Ein exquisit-luxuriöser Wohntraum: die Bungalowsiedlung "Am Hafen" in Neusiedel am See im See.

Foto: Christian Fischer

In fremdenverkehrswerblicher Hinsicht ist der Neusiedler See eh dort, wo er sein will: in aller Munde. Dummerweise ist er das in der Hauptsache in jenen Munden, die sich zerreißen über ihn. Das geht seit Jahren schon so. Berufene und weniger Berufene geraten einander in die Haare bei der Frage, wozu denn dieser große, eigenartige, sensible, so andersartige Steppensee eigentlich da wäre.

Es geht dabei um den Wasserstand (niedrig), die touristische Wertschöpfung (immer steigerbar), die Landwirtschaft (schädlich fürs Grundwasser), den Naturschutz (stets bedroht), die menschliche Eingriffsberechtigung (heiß umstritten).

Streitpunkt Nummer eins ist im Moment die rege bis sehr rege Bautätigkeit allerorten. Am Ende der 1990er-Jahre hat es, ausgelöst durch die Ziel-1-Förderung, einen gewaltigen Investitionsschub in die touristische – und, nebstbei, die önologische – Infrastruktur gegeben. Die ist nun in die Jahre gekommen. Auch die Gästewünsche haben sich geändert.

Nicht zuletzt die Corona-Krise und die damit verbundene Fernreisescheu hat das Naherholungsgebiet Neusiedler See noch mehr in den Blick gerückt. In praktisch jedem Seebad hat man – sinnbildlich – die Mischmaschin’ angeworfen.

Monster mit vier Sternen

Dagegen regt sich Widerstand. Nicht nur auf österreichischer Seite. Das Strandbad von Fertőrákos/Kroisbach – dem Namen zum Trotz gehört es aber zur Stadt Sopron/Ödenburg – hat den burgenländischen Ziel-1-Investitionsschub natürlich nicht mitgemacht. Stattdessen dämmerte es, zusehends abbröckelnd und am Retrocharme allmählich verzweifelnd, seinem Verfall zu. Nicht nur deshalb erweckt der nunmehrige Modernisierungsschub jenen Eindruck, den die Naturschützer schon haben und entsprechend kundtun: Monsterprojekt! Megabau!

Ein Viersternehotel mit 100 Zimmern wird gebaut, Parkplätze für rund 1000 Autos, ebenso viele Bootsliegeplätze, ein Sportzentrum. All das soll Ungarn demnächst einen ordentlichen Anteil am Tourismus am und durch den Fertõ tó, den Neusiedler See, sichern. Auch die Schnellstraße M85 von Győr ist bis zur Ausfahrt Fetőrákos fertig.

Lőrinc Mészáros (rechts) ist Generalunternehmer des Projekts. Er ist ein Jugendfreund von Viktor Orbán.
Foto: AP / Laszlo Balogh

Der Umstand, dass das alles ein Oligarchenprojekt ist unterm Schutz des für kommendes Jahr bereits wahlkämpfenden Premierministers, befeuert den Protest ins Politische. Lőrinc Mészáros ist Generalunternehmer des Projekts. Er ist ein Jugendfreund von Viktor Orbán und wird von vielen als sein Strohmann wahrgenommen.

Auch Rahél Orbán, die Tochter, ist mit dabei. Adrienn Szalay, die Sprecherin der Bürgerinitiative "Fertő tó barátai", der ungarischen Schwester der "Freunde des Neusiedler Sees", gibt ihrer Verwunderung Ausdruck darüber, "dass sie nicht gleich ein Fußballstadion bauen wollen". Das ist ein sarkastischer Seitenhieb auf die Fußball- und Stadienbauleidenschaft des Premiers. Zuzutrauen wäre es ihm, dass er sowas als Anregung versteht.

Kein Canaletto-Blick in Weiden

Unlängst hat Greenpeace ein Gutachten des Grazer Biologen Helwig Brunner über das ungarische Vorhaben präsentiert, das es selbst als "vernichtend" bezeichnet. Die Unesco ist alarmiert. Es droht mit der Entzug des Welterbestatus.

Christian Schuböck und seine Alliance for Nature sieht in einem Gutachten jedenfalls den "außergewöhnlichen universellen Wert dieses Gebietes beeinträchtigt". Schuböck weist aber auch ausdrücklich darauf hin, dass nicht nur Ungarn ein diesbezüglicher Sünder sei. In Breitenbrunn, in Neusiedl und Oggau geschehe Ähnliches. "Hier werden Halbinseln aufgeschüttet und Kanäle durch den Schilfgürtel geschlagen, um Apartments oder Bungalows platzieren zu können."

Im einst verträumten Familienbad in Weiden hat 2017 mit dem Seeterassen-Restaurant Das Fritz die neue Zeit begonnen. Ankommenden wendet der stockhohe Bau auch sinnbildlich seine Rückseite zu und verstellt patschert den Blick auf den See, sozusagen den Canaletto-Blick Pannoniens.

Nun kommt ein neues Hotel statt der bereits abgerissenen Seepension. Ein "Boutique-Hotel" wird das mit 64 Zimmern und 120 Betten. Und dafür braucht es dann schon diesen Canaletto-Blick. Deshalb werden die Surf-Boxen verlegt. Viele fürchten, dass es bei dem Hotel nicht bleibt. Dass aus den Ferienapartments allmählich Zweitwohnsitze werden könnten. So, wie das im angrenzenden Seepark ja der Fall ist seit langem.

