Saigon ist offiziell längst Geschichte. Seit 1976 firmiert es unter dem Namen Ho-Chi-Minh-Stadt, benannt nach dem vietnamesischen Kommunisten und einstigen Präsidenten Nordvietnams. Doch im Alltag, in den Straßen dieser pulsierenden Metropole im Süden Vietnams, nennt sie nahezu jeder Saigon. Und nun ist dieser alte Name auch weltweit in aller Munde: als historischer Vorgänger des Falls von Kabul, wird doch beides als blamable Niederlage der Weltmacht USA angesehen. Aber welche Parallelen gibt es tatsächlich? Und welche Unterschiede?

Wie Afghanistan hat auch Vietnam in seiner Geschichte längere Besatzungsphasen und Landesteilungen über sich ergehen lassen müssen. Die Viet Minh, nationalistische und kommunistische Unabhängigkeitsbewegungen unter Führung Ho Chi Minhs, beenden 1954 Frankreichs Kolonialherrschaft. Es folgen ein Waffenstillstand sowie eine Teilung des Landes beim 17. Breitengrad. Die Viet Minh ziehen sich in den Norden und Frankreich sowie seine Verbündeten in den Süden zurück.

30. April 1975: Ein nordvietnamesischer Panzer durchbricht das Tor zum südvietnamesischen Präsidentenpalast in Saigon.
AFP

Stellvertreterkrieg

Während sich die Franzosen langsam aus dem Land verabschieden, engagieren sich die USA in Südvietnam. Es herrscht Kalter Krieg, und Washington will in Vietnam ein Bollwerk gegen den Kommunismus in Asien errichten, während die Sowjetunion und China ihre Verbündeten im Norden unterstützen. Ab 1964 greifen die USA verstärkt militärisch ein.

Doch die Erfolge gegen Nordvietnam und die Guerillabewegung Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, die sogenannten Vietcong, bleiben aus. Die Gegenseite kann sich im Dschungel verstecken und aus dem Hinterhalt agieren – die Taliban haben die Berge als Unterschlupf –, zudem haben sie die Unterstützung der Landbevölkerung.

Nordvietnamesische Soldaten auf ihren Panzern in Saigon, und rundherum Einwohner, die keine Angst vor ihnen haben.
AFP

Ein US-Massaker 1968 in der Ortschaft My Lai und die weiter steigenden Opferzahlen – insgesamt sollten rund 58.000 US-Soldaten und zwei Millionen Vietnamesen ums Leben kommen – führen zu einer Anti-Kriegs-Protestbewegung in den USA, Stichwort Flower Power. Der innenpolitische Druck steigt, US-Präsident Richard Nixon setzt auf Verhandlungen, die 1973 in Paris zum Abschluss kommen. Vereinbart werden ein Waffenstillstand und der Abzug der USA binnen 60 Tagen.

Kaum Widerstand des Südens

Die USA ziehen tatsächlich bis Ende März 1973 ab – ein großer Unterschied zu Afghanistan, wo die US-Truppen noch bis Ende August im Land bleiben sollen. Nur Diplomaten, Botschaftspersonal und CIA-Mitarbeiter befinden sich weiter im Land. Nordvietnam bricht rasch den Waffenstillstand, ohne ausländische Hilfe sind die Truppen des Südens auf verlorenem Posten – eine weitere Parallele zu Afghanistan. Im Gegensatz zu den Taliban brauchen die Vietcong aber zwei Jahre, bis sie Saigon erreichen. Dann wird es hektisch.

Ein Helikopter kommt am Landeplatz der US-Botschaft in Saigon an.
Foto: AP

Ford zögert mit Evakuierung

Nixons Nachfolger Gerald Ford ignoriert die Forderungen von Kongress und Pentagon, die US-Amerikaner und verbündete Südvietnamesen schneller aus Saigon zu schaffen, seit Wochen. Ende April 1975 gibt Ford nach und ordnet eine Evakuierung mittels Militärflugzeugen an. Doch dafür ist es zu spät: Entweder sind die Landebahnen zerstört, nordvietnamesische Platoons warten bereits, oder tausende Südvietnamesen, die außer Landes wollen, befinden sich auf der Rollbahn – wie in Kabul. Die einzige Fluchtmöglichkeit besteht nun darin, mit Hubschraubern auf US-Schiffe im Meer geflogen zu werden. Am 29. April startet Operation Frequent Wind.

Um die Betroffenen über die Evakuierung zu informieren, wird das vereinbarte Signal abgespielt: der Klassiker White Christmas in Dauerschleife auf dem US-Militärradiosender. In den folgenden 19 Stunden transportieren 80 Hubschrauber, in denen jeweils 50 Personen Platz haben, Menschen vorwiegend von der US-Botschaft aus außer Landes. Tausende Zivilisten versuchen, die Wände des Gebäudes hochzuklettern, Botschaftsmitarbeiter verteilen Visa, so schnell es geht. Laut offiziellen Angaben werden dabei 1.500 US-Amerikaner und 5.500 vietnamesische Zivilisten gerettet. Wenige Stunden später, am 30. April 1975, kapituliert Südvietnam.

Archivvideo der Nachrichtenagentur AP zum Fall von Saigon.
AP Archive

Denkt man an den Fall von Saigon, denkt man vor allem an das ikonische Foto, das Vietnamesen zeigt, die einen US-Hubschrauber erreichen wollen. Das Gebäude ist aber nicht die US-Botschaft, sondern ein Apartmenthaus in der Saigoner Innenstadt. Von dort sollten der CIA-Vizelandeschef und ein einheimischer Mitarbeiter abgeholt werden. Der Fotograf Hubert van Es sah die Szenerie und drückte ab.

Das ikonische Foto von Hubert van Es vom 29. April 1975: Ob der Mann ganz oben den Vietnamesen hilft oder sie zurückweist, ist unklar.
Foto: imago/UPI Photo/Hubert van Es

Die meisten Vietnamesen, die auf dem Bild zu sehen sind, mussten zurückgelassen werden. Sie werden aber in Erinnerung bleiben – so wie die Menschen, die sich in Kabul außen an die Flugzeuge klammerten. (Kim Son Hoang, 19.8.2021)