Mit gesichertem Gold im Gepäck unternahm Armand Duplantis drei Anläufe auf 6,19 Meter. Sein erster und sein dritter Weltrekordversuch scheiterten äußerst knapp.

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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit einem kalten Getränk auf dem Balkon ihrer Wiener Neubauwohnung, sagen wir, im zweiten Stock. Da sehen Sie unten auf der Straße einen jungen Schweden heranrennen. Er hält einen langen Stab, rammt ihn in den Boden, steigt hoch und höher – und landet neben Ihnen.

Die Leistungen von Spitzensportlern sind oft schwer greifbar. Armand Duplantis wäre mit seinem Olympia-Goldsprung von 6,02 Metern beispielsweise auch über die größte Giraffe gesprungen. Einfacher ist es beim Hochsprung ohne Stab: Die so herzerwärmend jubelnden Mutaz Essa Barshim und Gianmarco Tamberi hätten mit ihren 2,37 Metern locker den größten Menschen, den Sie je getroffen haben, überflügelt – auch wenn das NBA-Export Jakob Pöltl war.

Strafzettel für Fabelrekordler

Sprechen wir über Karsten Warholm. Der Norweger wäre bei seinem 45,94-Sekunden-Fabelweltrekord über 400 Meter Hürden in einer 30er-Zone geblitzt worden – während er zehnmal über Hürden in der Höhe einer handelsüblichen Waschmaschine sprang.

Der Bahnrad-Vierer der Frauen war bei seinem Weltrekord noch illegaler unterwegs. Das deutsche Quartett brauchte für die 4000 Meter 4:04,242 Minuten, das wäre mit 59 km/h eine teure Fahrt durchs Ortsgebiet.

Viel Glück beim Drüberspringen.
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Um Strafzettel brauchte sich Sifan Hassan nicht sorgen, das Tempo der Ausnahme-Langstreckenläuferin aus den Niederlanden ist aber nicht weniger bemerkenswert. Das 5000-Meter-Finale ging lange Zeit recht gemächlich voran, doch ihre Siegerzeit von 14:36,79 will auch eingeordnet sein: Max Mustermann geht die fünf Kilometer in genau einer Stunde; wer sie unter einer halben Stunde läuft, kann sich als fit bezeichnen. Umgekehrt betrachtet: Während unsereins geduldig auf die Auswertung eines Corona-Schnelltests wartet, rennt Hassan in Wien locker vom Praterstern zum Lusthaus.

Busse und Hollywood

Zurück zu Weltrekorden, zurück zum Springen. Yulimar Rojas segelte im Dreisprung 15,67 Meter. Klingt weit? Ist es auch. Das Anschaulichmachen fällt hier schon schwerer, hier kommt der Versuch der Schwarmintelligenz der Sportredaktion des STANDARD: Stellen Sie sich mit einem Babyelefant-Abstand hinter einen normalen Stadtbus, wie ihn beispielsweise die Wiener Linien verwenden. Mit zwei Bodenkontakten fliegt Rojas über die ganze Länge des Busses und locker an Ihnen vorbei.

Diese 15 Meter hatten auch die Sportkletterer in der Speed-Qualifikation zu überwinden, allerdings vertikal. Für die Route, die den allermeisten Hobbykletterern zu schwierig wäre und für Ungeübte sowieso unmöglich, brauchte der Quali-Beste Bassa Mawem 5,45 Sekunden. Die Version für Feinschmecker: Man könnte die Griffe fast alle auf einen Buchstaben des legendären Hollywood-Schriftzugs schrauben, Jakob Schubert wäre in unter sieben Sekunden an der Oberkante.

Die Zeiten der Langstreckendominatorin Sifan Hassan sind spektakulär.
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Schwarzenegger tragen

Muskelkraft ist freilich auch im Gewichtheben zu finden. Eine der eindrucksvollsten Figuren der Spiele war hier Hidilyn Diaz. Die erste philippinische Olympionikin wiegt weniger als 55 Kilo, stieß aber 127 Kilo. Diese zierliche Frau hätte also Arnold Schwarzenegger in seinen besten Bodybuilderzeiten in die Luft drücken können – mitsamt einem 15-Kilo-Rucksack.

Kugelstoß-Weltrekordler Ryan Crouser (23,37 Meter) beschrieb seinen Sport jüngst so: "Du nimmst eine Bowlingkugel, stellst dich auf einem Basketballcourt an die Freiwurflinie – und drehst dich um und wirfst in den anderen Korb. Dann hättest du zwar noch keinen Rekord, wärst aber gut dabei."

Schule, Mehl, Reichsbrücke

Lukas Weißhaidinger schleuderte seinen Diskus 67,07 Meter zu Bronze. 60 Meter, da klingelt doch was: der Sprint im Schul-Turnunterricht. Der Oberösterreicher würde die Zwei-Kilo-Scheibe recht locker über die Bahn werfen. Diese zwei Kilogramm wiederum, das ist nicht besonders originell, sind so schwer wie zwei Kilopackungen Mehl. Als Scheibe sind sie aber jedenfalls aerodynamischer.

Kaum zu glauben, was mit perfekter Technik möglich ist. Das gilt auch fürs Schwimmen, wo sich für Gelegenheitssportler schon eine Beckenlänge unerträglich ziehen kann. Die Donau ist auf der Höhe der Wiener Reichsbrücke etwa 270 Meter breit. Mit seinem Tempo aus dem 400-Meter-Freistil-Finale wäre Felix Auböck in zweieinhalb Minuten auf der anderen Seite. Anders gesagt: Der Mann schwimmt schneller, als unsereins geht. (Martin Schauhuber, 4.8.2021)