Überschwemmungen werden wegen der gestiegenen Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre häufiger, das ist Fakt. Wie häufig? Das zu entscheiden liegt (noch) in der Hand der Weltgemeinschaft. Aber die Zeit drängt.

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Die Corona-Pandemie hat viele Menschen lange von der Klimakrise abgelenkt. Aber seit Starkregen, Hitze und Feuer Europa und die Welt heimsuchen, gehören auch der Erderwärmung samt ihren unschönen Konsequenzen wieder Schlagzeilen. Seit Montag ist klar, dass Sommer wie der heurige häufiger werden. Das ist irreversibel und eine Folge des menschengemachten Klimawandels, wie der Weltklimarat (IPCC) im ersten Teil seines neuen Berichts schreibt. Auch der Meeresspiegel wird steigen. Offen ist nur, wie stark. Offen ist auch, um wie viel häufiger Hitzewellen, Dürren, Extremniederschläge und Starkwinde werden – je früher der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen gelingt, desto geringer die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts.

US-Präsident Joe Biden sieht den IPCC-Bericht als dringende Aufforderung zum Handeln.

Unter jungen STANDARD-Lesern ist der Optimismus, dass rasch und entschieden etwas gegen den Klimawandel unternommen wird, endenwollend. Viele Studenten sind Ende Juli einem Aufruf gefolgt, angesichts von Überschwemmungen in Mitteleuropa und weltweit auftretender Extremwetter zu erzählen, was die Erderwärmung mit ihnen macht. Vier Protokolle:


Nico und Kathi: "Ohnmächtig und hilflos"

Kathi und ihr Freund Nico, beide 22, studieren in Graz und leben dort mit dem gemeinsamen Hund. Tagtäglich befassen sie sich sowohl privat als auch studiumsbedingt mit dem Thema Klimawandel. Sie diskutieren mit Freunden, Familienmitgliedern und Bekannten über diese Thematik. "Oft fehlt uns nur noch die Luft zum Atmen, es ist anstrengend", sagt Kathi. "Wir fühlen uns so ohnmächtig und hilflos. Wir sind so wütend, traurig, verzweifelt, verspüren massive Zukunftsangst, und dies tritt auch generell unfassbar stark in unserer Generation auf." Wenn sie an den Klimawandel denkt, dann immer mit einem "Druckgefühl und Tränendrang".

Die beiden Studenten haben ihren Lifestyle deshalb massiv geändert, sagt Kathi. Sie ernähren sich vegan, kaufen fast ausschließlich regional, saisonal und gebraucht. Sie suchen auch aktiv das Gespräch mit Verwandten und Freunden. "Wir achten darauf, nicht missionierend zu wirken oder zu sein, und dennoch ist so viel Ignoranz und Unverständnis uns und unseren Ansichten gegenüber da", klagt die Studentin. "Lebt ihr halt so, wir tun es anders" sei die häufige Reaktion. "Wie soll da eine nachhaltige Veränderung entstehen, ohne Konsumänderung, Informationsbeschaffung?", fragt Kathi. "Wir sind es, die in einer Welt zurückbleiben, die so schlecht dasteht."

Viele Menschen in ihrem Umfeld fühlen sich ähnlich ohnmächtig, sagt Kathi, viele – auch sie selbst – würden darüber nachdenken, keine Kinder mehr bekommen zu wollen. "Dies macht mich unsagbar traurig – der Familienwunsch ist groß. Wie verantwortlich ist es, Kinder in eine Zukunftswelt mit Naturkatastrophen, aussterbender Artenvielfalt, mit wahrscheinlichen Pandemien, mit Hungersnöten, Flüchtlingswellen, Meeresspiegelanstieg et cetera zu setzen?"


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Nicht alle Naturkatastrophen sind menschengemacht, aber viele schon. Die Ölpest nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe hat etwa zu einem Ölförderstopp vor Belize geführt. Welche Lehren werden die Menschen aus den Klimawandel-Folgen ziehen? DER STANDARD über Naturkatastrophen, aus denen die Menschheit gelernt hat.
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Isabella: "Sehr intensiver Weltschmerz"

Isabella hat vor zwei Jahren die Schule abgeschlossen, dort war der Klimawandel immer wieder Thema in allen möglichen Schulfächern. Aber jetzt es sei doch etwas ganz anderes, wo die Auswirkungen auch Österreich und die europäischen Nachbarn erreicht haben, sagt Isabella mit Blick auf "ungewöhnliche Temperaturschwankungen sowie massive Überschwemmungen, die mehrere Menschen töten oder in eine Existenzkrise stürzen".

Der Klimawandel wird greifbarer denn je, sagt sie. Den meisten sei klar, dass etwas getan werden muss. "Aber ganz tief in mir drinnen fühle ich mich hilflos. Ich kann an meinem Lebensstil etwas ändern: auf Plastik möglichst verzichten, Licht ausschalten, Standby-Modus umgehen, regional und saisonal konsumieren, mehr mit dem Rad fahren und so weiter. Ja, diese kleinen Schritte können eine Veränderung anstoßen. Aber zusätzlich müssen auch die Großen etwas unternehmen", sagt Isabella mit Blick auf Industrie, Viehzucht und Politik. "Ich spüre einen sehr intensiven Weltschmerz, ausgelöst durch die Hilflosigkeit und die vielen furchtbaren Dinge, die weltweit geschehen."


