Bei neuen Lebensversicherungen greifen Kunden wegen des Nullzinses vor allem zu fondsgebundenen.

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Lange waren klassische Lebensversicherungen hierzulande ein wesentlicher Teil der finanziellen Vorsorge. Doch mit dem Schwenk der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Niedrig- und dann Nullzinspolitik wurde ihrer Beliebtheit ein empfindlicher Dämpfer versetzt. "Veränderungen in der Lebensversicherung von heute haben bereits eingesetzt", sagt dazu Ronald Kraule, Vorstand der Ergo Versicherung. "Fondsgebunden ist die Zukunft, Klassik ist ein Auslaufmodell."

Im Bestand der Versicherung dominieren zwar aufgrund des historisch gewachsenen Deckungsstocks klassische Lebensversicherungen, im Neugeschäft machen längst Fondsgebundene das Rennen. Das zeigen auch Branchendaten des Versicherungsverbands: Während im Vorjahr die Prämien für klassische Produkte um 8,5 Prozent auf 1,65 Milliarden Euro sanken, spielten Fondsgebundene mit 780 Millionen Euro ein um 10,5 Prozent höheres Prämienvolumen ein. Fast keine Veränderung gab es bei Hybridprodukten, einer Mischform beider Ausgestaltungen, mit insgesamt 759 Millionen Euro.

Garantiezins sinkt auf null

"Wie will eine klassische Lebensversicherung Rendite erwirtschaften", stellt auch VKI-Finanzexperte Bernd Lausecker deren Berechtigung in Zeiten von Nullzins infrage. Der höchstzulässige Garantiezins der Finanzmarktaufsicht beträgt derzeit nur 0,5 Prozent und wird Mitte 2022 überhaupt auf null gesetzt. Und die allfällige Gewinnbeteiligung an den Veranlagungen des Versicherers dürfte in diesem Umfeld bestenfalls spärlich ausfallen.

Für eine Klassische spreche bloß der Sicherheitsgedanke, wenn jemand genau wissen wolle, was man am Ende herausbekomme. Diese Denkmuster nehmen aber bei jüngeren Konsumenten ab – sie würden wissen, dass man nicht gleichzeitig Sicherheit und Ertrag erwarten könne, sagt Lausecker.

Aktive Fonds oder ETFs?

Auch der Konsumentenschützer sieht in Fondsgebundenen, wo Investmentprodukte den Ertrag einspielen, eher die Zukunft als in der Klassik – besonders für jene Kunden, die sich sonst nicht viel darum kümmern wollen, außer "alle paar Jahre mit der Versicherung zu klären, ob das Fondsprodukt noch passt". Obwohl ETFs, die meist starr einen Index nachbilden, sonst klassischen Fonds immer stärker den Rang ablaufen, sieht Lausecker diese bei fondsgebundene Lebensversicherungen nicht als Allheilmittel. Diese hätten zwar für gewisse Kundengruppen ihre Berechtigung, allerdings würden "gut gemanagte Investmentfonds trotz der Kosten" oft höhere Erträge als starre ETFs im selben Markt erzielen können.

Diesen Weg beschreitet auch die Ergo Versicherung, die keine ETFs bei Fondsgebundenen anbietet. Laut Vorstand Kraule übertrifft jeder vierte aktiv gemanagte Fonds langfristig seine Benchmark – also seine Messlatte in jeweiligen Anlagemarkt und damit auch darauf basierende ETFs. Er verweist auf den Auswahlprozess seines Hauses, auf dessen Basis vor allem diese "Top-Fonds" in das Fondsangebot aufgenommen würden.

Auch bei Zinsen kein Comeback

Ein Comeback der klassischen Lebensversicherung in derzeitiger Form sieht Ergo-Vorstand Kraule auch dann nicht, wenn die EZB ihre Nullzinspolitik künftig aufgeben sollte, also das Zinsniveau wieder steigen sollte. Sehr wohl sieht er in diesem Fall jedoch Potenzial für Produkte mit risikominimierenden Ansätzen oder endfälligen Garantien, wozu er auch weiterentwickelte klassische Produkte zählt.

Weiterhin eine Berechtigung zur Risikoabsicherung für Hinterbliebene oder für einen Kredit hat die Ablebensversicherung. Verbraucherschützer Lausecker rät eher davon ab, diese mit einer Erlebensversicherung zu kombinieren, denn: "Risiko und Vorsorge passen nicht gut zusammen." Zumal auch ein großer Prozentsatz der Erlebensversicherungen vorzeitig gekündigt werde. (Alexander Hahn, 22.8.2021)