16- bis 28-Jährigen ist örtliche Flexibilität viel wichtiger als ein gutes Gehalt.

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Papa geht in die Arbeit, bevor die Kinder aufgestanden sind – und drückt abends den schon schlafenden Kleinen einen müden Kuss auf die Stirn. Dieses Modell ist von vorgestern.

Mama und Papa verhandeln jeden Tag unter maximaler Anstrengung aufs Neue, wie sie – beide berufstätig und auf dem Weg ins Büro – alles irgendwie hinbekommen. Dieses Modell ist von gestern. Junge, die das in ihren Familien erlebt haben, wollen nicht mehr in diese Fußstapfen des Arbeitslebens treten.

Der Job ist nicht mehr das Leben, vor allem nicht der Job im Büro. Jetzt ist der größte Wandel der Arbeitswelt, über den immer nur geredet wurde, vollzogen: Die Mehrheit hat den eigenen Schreibtisch gedanklich abgeschafft und örtliche Flexibilität (Homeoffice) zur neuen Erfüllung erhoben. Laut aktueller Umfrage des US-Versicherers Breeze sind 65 Prozent der US-Amerikaner bereit, auf fünf Prozent ihrer Gage zu verzichten, wenn sie im Homeoffice bleiben können. 15 Prozent würden dafür bis zu einem Viertel der Entlohnung hergeben.

Örtliche Flexibilität

Die Unternehmensberater von EY haben kürzlich erhoben, dass weltweit die Hälfte der ursprünglichen Bürogeher den Job an den Nagel hängen wollen, wenn sie keine Möglichkeit zum Arbeiten von zu Hause aus erhalten – Jüngere noch viel häufiger als Ältere. 16- bis 28-Jährigen ist örtliche Flexibilität viel wichtiger als ein gutes Gehalt, zeigt auch eine Umfrage der Wirtschaftsprüfer von PwC.

Damit sind die Türen für Unternehmen und ihre Führungskräfte, die munter "Zurück an die Schreibtische!" rufen, endgültig zu. Es gibt kein Zurück mehr zum selbstverständlichen Köpfezählen im Headquarter. Kein Zurück mehr zum Wettlauf "Wer als Letzter das Licht abdreht, ist Leistungssieger". Das Selbstbewusstsein aller Belegschaften hat sich verändert. Wer ins Büro will, hat sich die Gründe (oder Zwänge) dafür gut überlegt. Oder sieht sich, wenn möglich, nach einem anderen Arbeitgeber um. Aus dem Wandel kommt keine Firma heraus, auch nicht mit einem möglichen Impfzwang oder einem fetteren Gutschein für irgendetwas. Arbeitgeber müssen sich jetzt positionieren.

Das ist eine wunderbare Entwicklung mit weitreichenden Folgen für praktisch alles – von der Stadtplanung bis zum individuellen Lebensmodell. Sie jetzt als Sieg der Rehumanisierung der Arbeitswelt zu feiern ist trotzdem falsch.

Integrationsprobleme neuer Mitarbeitender

Die Diskussion über die Verteilung der Kosten der Infrastruktur für den Job hat noch gar nicht begonnen. Gewerkschaften und Arbeiterkammer halten vorerst still und rechnen Energie- und Quadratmeterersparnis der Unternehmen noch nicht vor. Die Integrationsprobleme neuer Mitarbeitender im Remote-Modus sind kaum ausreichend belegt. Wer im Homeoffice verlieren wird – etwa Frauen –, ist noch nicht klar. Wo welche großen Datenlecks aufgehen, wird sich erst zeigen. Wie die neuen (digitalen) Kontrollinstrumente für Heimarbeiter aussehen, liegt aktuell im Graubereich. Dass der Trend, auf Einkommen gleich freiwillig zu verzichten, um örtlich flexibel arbeiten zu können, ein Eigentor der Arbeitnehmer wird, ist wahrscheinlich.

Die Verhandlungen über die Zukunft des hybriden Arbeitens haben noch gar nicht begonnen. Arbeitsminister Martin Kocher wird bei der anstehenden Erneuerung des bestehenden Homeoffice-Gesetzes mehr zu tun haben, als nur ein bisschen nachzubessern. (Karin Bauer, 4.8.2021)