zum Ende des Jahres soll das Engineering abgeschlossen sein. KTM E-Technologies ist als zentraler Projektpartner für den Bau des Fahrzeugs sowie für den elektrischen Antrieb zuständig.

Das Unternehmen aus Mattighofen besitzt außerdem die Verwertungsrechte. Im kommenden Frühling wird eine achtmonatige Testphase der beiden Prototypen (einer mit vier, einer mit acht Kilowatt Leistung) auf Salzburger Straßen starten. Das bis März 2023 laufende Projekt wird im Rahmen des Programms Zero Emission Mobility des Klima- und Energiefonds in Kooperation mit dem Klimaschutzministerium gefördert.

Zu Beginn des Projekts wurde eine Befragung in zwölf europäischen Ländern durchgeführt, um zu erheben, welche Erfahrungen Menschen mit zweirädriger Elektromobilität haben und welche Anforderungen sie daran stellen. Dabei bestätigten sich die üblichen Zweifel.

"Viele Menschen haben Angst davor, dass sie mit einer Batterieladung nicht an ihr Ziel kommen", sagt Projektkoordinator Thomas Bäuml vom AIT. "Diese Angst ist aber unbegründet, weil für das tägliche Pendeln die Batterie locker ausreicht und für den reinen Stadtverkehr sowieso."

Leichtbaurahmen

Die Ladezeit soll je nach Batteriegröße ein bis drei Stunden betragen. Ein Wunsch vieler Teilnehmer der Befragung war außerdem, möglichst viel Stauraum unter dem Sitz zur Verfügung zu haben. Dem tragen die Entwickler durch eine geschickte Anordnung der Komponenten des Antriebsstrangs Rechnung. Die Batterie etwa ist ganz unten, mittig platziert, was zudem den Schwerpunkt senkt.

Außerdem wurden möglichst kleine Komponenten mit gleichzeitig hoher Leistungs- und Energiedichte gewählt. Auch Ladegerät und ausziehbares Kabel sind im Fahrzeug untergebracht.

Die Konstruktion des Leichtbaurahmens aus Stahlgitterrohr und legiertem Aluminium erlaubt es, die Leistung des Motorrades einfach durch eine Veränderung der Fahrzeuglänge zu skalieren. So ist das Acht-kW-Motorrad ein wenig länger als das halb so leistungsstarke Vier-kW-Modell. Zudem wird der ökologische Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus betrachtet – von der Gewinnung der Materialien bis zum Recycling.

Lernen, elektrisch zu fahren

Als ökologisch-pädagogische Komponente implementieren die Projektpartner eine Benutzerschnittstelle, die den Anwender intuitiv an die Eigenheiten der zweirädrigen Elektromobilität heranführen soll. Auf einem Display auf dem Armaturenbrett werden verschiedene Symbole und Farben anzeigen, ob der Fahrer energiesparend unterwegs ist oder ob sein Fahrstil optimierbar ist.

So lässt sich etwa durch eine bestimmte Stellung des Gashebels überschüssige Energie in die Batterie rückspeisen (Rekuperation). Das ist jedoch nicht in allen Fahrsituationen sinnvoll, in scharfen Kurven oder bei nassem Untergrund kann es sogar gefährlich sein. "Rekuperation ist bei zweirädrigen Fahrzeugen noch nicht sehr verbreitet", erklärt Bäuml.

Generell erfordere der Umstieg vom herkömmlichen Verbrennungsmotor auf einen Elektromotor eine Eingewöhnungszeit, weil Ersterer deutlich schneller beschleunigt. Nach der Fahrt wird eine Statistik dem Fahrer am Display anzeigen, in welchen Situationen er energieeffizienter hätte agieren können. Vielleicht kann so auch manch ein Skeptiker doch noch dazu gebracht werden, Geschmack an Elektrozweirädern zu finden. (Raimund Lang, 8.8.2021)