Die Taliban-Flagge am Dienstag in Kandahar.

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Die Taliban bemühten sich nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan darum, international den Eindruck von Chaos und Radikalität zu vermeiden. Ehemaligen Regierungsmitarbeitern versprachen sie eine Generalamnestie. "Sie sollten mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren", hieß es in einer Erklärung. Der Vizechef der Taliban wies seine Kämpfer an, keine Privathäuser in Kabul zu betreten.

Auch in eine Pressekonferenz am Dienstag gaben sie sich milde: Einem Taliban-Sprecher zufolge bekennt sich das islamische Emirat zu den Rechten von Frauen innerhalb der Scharia, des islamischen Rechts. Sie hätten das Recht, unter anderem an Bildung und der Gesundheitsversorgung teilzuhaben. Medien sollen die Arbeit der Taliban kritisieren, "sodass wir uns verbessern können".

Auf die Frage, ob Journalistinnen ihren Beruf weiterhin ausüben können, hieß es vage: "Warten wir einmal ab, wie die genauen Regelungen aussehen, und dann können wir sie befolgen." Beim afghanischen TV-Sender Tolo News konnten Journalistinnen ihre Arbeit bislang offenbar fortsetzen.

Viele Einwohnerinnen und Einwohner glauben den Versprechungen nicht – und kehren deshalb schon aus Selbstschutz zu den Alltagsregeln der einstigen Taliban-Schreckensherrschaft zurück. Aus den Straßen Kabuls verschwanden die westliche Mode sowie viele Frauen. Stattdessen dominieren Männer in traditionell langen Gewändern.

STANDARD-Nahost-Expertin Gudrun Harrer ordnet die Versprechungen der Taliban ein.
DER STANDARD

Kontrolle am Flughafen

Auch die Taten der Taliban sprachen eine wenig gemäßigte Sprache: Am Dienstag kontrollierten sie die Hauptzugänge des Flughafens Kabul und ließen offenbar nur Ausländer, aber keine Afghanen durch. Zumindest in eine deutsche Maschine konnten aber dennoch afghanische Ortskräfte gelangen, wie das deutsche Verteidigungsministerium bestätigte. Auf von CNN gezeigten Videos war zu sehen, wie Menschen versuchten, durch Tore oder über mehr als drei Meter hohe Sprengschutzmauern auf den Flughafen zu gelangen.

Laut Aussagen der US-Regierung haben die Taliban freies Geleit für alle Zivilisten zum Flughafen zugesichert. Der Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, sagte dies am Dienstagabend vor Journalisten im Weißen Haus. Man gehe davon aus, dass die Zusage bis zum Monatsende gelte, spreche über den genauen Zeitplan und Ablauf aber mit den Taliban. "Ich will nicht öffentlich verhandeln. Ich arbeite daran, die beste Methode zu finden, um die meisten Menschen auf möglichst effiziente Weise herauszubekommen", sagte Sullivan. Ob sich dies auch im Handeln der Islamisten widerspiegeln wird, ist aber noch völlig offen.

Er sagte auf Nachfrage, nach US-Erkenntnissen gelinge es Menschen "im Großen und Ganzen", zum Flughafen zu gelangen. "Es gab Fälle, in denen uns berichtet wurde, dass Menschen abgewiesen oder zurückgedrängt oder sogar geschlagen wurden." Diese Fälle würden bei den Taliban angesprochen, um sie zu lösen.

Auch Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) sagte am Dienstag bei einer Pressekonferenz, dass es derzeit schwierig für Betroffene sei, zum Flughafen zu gelangen. Österreich werde deshalb ein Krisenteam nach Kabul entsenden, um sich um die 25 noch dort aufhältigen Österreicher sowie 20 afghanische Staatsangehörige mit legalem Aufenthaltsstatus in Österreich zu kümmern. Angesichts der Lage in Afghanistan sprach Schallenberg von einem "Fiasko", einem "Scherbenhaufen", vor dem der Westen stehe.

Nach dem Treffen der EU-Außenminister trat der Außenbeauftragte Josep Borrell vor die Presse. Er sagte, man werde Kontakt mit den Taliban aufnehmen müssen: "Sie haben den Krieg gewonnen." Wenn man Dinge wie die Evakuierung von Staatsbürgern und Helfern schaffen wolle, müsse man auch mit den Radikalislamisten reden. Humanitäre Hilfen sollen weiterhin bezahlt werden, alle anderen Gelder der EU werden eingefroren. Ob er den Beteuerungen der Taliban glaube, dass sie nun andere seien als die Gruppe der späten 1990er? "Das wird die Zeit zeigen. Sie sehen immer noch genauso aus." Die EU-Innenminister kommen am Mittwoch zu einem Treffen zu Migration zusammen, die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten wollen nächste Woche über das weitere Vorgehen im Zusammenhang mit Afghanistan beraten.

