Meister der Spiegelungen: Sandro Veronesi bei einer Buchpräsentation.

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Dieses Buch, im vergangenen Jahr mit Italiens wichtigstem Literaturpreis, dem Premio Strega, belorbeert, ist weit größer als der Klappentext, den der Verlag ihm mit auf den Weg gab. Denn diese Geschichte um Marco Carrera aus Florenz, die tatsächlich ein ganzes Leben umfasst, von seiner Geburt 1959 bis zu seinem Tod im Jahr 2030, ist einer der größten Romane, die in den letzten dreißig Jahren in Europa geschrieben wurden.

Sandro Veronesi, Jahrgang 1959, ausgebildeter Architekt, gilt derzeit als einer der wichtigsten Schriftsteller Italiens. Hierzulande ist er nie wirklich und niemals umfassend wahrgenommen worden. Über vier Verlage verteilen sich bis heute die deutschen Ausgaben seiner Bücher.

Zärtliche Korrespondenz

Das sollte sich, das muss sich mit Der Kolibri ändern. Unverzüglich. Auf der Stelle. Ohne Zögern. Denn Veronesi, dessen Roman Caos calmo von 2007, auf Deutsch Stilles Chaos, im Jahr 2008 von Nanni Moretti für die Kinoleinwand adaptiert wurde, der dann auch gleich die Hauptrolle übernahm, ist einer der raffiniertesten Erzähler der Gegenwart. So ist denn auch Der Kolibri eine äußerst bemerkenswerte, dabei von Verlagsseite bemerkenswert flüchtig Korrektur gelesene Romanepopöe, ein Wirbel beständig kaleidoskopisch wechselnder Blickwinkel.

So sendet Marco seinem Bruder Giacomo, der in die Vereinigten Staaten auswanderte, immer wieder Briefe, erhält aber nie eine Antwort. Dies konterkariert Veronesi mit längeren epischen Passagen, die sich ihrerseits abwechseln mit Marcos zärtlicher Korrespondenz mit der lebenslangen Liebe. Dabei pirouettiert der in Rom lebende Veronesi graziös, ihm entgleiten an keiner Stelle die Fäden.

Er erzählt von Marco Carrera, geboren 1959 – und somit genauso alt wie der Autor –, aus normal sich lieblos anödender Familie, der als Teenager eine Wachstumsstörung hatte und es auf gerade einmal 1,50 Meter brachte (ob seiner Feingliedrigkeit nannte ihn seine Mutter "Kolibri"), während Gleichaltrige schon einen halben Kopf mehr maßen.

Schließlich wurde Carrera einer Hormontherapie unterzogen und schoss binnen acht Monaten 16 Zentimeter in die Höhe, als Erwachsener ist er 1,79 Meter groß. Das einschneidendste Ereignis seiner Jugend war der Selbstmord der acht Jahre älteren Schwester im Meer. Die depressiven Vorzeichen übersah jeder in der Familie.

Leben und Lebenszeit

Carrera wurde Augenarzt in einem Spital in Florenz, verliebte sich in die slowenische Flugbegleiterin Marina, sie heirateten, gründeten eine Familie. Die ebenso schnell zerfiel ob Marinas fragiler Psyche. Und weil Carrera sich mit 20 Jahren in die sieben Jahre jüngere Luisa Lattes verliebt hatte, deren Familie in der Maremma das benachbarte Ferienhaus gehörte.

Die Liebe zu Luisa wird sein Leben lang anhalten, und sie wird mit ganz wenigen Kürzestphasen unerfüllt bleiben. Marco erzog die Tochter Adele. Und musste, nachdem die Eltern im Abstand eines halben Jahres an Krebs gestorben waren, dann nach einem Sportunfall auch die 21-jährige Tochter begraben, die ihm die Enkelin Miraijin hinterließ. Die nun ihrerseits in ihm Großvater und Vater hatte.

Um Familie geht es, um Leben und Lebenszeit, um das kurze Leben im träglang verwehenden Alltag, aber auch um bestimmte Leitlinien, um Obsessionen. Bei Carrera ist es, mit einer zeitlichen Unterbrechung von 30 Jahren, das Glücksspiel inklusive obskurer, recht exzentrischer Figuren. Und natürlich ist es der rote Liebesfaden, die Zuneigung zu Luisa, die hin- und hergeht, die Briefstellerei (poste restante) schläft ein, um dann wieder auflodernd aufgenommen zu werden.

Verkündete Enden und weiterkreisende Gedanken karussellieren kommod in Marco. Es geht in einer tieferen Ebene in einer tiefenbohrenden, eindringlich psychologischen Prosa um Stillstand und Intensität, Oberfläche und Oberflächlichkeit, Tiefe, Dynamik, Verharren, verlässt Carrera doch kaum jemals das heimatliche Florenz. Das Haus der Familie an der Piazza Savonarola bezieht er schließlich, als es dann endgültig leer steht und zu verfallen droht.

Was bleibt von einem

Es geht um das, was bleibt, von einem Individuum, einer Familie, einer Lebensspanne. Aber es geht auch um Transformation, Veränderung, ums Punkt-Schwirren. "Du bist ein Kolibri", schreibt Luisa einmal an Marco, den Augenarzt, der vieles erst später, retrospektiv, scharf sieht oder zum ersten Mal überhaupt, "weil du wie die Kolibris deine ganze Energie dafür verwendest, auf der Stelle zu bleiben."

Hätte allerdings auf den letzten 30 Seiten Veronesi dann weniger mit dem Übrigen nur sporadisch verbundenes Sentimentales eingebaut, dann würde man diesen Roman auf eine Höhe stellen mit zwei der klügsten erzählerisch-analytischen europäischen Liebes-Lebens-Romane der vergangenen 40 Jahre, mit Javier Marías’ Mein Herz so weiß und mit Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (Alexander Kluy, ALBUM, 14.8.2021)