Archivbild vom 25. Februar 2015: Damals war Andrew Cuomo noch Gouverneur von New York und Kathy Hochul seine Stellvertreterin.

Foto: AP/Mike Groll

Andrew Cuomo, schrieb Kathleen "Kathy" Hochul in einem Tweet, habe das Richtige getan, als er seinen Rücktritt ankündigte. Sie wiederum, die bereits auf allen Regierungsebenen gearbeitet habe, sei bereit, dem Staat New York als Gouverneurin zu dienen. Hochul hat 56 Amtsvorgänger, wie sie nicht zu erwähnen vergaß. Dennoch schreibt sie Geschichte. Seit amerikanische Rebellen 1776 die Unabhängigkeit von der britischen Krone erkämpften, ist der Staat New York ausschließlich von Männern regiert worden. Wenn sie in knapp zwei Wochen die Nachfolge Cuomos antritt, wird erstmals eine Frau im Chefsessel der Gouverneursvilla in Albany sitzen.

Premieren dieser Art hat New York in letzter Zeit mehrfach erlebt. Letitia James ist die erste Generalstaatsanwältin, Andrea Stewart-Cousins die erste Mehrheitsführerin des Senats. James stellte sich zur Wahl, nachdem ihr Vorgänger notgedrungen seinen Hut nehmen musste. Vier Frauen hatten Eric Schneiderman vorgeworfen, sie zum Sex gezwungen zu haben. Nun wiederholt sich das Kapitel. Hochul springt in die Bresche, weil sich der Mann, den sie ersetzt, mit den Aussagen von elf Frauen konfrontiert sieht, die von sexueller Belästigung sprechen.

Fast "Running Mate"

Cuomo, zu Beginn der Corona-Pandemie noch gefeiert als Meister des Klartexts, der auf täglichen Pressekonferenzen den Ernst der Lage eindringlich beschrieb, während der damalige Präsident Donald Trump ihn eher vernebelte, hatte zum Schluss jeden Rückhalt verloren. Auch in der eigenen Partei. Noch im vorigen Sommer soll Joe Biden mit dem Gedanken gespielt haben, mit ihm als "Running Mate" in den Kampf ums Weiße Haus zu ziehen. Nun legte auch Biden dem in Bedrängnis Geratenen nahe, seinen Hut zu nehmen.

Nach einem eindeutigen Ermittlungsbericht der Generalstaatsanwältin James, in dem von Fingern des Gouverneurs auf Rücken, Bäuchen und zwischen Brüsten meist junger Frauen die Rede war, wurde es so einsam um Cuomo, dass ein Aussitzen der Affäre nicht mehr infrage kam.

Stets im Schatten Cuomos

War Cuomo der Mann der großen Bühne, so war Kathy Hochul bislang die kaum wahrgenommene Stellvertreterin im Hintergrund. Sie stand so gründlich im Schatten ihres Chefs, dass das breite Publikum praktisch keine Notiz von ihr nahm. Jenseits der politisch interessierten Kreise New Yorks kennt man sie kaum, obwohl sie bereits 2014 zur Nummer zwei der Bundesstaatenregierung gewählt wurde, damals im Kandidatengespann mit Cuomo, der ihr den Vorzug vor einem männlichen Rivalen gegeben hatte.

Die heute 62 Jahre alte Juristin, Enkelin irischer Einwanderer, stammt aus Hamburg, einer Kleinstadt in der Nähe von Buffalo. Anders als in der Metropole New York, wo die Demokraten politisch klar dominieren, haben die Republikaner in dem konservativ geprägten Milieu am Eriesee oft gute Karten. Es war denn auch ein echter Paukenschlag, als Hochul 2011 bei einer Nachwahl das Duell gegen einen Republikaner für sich entschied und nach Washington ins amerikanische Repräsentantenhaus zog. In den vier Dekaden zuvor hatte die Demokratische Partei in dem Wahlkreis stets den Kürzeren gezogen.

Nur kurz im Parlament

Hochul galt als bodenständig und lokal verwurzelt. Mit ihrer Mutter und einer Tante hatte sie das "Kathleen Mary House" gegründet, das Frauen, die vor häuslicher Gewalt flohen, eine vorübergehende Bleibe bot. Allerdings war die Zeit im US-Parlament nur ein Intermezzo, denn 2012 eroberten die Konservativen den Sitz zurück. Es folgte die erfolgreiche Kandidatur an der Seite Cuomos, und der folgten Jahre gewissenhafter Pflichterfüllung.

Als Vizegouverneurin nahm Hochul sich vor, jeden der 62 Landkreise des Staates New York mindestens einmal alle zwölf Monate zu besuchen. Das Versprechen hat sie gehalten, bis die Pandemie Vor-Ort-Termine erheblich erschwerte. Zu Cuomo, der sie anfangs protegierte, ging sie nach und nach auf Distanz. Sein Verhalten sei "abstoßend" und "widerlich" gewesen, sagte sie vor ein paar Tagen. Es war einer der letzten Nägel im politischen Sarg des Andrew Cuomo. (Frank Herrmann aus Washington, 12.8.2021)