Auf dem Areal von sogenannten Umerziehungsinternaten wurden bereits mehr als 5000 Leichen indigener Kinder gefunden. Sie wurden Opfer eines rassistischen Systems.

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Mumilaaq Qaqqaq ist eine Inuit-Frau aus Nunavut.

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Zehn Minuten lang sprach die Abgeordnete der nördlichen Provinz Nunavut im kanadischen Unterhaus. Zehn Minuten lang erzählte die 27-jährige Inuit-Frau, warum sie täglich daran erinnert wird, dass sie nicht in diese Institution gehört und selbst als gewählte Repräsentantin rassistischen Vorurteilen von Sicherheitsbeamten ausgesetzt ist. Die Rede von Mumilaaq Qaqqaq vor der Sommerpause des Parlaments sahen tausende Menschen, doch die Debatte um Gleichberechtigung Indigener in Kanada ist wieder verebbt.

Qaqqaqs Rede vor dem Unterhaus.
Mumilaaq Qaqqaq

STANDARD: Hat sich die Öffentlichkeit für indigene Rechte verändert, nachdem mehr und mehr Massengräber von Kindern auf dem Gebiet von ehemaligen Umerziehungsinternaten entdeckt wurden?

Mumilaaq Qaqqaq: Es gab sehr kurzfristig den Funken einer Konversation, aber der ist wieder verglüht. Die Zahlen, die hängen geblieben sind, sind 215 und 751. Das sind knapp unter eintausend tote Kinder. Doch es gibt noch so viele Gräber, und es wurden bereits 5000 Leichen gefunden. Die Medien haben es hier nicht geschafft, das Ausmaß des Problems zu erfassen, und haben das Thema bereits wieder fallengelassen.

STANDARD: Sie haben für mehr technische und finanzielle Unterstützung bei der Suche nach mehr Gräbern geworben. Warum ist es wichtig, dass die Leichen gefunden werden?

Qaqqaq: Wir Indigene wissen zwar, dass es noch zahlreiche weitere Gräber gibt, aber es geht darum zu erfahren, was mit den Menschen wirklich passiert ist. Das wahre Ausmaß der Verbrechen ist noch unklar. Und dabei geht es nicht nur um sogenannte Schulen, sondern auch um Grundstücke von Krankenhäusern oder Sanatorien, die abgesucht werden müssen.

Nach Inuit-Tradition werden Menschen nicht beerdigt. Diese Kinder nach Hause zu bringen heißt auch, dass sich die Angehörigen den Traditionen gemäß verabschieden und so abschließen können.

STANDARD: Glauben Sie Premierminister Justin Trudeau, wenn er strafrechtliche Ermittlungen ankündigt?

Qaqqaq: Nein, denn sonst hätte er schon lange sichergestellt, dass das passiert. Justizminister David Lametti hat diese Macht. Doch als wir ihn dazu aufgefordert haben, hat er sich geduckt und die Verantwortung dem Büro des Premiers umgehängt.

Es muss allen klar sein, dass das die Menschen sind, die das Drehbuch neu schreiben und Gesetze verabschieden können. Sie haben Macht, aber weigern sich, sie einzusetzen. Trudeau hat uns in den vergangenen sechs Jahren gezeigt, dass es nichts bedeutet, wenn er über Aussöhnung spricht. Er ist jemand, der bei Demonstrationen kniet, wenn er doch in der Sache Haltung einnehmen und sich für Menschenrechte einsetzen sollte.

STANDARD: Sie fordern die Auslieferung des Priesters Johannes Rivoire, gegen den ein Haftbefehl wegen Kindesmissbrauch besteht. Wieso ist das noch nicht geschehen?

Qaqqaq: Rivoire hat während seiner Zeit in Nunavut mindestens drei Kinder missbraucht. Nun lebt er in Frankreich, und der Fall wird nicht weiter verfolgt. Ich frage mich deshalb ja: Wie kann es Trudeau wichtig sein, dass er sich mit der indigenen Bevölkerung aussöhnt, wenn er nicht einmal Frankreich zu einer Auslieferung bewegen kann? Ich bin vergangenes Wochenende bei einem Protest neben einem der Missbrauchsüberlebenden marschiert, der mir gesagt hat, dass er Rivoire gern selbst suchen gehen würde, damit dieser seiner gerechten Strafe zugeführt werden kann.

STANDARD: Nicht nur die Aufarbeitung der Umerziehungsinternate ist ein wichtiges Thema für die indigene Bevölkerung Kanadas, sondern es gibt weitere große Probleme.

Qaqqaq: Unverhältnismäßig viele Menschen sterben in ihrem eigenen Land. Sei es durch Suizid – hätten die Inuit ein eigenes Land, hätte es die höchste Selbstmordrate – oder Mord oder das Fehlen grundlegender medizinischer Versorgung.

Es gibt zum Beispiel viele Menschen, die unter fortgeschrittenen Krebserkrankungen leiden, bevor sie überhaupt Zugang zu Tests erhalten. Es gab in Nunavut etwa Spitäler, die das US-Militär betrieben hat. Als die an die kanadischen Behörden übergeben wurden, machten sie die Einrichtungen dicht. Inuit mussten in den 1960er-Jahren für Tuberkulosebehandlungen in den Süden Kanadas reisen. Obwohl man dafür nur Bettruhe, Röntgengeräte und Antibiotika braucht.

STANDARD: Kanadas politische Führung verweist immer wieder auf den Bericht der Wahrheits- und Aussöhnungskommission 2015. Braucht es eine erneute Untersuchung?

Qaqqaq: Es braucht nicht mehr Forschung, sondern Taten. Die Art und Weise, wie diese Kommission vorgegangen ist, war schrecklich. Die sind jahrelang einfach bei Indigenen aufgetaucht und haben ihre Traumata wieder aufgewühlt. Nur, um sie dann damit wieder alleinzulassen. Ohne psychologische Unterstützung oder sonstige Hilfe. Es ist einfach nichts passiert.

STANDARD: Glauben Sie, dass Sie einen Wandel noch erleben werden?

Qaqqaq: Ich denke, dass ich sehen werde, wie das Selbstbewusstsein meines Volkes wächst, die Hoffnung und die Ermächtigung. Und dass es erkennen wird, in welcher Instabilität es überhaupt lebt. (Bianca Blei, 7.8.2021)