Zahlreiche Afghanen halfen den US-Truppen bei ihrem Kampf in Afghanistan. Tausende wurden von den Amerikanern zurückgelassen.

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Als sich Ismail Khan bei der US-Armee meldete, tat er das aus tiefer Überzeugung. Es war das Jahr 2006, und Khan hatte soeben seine Schulzeit in Jalalabad absolviert, der Provinzhauptstadt im Osten Afghanistans. Er wollte seinen Beitrag zur Stabilität und zum Frieden seines Landes leisten. Immerhin seien die US-Truppen aus diesem Grund tausende Kilometer gereist, blickt er heute zurück. Seine Brüder und sein Cousin arbeiteten damals bereits als Übersetzer für die US-Amerikaner, und Khan war beeindruckt von ihren Geschichten.

Sieben Jahre lang blieb er bei den Truppen. Zum Schluss übersetzte er für die Special Forces, die Sondereinheit des US-Militärs. "Wir standen ständig an der Front, waren ständig in Kampfhandlungen verwickelt", sagt Khan im Telefoninterview mit dem STANDARD: "Wir waren quasi Mitglieder der Special Forces, sie haben sich auf uns verlassen." Sein Team war so erfolgreich, dass sich regelmäßig hohe US-Politiker zu einem Besuch ankündigten. So war auch der mittlerweile verstorbene republikanische US-Senator John McCain in Kontakt mit der Truppe. Als es für Khan in Afghanistan lebensgefährlich wurde, half ihm McCain mit seinem Visum für die Staaten.

Programm für verbündete Afghanen

Denn Khan musste aus dem Land, die Taliban hatten seinen neunjährigen Neffen entführt und forderten eine hohe Lösegeldsumme. Der afghanischen Polizei gelang es zwar, mehrere Taliban-Kämpfer zu verhaften und den Buben freizubekommen, doch zu der Zeit stand Khans Entschluss schon fest. "Und obwohl McCain sich meines Falls annahm, dauerte es dreieinhalb Jahre, bis ich das Visum erhalten habe", sagt Khan, der nun in der Westküstenmetropole Seattle lebt.

Mehr als 70.000 afghanische Staatsbürger, die den US-Truppen während des Krieges geholfen hatten, wurden seit 2008 durch das "Special Immigrant Visa"-Programm in die USA gebracht. Im Juli beseitigte der Kongress weitere Hürden, um noch mehr Menschen vor dem geplanten Abzug der US-Truppen außer Landes zu bringen. Doch aufgrund des schnellen Vorrückens der Taliban blieben etwa 18.000 afghanische US-Verbündete mit mehr als 50.000 Angehörigen zurück.

Selbst der Evakuierungsplan des US-Präsidenten Joe Biden mit dem Namen "Operation Allies Refugee", griff nicht schnell genug. Mitte Juli hatte ihn das Weiße Haus angekündigt und wollte damit Visa-Antragssteller zumindest vorerst an einen sicheren Ort außerhalb Afghanistans bringen. Doch das galt wiederum nur für Personen, deren Antrag schon in der finalen Phase war. Trotzdem kamen Ende Juli die ersten Afghanen im Rahmen des Programms in die USA.

Angst um die Familie

Khan arbeitet in den USA für die Hilfsorganisation "No One Left Behind", die diesen Menschen auf ihrem Weg durch die Wirren der Bürokratie helfen soll. Doch nachdem nun die Taliban wieder die Macht übernommen haben, ist seine Hoffnung geschrumpft: "Warum können die US-Amerikaner nicht jene Helden retten, die alles für sie geopfert haben?" Denn, dass die Taliban vergeben und vergessen – wie sie das noch am Sonntag angekündigt haben –, daran glaubt Khan absolut nicht.

Seine Mutter und ein Teil seiner Geschwister befinden sich noch im Land, und seit die Taliban zurück sind, habe sich "alles geändert", sagt Khan. Solange sich die radikalislamistischen Kämpfer noch sortieren und ein System aufbauen müssten, seien die Menschen noch halbwegs sicher: "Aber sobald sie sich wieder eingerichtet haben, werden sie all jene verfolgen, die für die Amerikaner gearbeitet haben oder deren Familienmitglieder für die US-Truppen tätig waren."

"Es geht um Leben und Tod"

Khan hat große Schuldgefühle, kann im Moment nachts nicht mehr schlafen: "Ich mache mir Vorwürfe, weil ich für die Amerikaner gearbeitet und deshalb meine ganze Familie in Lebensgefahr gebracht habe." Denn die Taliban wüssten genau, wer den USA geholfen hat: "Jeder in meinem Bezirk, in meiner Stadt wusste, was ich mache", sagt Khan: "Es war kein Geheimnis." Die US-Politiker müssten nun so schnell wie möglich bürokratische Hürden beseitigen: "Es geht um Leben und Tod." Wenn Kanada 20.000 Afghaninnen und Afghanen aufnehmen könne, dann müssten es die USA auch hinbekommen, ist er sich sicher.

Würde sich Khan noch einmal für den Dienst mit den US-Truppen melden? "Nennen Sie mir einen Grund, denn mir fällt keiner ein", sagt er: "Ich würde es nochmal für meine Einsatzgruppe machen, für mein Team. Aber für die US-Regierung? Niemals." (Bianca Blei, 16.8.2021)