Methan ist als Treibhausgas wesentlich potenter als Kohlendioxid. Aber es bleibt weniger lang in der Atmosphäre. Laut IPCC sollte der Methanausstoß schnell und drastisch reduziert werden.
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Leona: "Keine Hoffnung mehr"

Für die 20-jährige Leona ist das Thema Klimawandel sehr in den Alltag integriert. Sie kauft kaum neue Sachen, möglichst regional und saisonal, und sie versucht möglichst alle Strecken mit den Öffis zu fahren. All diese Dinge mache sie aber mehr aus "Prinzip" und nicht weil sie denkt, dass es etwas ändern wird. "Eigentlich habe ich schon aufgegeben, dass wir dieses Problem noch lösen werden", sagt sie. "Wir stehen so kurz vor dem Point of no Return, es würde drastische Maßnahmen benötigen, um noch irgendwie die Kurve zu kriegen."

Leona befürchtet aber, dass diejenigen, die tatsächlich etwas unternehmen könnten – sie spricht von großen Unternehmen und der Politik –, zu gut mit dem jetzigen System fahren, um wirklich das Ruder in Sachen Erderwärmung herumzureißen. "Aus diesem Grund bin ich auch mit den jetzigen Politikern sehr unzufrieden, frustriert und auch verzweifelt, da diese nicht annähernd genug gegen die Klimakrise unternehmen und die Hälfte der Maßnahmen reine Augenauswischerei sind", klagt die Ökologiestudentin. "Sie verspielen für Profit und die Gunst von Unternehmen unsere Zukunft."

Umweltkatastrophen bringen sie immer mehr zur Verzweiflung, sagt Leona. Es ist ja allgemein bekannt ist, dass Extremwetterereignisse durch die Klimaerhitzung noch weiter verstärkt werden. Trotzdem werde nichts Substanzielles unternommen. "Deshalb fällt es mir auch teilweise schwer, langfristig zu planen, weil ich nicht mehr glaube, dass wir noch eine Zukunft haben, zumindest keine, wie wir es heute kennen. Und das, obwohl ich eigentlich noch mein ganzes Leben vor mir hätte."


Das 1,5-Grad-Ziel ist theoretisch noch in Reichweite. Aber damit sich die Erde nur um 1,5 Grad erhitzt, müssen die weltweiten Treibhausgasemissionen sofort und drastisch fallen. Wahrscheinlicher ist laut IPCC-Bericht, dass die Erderwärmung bereits am Ende der laufenden Dekade 1,5 Grad betragen wird.
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Michael: "Kaum in Worte fassbare Prognosen"

Der 22-jährige Michael engagiert sich bei Fridays for Future. Dass der Klimawandel existiert und "sehr problematisch" ist, wüssten alle, wie er erzählt, das reiche aber noch nicht fürs Umdenken. Nur die wenigsten würden sehen, dass "wir unmittelbar vor dem Kollaps unseres Klimasystems und einer humanitären Katastrophe stehen". Es sei wichtig, Politik und Medien für das Thema zu sensibilisieren und von einer Politik wegzukommen, die den Interessen fossiler Industrien zu großes Gewicht gibt, sagt der Student.

Michael kann zahlreiche unschöne Begleiterscheinungen des Klimawandels aufzählen. Er zerstöre Heimat und Eigentum, koste schon heute Millionen Menschenleben, verursache menschenunwürdige Migration, verstärke geopolitische Krisen, raube Kindern und Frauen die Chance auf Bildung und Emanzipation und könne Fundamentalismus fördern, der politische Freiheit und Demokratie gefährdet. Militärische Konflikte würden drohen.

"Menschen im globalen Süden leiden am frühesten unter den Klimafolgen, obwohl sie am wenigsten dafür können", klagt der Aktivist. "Kinder haben heute nicht mehr die Gewissheit, glücklich alt werden zu können oder später mal sorgenfrei eine Familie gründen zu können. Das sind kaum in Worte fassbare Prognosen. Und die Liste ist noch lang." Aber der Student ist sich auch sicher, dass die Klimawende aus technischer Sicht machbar ist. Es gehe darum, die Gesellschaft zu mobilisieren, es brauche ein beispielloses zivilgesellschaftliches Engagement, bis sich etwas ändert, sagt der Aktivist.

Diese Unwissenheit, ob die Klimawende gelingen wird, und die Ignoranz vieler "setzt mir als junger Mensch zu. Sie emotionalisiert mich und viele andere", sagt Michael. "Sie bereitet schlaflose Nächte und verursacht bei manchen gar depressive Erscheinungen. Aber sie schafft auch Mut und einen unbeugbaren Willen zur Veränderung." (Aloysius Widmann, 10.8.2021)