US-Präsident Joe Biden berät und verfolgt am Sonntag die dramatischen Ereignisse in Afghanistan.
Foto: Reuters / Weißes Haus

"The Times" (London): Bedingungsloser Rückzug

"Joe Bidens Politik weist Kontinuitäten zu jener der Trump-Regierung auf, die im vergangenen Jahr ein Abkommen mit den Taliban ausgehandelt hat. Doch dieses Abkommen verlangte von den Taliban, sich auf Verhandlungen einzulassen, die Angriffe auf US-Truppen einzustellen und die Verbindungen zu Al-Kaida zu kappen. Biden verlangt von ihnen nichts; der Rückzug ist bedingungslos. Ein vom Weißen Haus am Sonntag veröffentlichtes Foto zeigt Biden, wie er allein dasitzt und die Berichte aus Afghanistan verfolgt. Die unterschwellige Botschaft lautet, dass nichts zwischen den Taliban und ihrem Ziel steht, einen theokratischen Staat zu errichten."

"Wall Street Journal" (New York): Die Schuldfrage

"Biden erklärte der Welt am Montag, dass er seine Entscheidung, sich schnell aus Afghanistan zurückzuziehen, nicht bereue. Auch nicht die chaotische und inkompetente Art und Weise, wie der Rückzug ablief. (...) Biden weigerte sich, die Verantwortung für den verpfuschten Rückzug zu übernehmen, und gab anderen die Schuld. Er gab Donald Trumps Friedensabkommen mit den Taliban die Schuld und behauptete erneut fälschlicherweise, er sitze in der Falle. Er gab seinen drei Vorgängern die Schuld dafür, sich nicht aus Afghanistan zurückgezogen zu haben. Er beschuldigte die Afghanen, nicht hart genug zu kämpfen, ihre Anführer, zu fliehen, und sogar die Afghanen, die uns geholfen hatten, nicht früher das Land verlassen zu haben. Die einzige Gruppe, die er auffälligerweise nicht beschuldigte, waren die Taliban."

"Jyllands-Posten" (Aarhus): Notwendige Unterstützung

"Entgegen Bidens Behauptungen gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die afghanische Armee nicht bereit gewesen wäre, den Kampf gegen die Taliban aufzunehmen, wenn sie die Unterstützung – insbesondere aus der Luft – von den USA und ihren Verbündeten gehabt hätte. Es sollte keine unüberwindbare Aufgabe für Kampfsoldaten sein, die ihren Vorgesetzten vertrauen, Männer in Pick-ups zu besiegen. Aber wenn der afghanische Präsident Ashraf Ghani kampflos kapituliert und als einer der Ersten nach Tadschikistan flüchtet, ist das nicht nur erbärmlich, sondern auch eine Folge des monumentalen Versagens von Präsident Biden."

"Der Tagesspiegel" (Berlin): Ungewohnte Kühle

"Wem es angesichts der dramatischen Bilder und Hilferufe aus Afghanistan der vergangenen Tage nicht zumindest zeitweise die Sprache verschlägt, muss schon sehr hart im Nehmen sein. Bidens ungewohnte Kühle erstaunt daher besonders."

"Neue Zürcher Zeitung" (Zürich): Globales Desaster

"Die Armee hat hingeschmissen, zur befürchteten Schlacht um Kabul ist es nicht gekommen. Man mag darüber erleichtert sein. Doch dass die Amerikaner und ihre Verbündeten Millionen von Afghanen, die nicht unter islamistischer Herrschaft leben wollen, einfach im Stich lassen – das ist eine Schande und ein globales Desaster. Niemand weiß mehr, wofür die Amerikaner einstehen. Der internationale Dschihadismus triumphiert." (APA/red, 17.8.2021)