Die Soldaten am Flughafen von Kabul sollen den Evakuierungseinsatz verlängern, wenn es nach der britischen Regierung geht. Den Taliban geht der Abzug nicht schnell genug.

Foto: taff Sgt. Victor Mancilla/U.S. Marine Corps via AP

Mehr als 16.000 Menschen sollen alleine am Sonntag Afghanistan verlassen haben. Die USA hätten 10.400 Fluchtwillige ausgeflogen, berichtete das Weiße Haus in Washington am Montag. Weitere 5.900 seien mit Maschinen verbündeter Staaten in Sicherheit gebracht worden. Auch am Montag gingen die Evakuierungen weiter. In Ungarn kam ein Flugzeug mit 173 Passagieren aus Kabul an, darunter auch Personen, die auf Wunsch der USA und Österreichs ausgeflogen wurden, erklärte der ungarische Außenminister Péter Szijjártó.

Die acht Österreicher mit afghanischen Wurzeln befänden sich bereits auf dem Rückweg nach Österreich, bestätigte das Außenministerium in Wien. Mehrere Dutzend weitere Staatsbürger mit afghanischen Wurzeln haben sich mit dem Wunsch auf eine Ausreise aus Afghanistan beim Außenministerium respektive der zuständigen österreichischen Botschaft in Pakistan gemeldet und warten auf eine Möglichkeit, das Krisengebiet zu verlassen.

Frist rückt näher

Doch die Zeit für die Luftbrücke wird knapp: Ende August läuft die Frist für die Evakuierungen ab. Seit der Machtübernahme durch die islamistischen Taliban läuft eine hektische Evakuierungsmission, um westliche Staatsbürger und Afghanen, die für die Regierung oder die internationalen Truppen tätig waren, in Sicherheit bringen zu können.

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace erklärte am Montag man habe nur noch "Stunden, nicht Wochen" für den Evakuierungsplan. Die britischen Truppen würden nicht bleiben, wenn die USA am 31. August abziehen würden. Würde Washington seinen Einsatz jedoch um ein oder zwei Tage verlängern, bleibe auch den Briten mehr Zeit, um Personen auszufliegen.

Ein Sprecher des britischen Premierministers Boris Johnson erklärte am Montag, London wolle noch tausende Menschen in Sicherheit bringen. Johnson werde deshalb US-Präsident Joe Biden ersuchen, die Frist für den Abzug auszuweiten. Am Dienstag wollen die Staats- und Regierungschef der G7 die Möglichkeit einer Verlängerung der Luftbrücke erörtern. Biden schloss nicht aus, dass eine längere Präsenz am Flughafen von Kabul nötig sein könnte.

Auch Deutschland wünscht mehr Zeit für die Evakuierungen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, sie wolle "jede einzelne Ortskraft aus Afghanistan holen". Manche seien jedoch nicht in Kabul. Daher werde darüber gesprochen, wie man diese Menschen sicher nach Deutschland holen könne – "in einem Monat, in einem halben Jahr oder vielleicht in einem Jahr". Wenn sie sich dazu mit den Taliban an einen Tisch setzen müsse, "dann tue ich das, weil das unsere Verpflichtung ist – auch gegenüber diesen Ortskräften", sagte Kramp-Karrenbauer. Insgesamt hat Deutschland bereits fast 3.000 Menschen ausgeflogen, Großbritannien mehr als 5.700, Italien 1.800, Frankreich mehr als tausend.

Die Taliban erteilten diesbezüglichen Spekulationen jedoch eine klare Absage. Ein Sprecher der Islamisten erklärte in Katars Hauptstadt Doha, eine Verlängerung der Luftbrücke bedeute eine Verlängerung der militärischen Besatzung. Ein Ersuchen der Briten oder US-Amerikaner um zusätzliche Zeit würde mit einem Nein beantwortet, sagte Taliban-Sprecher Suhail Shaheen zu Sky News. Die Frist Ende August sei eine "rote Linie". Schuld am Ansturm auf den Flughafen von Kabul sei nicht die Angst vor Unterdrückung durch die Taliban, sondern vielmehr die Armut, der die Menschen entfliehen wollten. Berichte über Racheaktionen an ehemaligen Regierungsmitarbeitern und Journalisten bezeichnete Shaheen als Falschmeldungen.

Angriff auf Flughafen

Am Flughafen selbst verschärft sich die Situation weiter. Montagfrüh starb ein afghanischer Wachmann bei einer Schießerei, drei weitere wurden verletzt. Unbekannte hatten am Nordtor des Flughafens das Feuer eröffnet, an dem Gefecht waren auch US-amerikanische und deutsche Truppen beteiligt.

Am Montagnachmittag brach auf dem Flughafengelände offenbar ein Brand aus. Auf Bildern und Videos in sozialen Medien war zu sehen, wie schwarzer Rauch aufstieg, während weiterhin Flugzeuge abhoben.

Im Gedränge vor dem Flughafen kam es zuletzt immer wieder zu Gewalt und sogar Toten, am Wochenende starben insgesamt sieben Menschen. Über die Verantwortlichen für die Schießerei wurden nichts bekannt. Erst am Sonntag hatte die US-Regierung vor einem möglichen Angriff der islamistischen Terrororganisation Islamischer Staat gewarnt. Der IS ist mit den Taliban verfeindet und könnte versuchen, das entstehende Machtvakuum zu nutzen. (Michael Vosatka, 24.8.2021)