Die (fast) vergessenen Kinder in der Pandemie sind die Jüngsten in den Kindergärten und Horten. Für sie gibt es, auch bedingt durch die föderale Kompetenzstruktur, auch für den zweiten Herbst in der Pandemie noch kein einheitliches Corona-Schutzkonzept.

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Noch simpler als Nasenbohren: Die "Lollitests" funktionieren wie ein Lollipop, sind also buchstäblich "kinderleicht" und kindgerecht.

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Wien – "Bitte warten!" heißt es für die Jüngsten in der Gesellschaft und ihre Eltern sowie das Personal in den elementarpädagogischen Einrichtungen, wenn es darum geht, wie es für sie nach den Sommerferien weitergehen soll. Denn auf die Frage, wie die Kindergartenkinder und ihre Pädagoginnen und Pädagogen, und damit zusammenhängend die Familien, im bereits zweiten Pandemieherbst bestmöglich vor dem Coronavirus geschützt werden sollen, gibt es bis jetzt keine politische Antwort.

Bildungsminister liefert "Orientierungspapier"

Das liegt vor allem daran, dass die föderale Struktur des Landes neun Antworten erforderlich macht, weil die Kindergärten in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen. Bildungsminister Heinz Faßmann kann aus kompetenzrechtlichen Gründen für die erste Bildungsetappe der Kinder "nur beraten", sagte er – in unverhohlen bedauerndem Ton – bei der Präsentation des Coronapräventionskonzepts für die Schulen am vergangenen Mittwoch. Er kündigte aber an, dass sein Ministerium noch im August ein "Orientierungspapier" erarbeiten wird, "wie wir auch den elementarpädagogischen Bereich sicher durch den Herbst bringen können".

Die Kindergärten sind jedenfalls bereits in das neue Abwassermonitoring der Schulen integriert. Mit diesem Frühwarnsystem können aus 116 Kläranlagen in ganz Österreich sehr schnell "Signale" für Virusvorkommen generiert – und dann Schulen wie Kindergärten in der betroffenen Region gewarnt werden, um regionale Schutzmaßnahmen zu aktivieren.

Der blinde Fleck im Pandemiemanagement

Stellvertretend für die Betroffenen bringt Susanna Haas das Dilemma der Kindergärten in der Pandemie im STANDARD-Gespräch so auf den Punkt: "Kinder zwischen null und sechs Jahren kommen in Corona-Schutzkonzepten ja gar nirgends vor." Also genau die altersmäßige "Zielgruppe" des elementarpädagogischen Bildungsbereichs. Darum blicke man zwar "nicht mit Angst, aber doch Sorge auf das, was im Herbst auf uns zukommen wird", sagt die Pädagogin, die dem Vorstand des Vereins Educare, einem überparteilichen Netzwerk von Vertreterinnen und Vertretern elementarer Bildung, angehört. Haas ist pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien, die rund 90 Kindergärten und Horte betreibt, und als solche Teil der Initiative "Elementare Bildung Wien", in der vier große private Träger (neben der St. Nikolausstiftung noch die Diakonie, Kinderfreunde und Kinder in Wien (KIWI)) aktiv sind. Sie decken gemeinsam rund 30 Prozent des elementarpädagogischen Betreuungsbedarfs in der Bundeshauptstadt ab.

Elementarpädagogin Haas pocht für ihre Berufskolleginnen und -kollegen auch auf ein klares Schutzkonzept für die Kindergärten und Horte. Wenn Kinder unter sechs Jahren nicht systematisch mitbedacht werden, etwa nach der Rückkehr aus Urlauben, "dann bringt dieses Kind das Virus vielleicht in die Gruppe, steckt andere Kinder an, und die bringen es dann in die Familien. Das haben wir ja erlebt. Zum Glück erkranken die Kinder selbst meist nicht so schwer, aber den Pädagoginnen und Pädagogien fehlen Sicherheitskonzepte, die idealerweise der Bund vorgeben sollte", fordert Haas. Wenn schon dann Bildungsressort formal nicht zuständig ist, dann wäre es vielleicht am Gesundheitsministerium, für den Elementarbereich einheitliche Vorgaben zu machen.

