Afghanistan-Experte Thomas Ruttig zeichnet in seinem Gastkommentar ein trauriges Bild des Landes, das seit Jahrzehnten keinen Frieden kennt.

Noch sind die letzten amerikanischen Truppen nicht aus Afghanistan abgezogen, da übernehmen die Taliban schon mit atemberaubender Geschwindigkeit Provinz für Provinz. Sie kontrollieren bereits das strategisch wichtige Kundus. Offenbar ist nun die Übernahme der Großstadt Masar-e Scharif, Nordafghanistans Regionalzentrum, das nächste Ziel.

Die afghanische Regierung ergeht sich in martialischen Tönen, aber die eigenen Truppen geben häufig ohne größeren Widerstand auf. Das erzeugt eine Art Dominoeffekt, der schwer zu stoppen sein wird. Präsident Ashraf Ghani musste sich in seiner Not an die Warlords wenden, um sich der Unterstützung derer Milizen zu versichern. Doch deren Kampfkraft und vor allem Loyalität ist zweifelhaft. Ghani wollte die Warlords wegen ihrer Korruption ohnehin aus dem politischen System verdrängen, denn sie sägen seit längerem an seinem Stuhl. Sie wollen eine Übergangsregierung mit Beteiligung der Taliban, und diese wollen eine ohne Ghani.

Die Taliban – hier in der Stadt Farah – sind im Vormarsch. Der US-Geheimdienst rechnet bereits mit dem baldigen Fall Kabuls.
Foto: AP / Mohammad Asif Khan

In dieser Situation fällt westlichen Politikern nichts anderes ein, als neue Bombenangriffe zu fordern. Damit kann man die Taliban vielleicht für eine Weile stoppen. Aber die wichtigsten Probleme des Landes, die man in den vergangenen 20 Jahren liegen ließ – auch wegen systematischen Schönredens der Lage – löst man so nicht.

Da ist zum einen die sozialökonomische Lage. Die Zahl der Menschen, die in Afghanistan unter der Armutsgrenze leben, ist nach kurzem Aufschwung wieder so hoch wie beim Fall des Taliban-Regimes im Jahr 2001. Die Corona-Pandemie trieb die Zahlen noch weiter nach oben, und jetzt kommen hunderttausende zusätzliche, von den Kämpfen vertriebene Binnenflüchtlinge noch dazu. Sie kampieren schon auf den Straßen Kabuls. Nur die wenigsten von ihnen werden es ob der rabiaten europäischen Abschottungspolitik in unsere Länder schaffen.

Bis an die Zähne bewaffnet

Zum anderen funktionieren die neuen Institutionen nicht, die mit Milliardenaufwand geschaffen werden sollten. Afghanistan ist eine Fassadendemokratie. Regierung, Verwaltung, Parlament und Streitkräfte sind von Korruption zerfressen und kümmern sich höchstens rhetorisch um die Probleme der Menschen. Armee und Polizei mit 300.000 Mann, bis an die Zähne modern bewaffnet, mangelt es zudem an Moral. Der bedingungslose Truppenabzug des Westens unterminierte sie weiter. Die Nato-geführte Ausbildungsmission war nach dem Scheitern der Anti-Taliban-Kampftruppe ISAF, die bereits 2014 endete, nur noch ein untauglicher Versuch, dieses Scheitern zu bemänteln.

Das ist der dritte Punkt: Der Westen konnte die Taliban nicht besiegen und eskalierte den Krieg immer weiter. Die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten und bezahlte mit der weltweit höchsten Zahl an zivilen Kriegsopfern und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen – durch alle Kriegsparteien. Sie war zunehmend bereit, sich mit jenen zu arrangieren, die diesen Krieg beendeten und wenigstens Ansätze von Bildungs- und Gesundheitsversorgung aufrechterhielten. In vielen Gebieten waren das die Taliban mit ihrem Eroberungszug. Nun fürchten die Menschen die Luftangriffe der Regierungs- und der abziehenden US-Truppen.

Nach 9/11 hatten sich viele Afghaninnen und Afghanen an die Hoffnung geklammert, dass die Anschläge ihr verarmtes, von rückwärtsgewandten Islamisten regiertes Land wieder auf die politische Agenda gesetzt hatten. Dass der demokratische Westen nun kommen und ihnen helfen würde. Und er kam, begleitet von Versprechen von Demokratie und Frauenrechten. Aber in seinem "Krieg gegen den Terror" brauchte der Westen Verbündete, die Warlords, und sie woll(t)en keine Demokratie.

Dann kam Trump

Als die Taliban wieder stärker wurden, verließen sich Afghanistans politische Eliten über Jahre darauf, dass die Amerikaner nach allen Kosten – etwa 1,5 Billionen US-Dollar – ihr Land nicht fallen lassen könnten. Dann kamen US-Präsident Donald Trump, America First und der Truppenabzugsbeschluss, ohne dass zuvor sichergestellt wurde, dass auch der Krieg beendet würde. Mehr noch: Mit ihrer Separatvereinbarung an der Regierung in Kabul vorbei öffneten die USA jenen Taliban die Tür zurück zur Macht, die sie bis dahin aus der Realität bomben wollten. Dieser Verlauf der Ereignisse zeigt das Scheitern des Westens auf ganzer Linie.

Das jetzt bestmögliche Szenario für die Afghaninnen und Afghanen wäre immer noch schlimm genug: Der Westen müsste den Taliban wirksam klarmachen, dass er es mit der bereits ausgesprochenen Drohung ernst meint, einer künftigen Regierung unter Beteiligung der Taliban die Entwicklungsgelder zu sperren, wenn sie die jetzige Regierung gewaltsam stürzen und massiv Menschenrechte verletzen, und so Verhandlungen über ein sofortiges Kriegsende erzwingt. Dafür wird man die Regierung Ghanis fallen lassenmüssen, denn die Taliban wollen mit ihr sowieso nicht reden, und meisten anderen Fraktionen in Kabul (sprich die Warlords) können ohne ihn leben. Viele von ihnen sind Islamisten wie die Taliban und wären sicher zu einer solchen Verständigung bereit, auch unter der Aufgabe von Rechten und Freiheiten der Bevölkerung. Die Alternative wären womöglich Jahre einesweiteren Bürgerkrieges.

Eigentlich sollten die Afghaninnen und Afghanen demokratisch selbst entscheiden können, welchen Ausweg sie aus der vom Westen und ihren Eliten verschuldeten Krise wählen wollen. Aber der Westen und ihre Führer haben ihnen die dafür notwendigen funktionierenden Institutionen vorenthalten. (Thomas Ruttig, 12.8.2021)