Die Delta-Variante dürfte bei Geimpften eine ähnlich hohe Viruslast bei einer Infektion hervorrufen wie bei Nichtgeimpften.

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Zwei Impfdosen mit Biontech/Pfizer oder Astra Zeneca bieten laut einer neuen Studie einen guten Schutz vor der hochansteckenden Delta-Variante des Coronavirus, der zumindest so gut ist wie der nach einer Infektion. Allerdings berichten Forschende der Uni Oxford in dem am Donnerstag veröffentlichten Preprint auch, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe im Vergleich zur Alpha-Variante schlechter ausfällt und mit der Zeit abnimmt, bei Biontech/Pfizer schneller als bei Astra Zeneca.

Kommt es bei Geimpften dennoch zu einer Infektion mit der Delta-Variante, so weisen diese eine vergleichbar hohe maximale Viruslast auf wie nichtgeimpfte Infizierte. Sofern sich also Geimpfte anstecken, könnten sie damit zumindest in einer kurzen Phase ihrer Infektion unter Delta ähnlich ansteckend wie Nichtgeimpfte sein, vermuten die Forschenden um Sarah Walker, Professorin für medizinische Statistik und Epidemiologie an der Universität Oxford.

Hohe Virenkonzentration

In den Worten Walkers gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung ist immer noch geringer, wenn Sie zwei Dosen erhalten haben. Aber wenn Sie sich anstecken, haben Sie eine ähnliche Viruskonzentration wie jemand, der überhaupt nicht geimpft wurde." Bei der Alpha-Variante sei die Viruslast bei Menschen, die sich trotz einer Impfung infizierten, noch deutlich niedriger gewesen. Das könnte auch erklären, warum etwa in Israel auch bei einer relativ hohen Durchimpfungsrate die Infektionszahlen weiterhin stark steigen.

"Die Tatsache, dass wir eine höhere Viruslast sehen, deutet darauf hin, dass Herdenimmunität tatsächlich schwieriger werden könnte", ergänzte Walkers Kollege Koen Pouwels, ebenfalls von der Universität Oxford. Die Hauptbotschaft bleibe aber auch nach dieser Studie die gleiche: "Impfstoffe sind wahrscheinlich am besten geeignet, schwere Covid-19-Erkrankungen zu vermeiden, und etwas weniger, um die Übertragung zu verhindern."

Impfschutz baut mit der Zeit ab

Für ihre Studie analysierten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Ergebnisse von mehr als drei Millionen Nasen- und Rachenabstrichen bei Erwachsenen in Großbritannien. Um die Wirksamkeit der Impfstoffe von Astra Zeneca und Biontech/Pfizer sowohl gegen Alpha wie auch gegen Delta zu überprüfen, analysierten sie etwa 2,58 Millionen Abstriche von rund 380.000 Erwachsenen zwischen Anfang Dezember und Mitte Mai sowie 810.000 Testergebnisse von 360.000 Personen zwischen Mitte Mai und Anfang August.

Offensichtlich ist, dass der Schutz gegen Alpha noch sehr viel besser war als der gegen Delta, was einerseits an den Eigenschaften der neuen Virusvariante liegt. Andererseits zeigte sich aber auch, dass der Schutz vor einer Infektion im Lauf der Zeit nachlässt, und zwar bei Vaxzevria (Astra Zeneca) weniger schnell als bei Comirnaty (Biontech/Pfizer), wobei der Schutz dieses mRNA-Impfstoffs ursprünglich deutlich höher ist.

Der Schutz vor einer Infektion und hoher Infektionslast lag zwei Wochen nach der zweiten Dosis im Fall von Comirnaty nämlich bei 92 Prozent und bei Vaxzevria nur bei 69 Prozent. 90 Tage nach der zweiten Impfung mit Comirnaty sank er aber auf 78 Prozent, bei Vaxzevria auf 61 Prozent. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich etwa viereinhalb Monate nach der jeweiligen Zweitimpfung die Schutzwirkung angleichen dürfte.

Ähnliche Daten hatten sich auch bei einer Untersuchung allerdings nur zu Comirnaty in Israel ergeben, wo nur dieser Impfstoff zum Einsatz kommt. Dort hat man daher bereits Ende Juli mit der dritten Impfung begonnen und mittlerweile mehr als einer Million Menschen diesen Booster verabreicht – trotz der Kritik der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die es lieber sehen würde, wenn Impfstoffe zuerst an jene Länder verteilt würden, die damit noch unterversorgt sind.

Zwar startete die israelische Kampagne erst vor mittlerweile rund drei Wochen, weshalb Aussagen über die Wirksamkeit der dritten Impfung mit Vorsicht zu genießen sind. Doch neue Daten scheinen zu zeigen, dass der Booster seinen Zweck erfüllen dürfte:

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Wie die Zeitung "Haaretz" berichtet, wird der Schutz durch die Drittimpfungen vorläufig auf 86 Prozent geschätzt. In Israel will man daher nicht nur möglichst viele Personen über 50 mit einer Auffrischungsimpfung versorgen, sondern nun auch Personen, die über 40 Jahre alt sind.

Christian Drosten ist skeptisch

Der deutsche Virologe Christian Drosten hingegen hält einen Booster gegen Sars-CoV-2 im Herbst für den Großteil der Geimpften in Deutschland nicht für nötig – was freilich auch daran liegen könnte, dass dort (und auch in Österreich) deutlich später als in Israel geimpft wurde. "Die Schutzwirkung der CoV-Vakzine ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen", sagte er der dpa. Auch das baldige Aufkommen einer neuen Virusvariante, die gegen die verfügbaren Impfstoffe resistent ist, erwartet Drosten nicht.

"In diesem Herbst kommt es aber darauf an, überhaupt erst einmal die Impflücken bei den über 60-Jährigen zu schließen", stellte der Virologe fest. Sinnvoll wäre eine Auffrischung im Herbst nur bei alten Menschen sowie für bestimmte Risikopatienten. (Klaus Taschwer, 19.8.2021)