Verzweifelte Versuche

Am Sonntag und Montag, als der Zugang zum Flughafen offenbar noch möglich war, hatten Flüchtende Flugzeuge gestürmt, sich panisch an ihnen festgeklammert, auch nachdem sie bereits abgehoben hatten. Verzweifelte Versuche, die zum Teil tödlich endeten. Die US-Luftwaffe kündigte nach dem Fund einer Leiche in einem Radkasten eines Evakuierungsflugzeugs eine Untersuchung an.

Wie es in diesen Maschinen aussah, zeigte ein Foto, das in der Nacht auf Dienstag von der US Air Force veröffentlicht wurde: Die Transportmaschine vom Typ C-17 brachte 640 Zivilistinnen und Zivilisten nach Katar, Menschen, die zuvor über die Laderampe hineingelaufen waren. Die Besatzung habe sich entschieden, zu fliegen, statt die Menschen zu zwingen, wieder von Bord zu gehen.

In einem US-Flugzeug wurden 640 Zivilistinnen und Zivilisten ausgeflogen.
Foto: Courtesy of Defense One/Handout via REUTERS

Der Kontrast zum ersten Evakuierungsflug der deutschen Bundeswehr konnte kaum deutlicher sein: Er hob mit nur sieben Menschen an Bord ab, was von der Opposition in Deutschland scharf kritisiert wurde.

Das deutsche Auswärtige Amt und das Verteidigungsministerium begründeten die geringe Zahl mit der gefährlichen und unübersichtlichen Lage am Flughafen in Kabul. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer betonte, dass, "solange es möglich ist, so viele wie möglich" ausgeflogen werden sollten. "Wir nehmen alles mit, was vom Platz her in unsere Flugzeuge passt." Laut Verteidigungsministerium hob am Dienstagabend die dritte Evakuierungsmaschine der Bundeswehr in Kabul ab. Damit seien bisher mehr als 260 Personen aus Afghanistan ausgeflogen worden, hieß es auf Twitter.

Bittere Erkenntnis

In Deutschland dominierte zuletzt ein selbstkritischer Blick beim Thema Afghanistan. Bundeskanzlerin Angela Merkel räumte ein, der Einsatz sei "nicht so geglückt, wie wir uns das vorgenommen haben". Sie erklärte: "Wir haben alle, und da übernehme ich auch die Verantwortung, die Entwicklung falsch eingeschätzt. Das ist eine Erkenntnis, die ist bitter." Allerdings betonte Merkel auch, die Fehler seien Berlin nicht allein unterlaufen: "Das war keine falsche deutsche Einschätzung, sondern die ist weit verbreitet."

Ähnliche Worte kamen vom deutschen Außenminister Heiko Maas (SPD): "Es gibt nichts zu beschönigen." Weder die deutsche Regierung noch ihre westlichen Partner hätten die Entwicklung in Afghanistan vorhergesehen. "Es gebietet die Ehrlichkeit, das in aller Form so einzugestehen."

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne), der im Amt war, als die ersten deutschen Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden, sprach von einer "großen, großen Tragödie". Es sei schmählich, "wie kalt wir die Menschen zurückgelassen haben, die für unsere Soldaten, die für unsere Hilfsorganisationen gearbeitet haben". Fischer war damals aus der eigenen Partei viel Widerstand entgegengeschlagen. In Afghanistan starben 59 deutsche Soldaten – so viele wie in keinem anderen Auslandseinsatz.

Unklare Führung

Wer nun die Führung in Afghanistan selbst übernimmt, war allerdings zunächst weiterhin unklar. Am Dienstag kam jener Mann in Afghanistan an, der das Amt übernehmen könnte: Mullah Abdul Ghani Baradar, Taliban-Vizechef für Politik, der auch für das Verbindungsbüro in Katar zuständig und Chefverhandler mit den USA war. Zugleich stellte allerdings jemand aus der Anti-Taliban-Koalition den Führungsanspruch: Vizepräsident Amrullah Saleh bezeichnete sich am Dienstag als "legitimer Interimspräsident".

Waffen und andere Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte sind nach US-Angaben nun zum Teil in den Händen der Taliban. Es gebe zwar keine genaue Liste dazu, wo sich nun alle militärischen Gegenstände befänden, aber ein "ordentlicher Anteil" davon sei an die Taliban gefallen, so Bidens Sicherheitsberater Sullivan. "Und wir haben natürlich nicht den Eindruck, dass sie diese bereitwillig am Flughafen an uns übergeben werden." (Birgit Baumann aus Berlin, Noura Maan, 18.8.2021)