Impfungen bei (Zoo-)Tieren sind keine Seltenheit. Gegen Covid-19 wurden bisher aber erst relativ wenige Tiere geimpft.
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Angesichts der Tatsache, dass es in vielen Ländern an Corona-Impfstoff für Menschen mangelt, dürfte die Nachricht zynisch klingen: Gut ein Dutzend Zoos in den USA haben begonnen, Menschenaffen, Otter, Bären und andere Tiere zum Schutz gegen eine mögliche Covid-19-Infektion zu impfen. Mehr als 70 Einrichtungen wie Tiergärten und Auffangstationen forderten bisher Impfdosen an, ob weitere nachziehen werden, ist unklar.

Die Gründe für dieses Vorgehen sind allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Jänner dieses Jahres infizierten sich acht Gorillas im San Diego Zoo Safari Park mit Sars-CoV-2, zu ihren Symptomen zählten Husten und Verstopfung. Sie überlebten, und der Park ließ im Februar als erster weitere Tiere – neun Orang-Utans und Bonobos – impfen. Für Covid-19 "sind Menschenaffen anfällig", sagt Jon Epstein, Vizepräsident für Wissenschaft und Forschung bei der Nonprofitorganisation Eco Health Alliance. Diese setzt sich für den Schutz von Wildtieren und Menschen vor Krankheitserregern ein. "Bei dieser Infektionskrankheit gibt es echte, berechtigte Artenschutzbedenken."

Impfstoff für Haustiere

Verabreicht wurde den Tieren ein spezieller Impfstoff, der nicht für Menschen vorgesehen ist. Er besteht ähnlich wie das Vakzin von Novavax aus synthetischen Nachbildungen des Spike-Proteins des Erregers und ruft so eine Immunantwort hervor. Produziert wird er von der US-amerikanischen Firma Zoetis, die einst als Tierabteilung von Pfizer fungierte – ursprünglich für die Anwendung bei Hunden und Katzen.

Für den experimentellen Einsatz wurde der Impfstoff in den USA zugelassen; wenn er in einem Zoo oder Tierheim zur Anwendung kommen soll, muss beim Landwirtschaftsministerium und bei Tierärzten um eine Genehmigung angesucht werden. Dann spendet Zoetis die benötigten Dosen.

Tierversuche bei Nerzen

Daneben will der Impfhersteller auch den Einsatz – beziehungsweise Tierversuche – bei Zuchtnerzen erwirken. In Dänemark etwa sorgte im vergangenen November die Schlachtung von 17 Millionen Nerzen mit gefährlicher Covid-Mutation für Schlagzeilen und den Rücktritt des zuständigen Lebensmittelministers. Den Zoetis-Angaben zufolge soll in Versuchen die Schutzwirkung des Impfstoffs festgestellt werden, indem geimpfte Tiere Sars-CoV-2 ausgesetzt werden. Die bedingte Lizenz zur Verwendung bei Nerzen solle außerdem den Verkauf des Impfstoffs im Ausland vereinfachen.

Laut Mahesh Kumar aus der Abteilung Forschung und Entwicklung des Arzneimittelherstellers ist die Wirksamkeit bei verschiedenen Tierarten noch unklar. Entsprechend sind einige Einrichtungen noch zurückhaltend, was das Beantragen von Impfdosen angeht. Bei der Schimpansenauffangstation "Chimp Haven" will man etwa erst mehr über die Effizienz des Tierimpfstoffs erfahren und hält das Risiko einer Ansteckung der Schimpansen derzeit für niedrig: Die Impfrate beim Pflegepersonal sei hoch, und man trage die nötige Schutzausrüstung, vor allem Masken und Handschuhe. Bisher sind keine Fälle positiv getesteter Schimpansen bekannt – weder in Auffangstationen oder Zoos noch in freier Wildbahn.