Systematisches Konzept mit Lollitest für alle Kindergärten

Die Kindergartenvertreterin wünscht sich auch für den Elementarbereich ein systematisches Testkonzept für die Kinder wie im Schulbereich: "Wir fordern seit Monaten Lollitests in allen Kindergärten. Wenigstens einmal pro Woche sollen die Kinder einen negativen Test Befund vorweisen. Ein positiv getestetes Kind käme dann nicht mehr in den Kindergarten und so würde man auch den anderen Familien helfen."

In Wien, im Burgenland und in Niederösterreich liefen im April Pilotprojekte mit sogenannten "Lutschertests" oder "Lollipop-Tests", flächendeckend ausgerollt wurden sie danach aber nur in Niederösterreich, wo das Land für die 1.060 Landeskindergärten und 37 Privatkindergärten ab Mitte Mai 1,2 Millionen Testkits zur Verfügung gestellt hat. Damit konnte bis 23. Juli zweimal pro Woche getestet werden, hieß es.

Bei diesem kleinkindgerechten Testverfahren lutschen die Kinder auf einem Abstrichtupfer wie einen Lolli. Auf diese Weise wird die Speichelprobe für den Coronatest gewonnen.

Das erwachsene Kindergartenpersonal muss schon jetzt einmal pro Woche einen Gurgeltest absolvieren, erzählt Susanna Haas, Ungeimpfte müssen zwei PCR-Tests wöchentlich vorlegen.

Eltern müssten Kleinkinder daheim testen

Die Lutschertests der Kindergartenkinder müssten jedenfalls daheim von und mit den Eltern durchgeführt werden, betont Haas mit Blick auf die PCR-Tests der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Abwicklung von etwaigen Covid-Fällen: "Wir schaffen das administrativ einfach nicht." Und für die Kinder wäre die Umgebung daheim sicher auch angenehmer, außerdem könnten sie im Falle des Falles eben gleich daheim bleiben und müssten nicht wieder zurückgeschickt werden.

Insgesamt wünscht sich die Kindergartenpädagogin, dass die Kindergartenagenden in die Kompetenz des Bundes bzw. ins Bildungsministerium übergeführt werden sollten, das ohnehin bereits für die Ausbildung zuständig sei: "Erstens, weil der Kindergarten mittlerweile als Bildungseinrichtung anerkannt wurde und die Gesellschaft schön langsam sieht, wie hier Bildung passiert. Zweitens, weil wir endlich einheitliche, gute Rahmenbedingungen in ganz Österreich brauchen, das heißt vor allem: mehr Personal, kleinere Gruppen."

Ruf nach österreichweiten Rahmenbedingungen

Konkret wünscht sie sich eine Arbeitsaufteilung nach dem Muster der Volksschullehrkräfte – so wie diese 21 Stunden "Lehrverpflichtung" hätten und die restliche Wochenarbeitszeit für Unterrichtsvorbereitung, Elterngespräche, Teambesprechungen, Fortbildung etc. gerechnet werde, sollte auch die Arbeitszeit der Elementarpädagoginnen organisiert werden. Also die eigentliche Arbeit mit den Kindern, der "Kinderdienst", und die "mittelbare pädagogische Arbeit" müssten in einem angemessenem Verhältnis verankert werden.: "Es wäre toll, wenn das österreichweit einheitlich geregelt wäre", sagt Haas: "Das sind ja alles alte Probleme, die Corona-Pandemie hat nur die Lupe draufgehalten."

Unterstützung für den Ruf nach einer Neuorganisation der politischen Zuständigkeit für die Kindergärten gibt es jedenfalls aus der Industriellenvereinigung, die sich schon lang für den Bund stark macht. So war es auch diesmal die IV, die nach der Präsentation des Schulcoronakonzepts an die Kindergärten erinnerte. Vizegeneralsekretär Peter Koren sagte nämlich: "Elementare Bildungseinrichtungen brauchen mehr denn je Planungssicherheit. Vor allem im Hinblick auf gehäufte Erkältungssymptome im Herbst sind ein bundesweit einheitliches Vorgehen sowie transparente und rechtzeitige Kommunikation ein Gebot der Stunde." (Lisa Nimmervoll, 8.8.2021)