Lediglich sieben Prozent der Fintech-Gründungen gehen auf Frauen zurück. Eine Initiative will das nun erhöhen.

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Wenig, weniger, am wenigsten: Während Frauen in der gesamten Startup-Szene schon dünn gesät sind, kommen sie im Fintech-Bereich noch seltener vor. Bei den Einhörnern unter den meisten deutschen Fintechs – also den Startups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden wie N26, WeFox und Deposit Solutions – findet sich keine einzige Frau im Gründerteam. Einzig das Unicorn Mambu kann mit Sofia Nunes auf eine weibliche Co-Gründerin verweisen. Einer Studie des Deutschen Startup-Verbandes zufolge stagniert der Anteil von Gründerinnen im Fintech-Sektor bei weniger als sieben Prozent. Bei Startups im Allgemeinen sind es mehr als doppelt so viele.

Frauenquote hinkt hinterher

"Die meisten Leute, die mir zu meiner neuen Position gratuliert haben, haben immer noch den Satz hinzugefügt: 'Endlich mal eine Frau als CEO.' Bei einem Mann sagt ja keiner, endlich mal ein Mann auf dem Führungsposten", erzählt Kristina Walcker-Mayer, die im April zur Chefin des Blockchain-Bankkonto-Anbieters Nuri aufgestiegen ist. Wie ihr geht es vielen Frauen bei Fintechs, die den traditionellen Banken immer ein Stück voraus sein wollen – aber bei der Frauenquote hinterherhinken.

Bei herkömmlichen Finanzinstituten liegt der Frauenanteil in Vorständen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) wenigstens bei 10,5 Prozent. Während das neue Führungspositionengesetz bei größeren Banken dafür sorgen dürfte, dass Frauen mittel- bis langfristig eine größere Rolle spielen, müssen Fintechs von sich aus aktiv werden. Die Initiative "WeShapeTech" macht genau das, in dem sie beispielsweise Frauen eine Bühne gibt und sogenannte "Role Model"-Veranstaltungen organisiert. "Unser Ziel ist eine Ausgewogenheit – auch in Führungspositionen", sagt Melanie Gabriel, die zusammen mit vier Männern das Fintech Yokoy gegründet hat.

Fehlende Vorbilder

Für die 32-Jährige spielten Vorbilder bei der Karriereplanung eine wichtige Rolle: "Ich habe für meine Bachelorarbeit Frauen in Führungspositionen mit Kind befragt. Das hat mir viel gegeben und mir gezeigt, dass es möglich ist, einen coolen Job zu haben und später, wenn gewollt, eine Familie zu gründen." Familienplanung und Firmengründung fallen häufig in die gleiche Zeit, was Frauen mit Blick auf die Vereinbarkeit vor besondere Herausforderungen stellt.

Dass sich beides vereinen lässt, zeigt auch Andrea Fernandez – eine Veteranin in der Finanzbranche, die nun als Gründerin mit der App Vitamin Frauen bei Finanzentscheidungen unterstützen will. "Wir benötigen mehr Frauen an den Vorstandstischen, die Entscheidungen treffen", fordert sie. "Frauen werden selten sozialisiert, um mit Zahlen zu arbeiten und zu investieren", sagt die 45-jährige, die ihre Karriere an der Wall Street startete und von sich sagt: "Ich war immer schon etwas anders." Sie wirbt dafür, bereits Kinder in Finanzfragen zu schulen und ihnen früh Lust auf diese Themen und das Unternehmertum zu machen. Dazu gehört auch ein anderer Umgang mit dem Scheitern, vor dem – geprägt von stereotypen Rollenbildern – Frauen eher zurückschrecken als Männer. Das geht aus einer Studie des Female Founders Monitor hervor, die bei Frauen eine größere Risikoscheu ausmacht, was gerade Gründungen von Startups erschwert.

Netzwerk gegründet

Um die wenigen Frauen in der Szene zusammenzubringen und ein Netzwerk aufzubauen, gründete Christine Kiefer 2016 die Fintech Ladies. Bei der Gruppe engagiert sich auch Susanne Kehl. Die Fabit-Mitgründerin will andere Frauen animieren, in ihre Fußstapfen zu treten. Denn es fehle nicht nur an Gründerinnen, sondern auch an Mitarbeiterinnen. Das liegt auch daran, dass Frauen sehr selten Informatik studieren. Hier sollen Initiativen wie "Made with Code" von Google oder "Girls who Code" Abhilfe leisten, kommen aber nur langsam voran.

Auch kaum Frauen als Finanzinvestoren

Noch weniger Frauen als in den Informatik-Vorlesungen finden sich bei den Finanzinvestoren. Dadurch fehlen Gründerinnen dort Ansprechpartner des gleichen Geschlechts. Dies spielt bei Investitionsentscheidungen eine wichtige Rolle, weil es die Tendenz gibt, Menschen des eigenen Geschlechts zu bevorzugen. Dadurch fließe weniger Geld automatisch in von Frauen gegründete Startups, sagt Kinga Stanislawska, Gründerin des Experior Venture Funds und damit eine der wenigen Frauen in der Branche. Um das zu ändern und Ungerechtigkeiten auszugleichen, bohrt Stanislawska dicke Bretter und hat eine inzwischen von 1000 Investoren in Europa unterzeichnete Petition gestartet, um einen europäischen Dachfonds in das Leben zu rufen, der in Frauen-geführte Wagnisfonds und Kapitalgeber investiert.

Gerade in der Fintech-Branche seien große Summen nötig, um ein konkurrenzfähiges Startup aufzubauen. Beim Einwerben größerer Kapitalsummen haben Frauen schlechtere Karten, wie aus einer schwedischen Studie zu Wagniskapitalinvestitionen hervorgeht. Während Männer bei den sogenannten Pitches häufig als mutig und risikofreudig wahrgenommen würden, gälten Frauen als naiv und uninformiert.

Startups gefordert

Laut Stanislawska können Startups aber auch selbst etwas tun, um diverser zu werden und Frauen eine Stimme zu geben: "Sie können Frauen in ihre Boards holen und sich um Frauen als Business Angels bemühen." Für Melanie Gabriel ist das Ringen um eine bessere Ausgewogenheit alternativlos: "Diversität zu fördern ist nicht nur eine moralische Frage. Diversität bietet einen Wertschöpfungsvorteil durch eine größere Sensibilität und Produktivität." (Reuters,24.08.2021)

Update, 6.9.2021: Es wurde der Fehler ausgebessert, dass Mambu angeblich keine weibliche Co-Founderin hat.