Atemwegserkrankungen bei Primaten

Prinzipiell können Primaten aber betroffen sein: Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans haben ähnliche Versionen des ACE2-Rezeptors, an den Sars-CoV-2 bindet. Außerdem haben menschliche Atemwegserkrankungen bisher schon mehrmals für Probleme gesorgt: Mit dem Rhinovirus C, das Erkältungen verursacht, steckten sich etwa mehrere Schimpansen im Kibale-Nationalpark in Uganda an. Viele schienen stark betroffen, fünf starben – was in einer Gemeinschaft von 56 Individuen nicht wenig ist. Auch in anderen afrikanischen und asiatischen Reservaten leiden viele Menschenaffen an durch menschliche Viren ausgelösten Erkrankungen.

Daher ist auch in Sachen Coronavirus die Sorge groß. "Covid-19 wird noch für lange Zeit bleiben, und unsere Tiere sind Teil unserer Gemeinschaft", sagt Nadine Lamberski von der San Diego Zoo Wildlife Alliance – und dass so viele Individuen wie möglich geimpft werden müssen, um in dieser Gemeinschaft Herdenimmunität zu erreichen. Bei den im Februar geimpften Primaten sind offenbar keine schwerwiegenden unerwünschten Nebenwirkungen aufgetreten, nur leichtere Reaktionen, etwa Anzeichen von Kopfschmerzen.

Freiwillige Injektion

Die Auffangstation "Project Chimps" im US-Bundesstaat Georgia hat sich deshalb den Impfwilligen angeschlossen. Mehr als 95 Prozent des Personals sind bereits geimpft, dennoch ist den Verantwortlichen der Extraschutz für ihre 77 Schimpansen wichtig. Diese stammen beispielsweise aus aufgelösten Forschungslaboren, die invasive Forschung an Primaten betrieben hatten, und aus der Unterhaltungsindustrie. "Nach Rücksprache mit unserem Tierarzt und mehreren anderen Zoo-Mitarbeitenden sind wir überzeugt, dass das die richtige Entscheidung für uns ist", sagt Ali Crumpacker, Geschäftsführerin der Station.

Ungefähr 70 Prozent der dort lebenden Schimpansen sind darauf geschult, freiwillig Spritzen zu erhalten, die anderen werden ebenfalls auf das Prozedere vorbereitet. Laut Crumpacker wird der Impfstoff Schimpansen, die die Spritze verweigern, nicht aufgezwungen. Allerdings soll dann zu einem späteren Zeitpunkt erneut versucht werden, sie zu impfen.

Impfungen in Afrika

Epidemiebedingte Impfungen wären an sich nichts Neues: Im Zuge der Ebola-Ausbrüche entwickelten Forschende vor etwa vier Jahren eine Schluckimpfung für Schimpansen und Gorillas, um diese zu schützen. Immerhin sind Zehntausende der Wildtiere innerhalb von dreißig Jahren aufgrund der Krankheit verstorben.

Daher wird auch in Ländern außerhalb der USA – noch vor der Verfügbarkeit des Zoetis-Impfstoffs oder einer Alternative – überlegt, ob Covid-19-Impfungen von Tieren, insbesondere von Menschenaffen, sinnvoll wären. "Wir sind offen dafür, mehr über Impfstoffe zu erfahren", sagt Gregg Tully, Direktor der Panafrikanischen Schutzgebiete-Allianz (Pasa), der 23 Primatenauffangstationen in 13 afrikanischen Ländern angehören.

Allerdings sei die Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen für Menschen auf dem Kontinent "immer noch erschreckend gering". In Uganda haben erst etwa 1,2 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten, in Gambia 6,5 Prozent, in Südafrika zwölf Prozent. Auf dem ganzen Kontinent liegt der Anteil der zumindest teilweise Geimpften laut "Our World in Data" bei aktuell 4,2 Prozent. "Der Fokus liegt derzeit darauf, das Personal und die Menschen in der Umgebung der Tiere zu impfen, um auch ihr Risiko zu minimieren", sagt Tully. Aufgrund der Delta-Variante ist die Anzahl der infizierten und verstorbenen Personen in Afrika im Laufe der vergangenen Monate stark angestiegen. (sic, 17.8.2021)