Exklusiver Wohnpark

Die Befürchtung ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Alte Widmungen für Fremdenverkehrsbauten sind in den vergangenen Jahren sehr großzügig ausgelegt worden. In Neusiedl wurden Bungalows ins Wasser gestellt. Seehäuser in Luxusausführung mit eigenem Bootsanlegeplatz sind das. Ab 1,1 Millionen Euro ist man mit dabei im exklusiven Wohnpark Am Hafen.

Die Mutter aller See-Wohnträume ist die sogenannte Inselwelt in Jois. Die wurde in den Jahren nach der Jahrtausendwende mehr oder weniger aus Not heraus errichtet in einem als Hafenbecken gebaggerten Schilfsee. Die Gemeinde Jois – vom See durch einen breiten Schilfgürtel getrennt – hatte sich nämlich vorgenommen, einen eigenen Hafen zu errichten.

Das Vorhaben brachte die Gemeinde in den 1990er-Jahren so sehr in finanzielle Schieflage, dass sie das Land unter Kuratel gestellt hat. Was die Gemeinde kaum bedacht hat: Damals war noch die Fliegerabwehrkaserne in Oggau in Betrieb. Immer, wenn dort scharf geschossen wurde, war der Schilfgürtel in der Nähe des projektierten Hafens Sperrgebiet.

Sowas kann einem Skipper schon die Laune verderben, zumal die ins Auge gefassten Liegegebühren sich an denen in Neusiedl orientieren wollten. Dort ist der Hafen aber direkt am offenen Wasser.

Werbung mit dem Welterbe

Auch das wuchernde Schilf verdankt sich zum Teil menschlicher Baufreude.
Foto: Christian Fischer

Die Oggauer Kaserne ist längst geschlossen. Jetzt wird auch dort gebaut. Ein paar Häuser stehen schon. 49 Wohneinheiten, ein hektargroßer Park, Zugang zum Wasser, ein Pool, Bootsliegeplätze samt Marina kommen noch. Der Seepark Oggau spielt, so sagt man, alle Stückerln.

Außer einem: dass hier eigentlich ein Hotel errichtet werden sollte, denn so sah es die Widmung – Bauland Fremdenverkehr – eigentlich vor. Stattdessen zahlt der Investor die vertraglich mit der Gemeinde vereinbarte Pönale. Bei den aktuellen Preisen sollte diese Million keine schlaflosen Nächte bereiten.

Der Oggauer Seepark liegt – wie alle anderen Bauvorhaben – im Unesco-Welterbegebiet. Mit diesem Gütesiegel wird fleißig preissteigernde Werbung gemacht. Zugleich aber gefährdet es diesen Status. Wodurch auch immer, denn die Welterbeverträglichkeit ist zu einem guten Teil natürlich Interpretationssache; in Wien war es bekanntlich dieser nach dem venezianischen Maler Canaletto benannte Blick vom Belvedere über die hochhausfreie Innenstadt des 18. Jahrhunderts.

Fast richtig

Am See wird das Welterbeprädikat überlagert durch weitere Vorgaben. Der See steht ja auch unter Schutz des speziell für Feuchtgebiete geschlossenen Ramsar-Abkommens und ist in weiten Teilen ein Natura-2000-Gebiet. Und dann gibt es noch die allerstrengste Schutzstufe, den Nationalpark. Der ist, wie der See, grenzüberschreitend, was alles noch zusätzlich kompliziert.

Manchen kommt da, im Überschwang des Wohlmeinens, auch manches durcheinander. So hat Greenpeace das ungarische Bauprojekt gegeißelt, weil es "mitten im mehrfach geschützten Nationalpark" liege. "Am Rande" oder "in der Nähe" hätte auch genügt.

Mittlerweile hat auch Umweltministerin Leonore Gewessler das Wort ergriffen und ihren ungarischen Kollegen, László Palkovics, um einen Baustopp und eine grenzüberschreitende Nachdenkpause ersucht. Immerhin liege der Bauplatz des neuen Strandbades, so tat sie via Facebook kund, "auf dem (sic!) unberührten Schilfgürtel". Das ist – wie vieles in dieser sich hochschaukelnden Debatte – fast richtig.

Eine einzige Schilffläche

Der imposante Schilfgürtel, der beinahe als das Eigentliche des Sees gilt, ist eigentlich eine relativ junge Angelegenheit. Sein heutiges Ausmaß verdankt sich dem 1909 in Betrieb genommenen Einserkanal, dem künstlichen Abfluss des Sees. Mit dem Wasser floss auch das Salz aus dem See, das beim Verdunsten dort geblieben wäre.

Die Aussüßung tat dem dominanten Schilf gut. Das aber ist auch immens durstig. Im Schilfgürtel verdunsten in heißen Sommern zwischen 950 bis 1100 Liter pro Quadratmeter. Am offenen See 400 bis 700.

Das größte und wohl bedeutendste Bauprojekt am und für den See ist die Zuleitung von – süßem – Wasser aus der ungarischen Mosoni-Duna. Mit dem soll nicht nur das Grundwasser im Seewinkel, sondern auch der See selbst stabilisiert werden.

Gelingt das, so droht der zwischen Tourismus und Naturschutz und Wohntraum und Segelspaß hin- und hergebeutelte Neusiedler See allmählich eine einzige, weite Schilffläche zu werden. Das Steppensee-Paradoxon: Wer den See rettet, bringt ihn um. (Wolfgang Weisgram, 14.8.2021)