Heute mal ins Moor und in den Wald. Grünen-Chef Robert Habeck und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock begaben sich ins Brandenburger Naturschutzgebiet, um ihr Klimaschutzprogramm vorzustellen.

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So viel Grün! Die Bäume, die Sträucher, sogar der Boden leuchtet laubfroschfarben. Schöner hätte es sich ein Kampagnenmacher nicht ausdenken können. Und dabei ist das hier alles echt, sogar das Moor, an dessen Rand Grünen-Chef Robert Habeck und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stehen.

Habeck lässt den Blick über das Kleinod im brandenburgischen Biesenthaler Becken, einem Landschaftsschutzgebiet nördlich von Berlin, schweifen und sagt: "Ich hab mal gelesen, dass 95 Prozent der Moore in Deutschland tot sind."

"Das würde ich jetzt nicht so totreden", erwidert Christian Unselt vom Naturschutzbund Nabu und weist darauf hin, dass in ausgetrockneten Mooren ja auch Landwirtschaft betrieben wird. Unselt hat waldtaugliche Kleidung an, seine Füße stecken in festen Wanderschuhen. Habeck neben ihm trägt einen Anzug und Halbschuhe, die besser in die Stadt passen.

Frage nach Inhalten

Immerhin hat sich Baerbock für den Termin die Turnschuhe angezogen. Sie will wissen, wann dieses renaturierte Moor im Biesenthaler Becken denn wieder CO2 binden werde. Die Antwort ist ein bisschen ernüchternd. Es wird noch 20 Jahre lang dauern.

Und es gibt noch mehr Fragen, nämlich jene der vielen mitgereisten Journalisten. "Bringt das jetzt was, wenn Sie sich in ein ausgetrocknetes Moor stellen?", fragt ein Kollege der Berliner Tageszeitung Habeck und will wissen, ob es nun endlich mit dem inhaltlichen Wahlkampf der Grünen losgehe.

In Umfragen hinten

"Es ist ein vernässtes Moor", korrigiert Habeck ihn. Gelächter. Doch der grüne Parteichef, der so gerne Kanzlerkandidat geworden wäre, aber dann Baerbock den Vortritt gelassen hat, schaut bei diesem Termin nicht immer entspannt drein. Es liegt wohl nicht bloß an den vielen Gelsen, die auch vor seinem karierten Anzug nicht haltmachen.

Rund sieben Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl, und die Grünen liegen wieder weit – nämlich rund zehn Punkte – hinter der Union. In ihrem Wahlkampf war bisher vor allem von den Fehlern der Kanzlerkandidatin die Rede.

Sie hat ihren Lebenslauf geschönt, Nebeneinkünfte dem Bundestag zu spät gemeldet und in ihrem Buch viele Passagen abgeschrieben, ohne die Originalquellen zu nennen.

Viele Superlative

Die Grünen stehen also unter Druck, und sie wissen, dass sie jetzt liefern müssen. Mit Superlativen wird daher im Brandenburger Wald nicht gegeizt. Baerbock und Habeck sind schließlich nicht hergekommen, um bloß renaturierte Moore zu besichtigen.

Sie stellen ihr "Klimaschutzsofortprogramm für die nächste Bundesregierung" vor. Man wolle "das größte Klimaschutzprogramm, das jemals beschlossen wurde", sagt Baerbock und betont, mit Blick auf das verheerende Hochwasser der vergangenen Wochen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen: "Klimakatastrophen passieren hier mitten unter uns."

Früher Schluss mit Kohle

Das Programm bietet zunächst, was auch schon im grünen Wahlprogramm zu finden ist: Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Anstieg des CO2-Preises auf 60 Euro pro Tonne, schnellerer Ausbau der erneuerbaren Energien, wobei zwei Prozent der Fläche Deutschlands für Windräder reserviert sein sollen.

Weitere Forderungen sind jene nach dem Kohleausstieg im Jahr 2030 und nicht erst 2038, wie von der jetzigen Bundesregierung beschossen. Nicht erwähnt werden im Programm hingegen das Aus für den Verbrennungsmotor im Jahr 2030 und ein Verbot von Inlandsflügen. Ob man da angesichts des Widerstands doch kalte Füße bekommen habe, wird das Duo gefragt. "Wir haben aufgezählt, was absolute Priorität in den ersten einhundert Tagen hat", sagt Baerbock.

Eine neue Klima-Taskforce

Neu ist der Ruf nach einem Klimaministerium, das ein Veto gegen alle Vorhaben einlegen soll, die nicht mit dem Pariser Klimaabkommen und der Begrenzung des Temperaturanstiegs um 1,5 Grad vereinbar sind. Dazu gehört für die Grünen auch die Wiedervernässung von Mooren. Um Abstimmungsprozesse innerhalb der Ministerien zu verschlanken, wollen die Grünen in den ersten einhundert Tagen ihrer Regierungszeit eine Klima-Taskforce der Regierung einrichten, die im Wochenrhythmus tagt.

Ob er Klimaschutzminister unter Kanzlerin Baerbock werden wolle, wird Habeck dann noch gefragt. Doch der will nicht über Ressortzuschnitte diskutieren und bleibt die Antwort schuldig. Dass noch viele zu überzeugen sind, merkt Habeck, als ein Wanderer des Weges kommt. Der findet nämlich ausgetrocknete Moore gar nicht schlimm: "Da wachsen dann schöne Orchideen."(Birgit Baumann aus dem Biesenthaler Becken, 3.8.2021)