Im Handling mühsam, nur selten wirklich wertvoll und dennoch nicht umzubringen: die Vinyl-Single.

Foto: Getty

Wirklich praktisch war sie nie. Zwar nervt sie nicht mit Werbeunterbrechungen, aber nach drei, vier Minuten muss man sie umdrehen oder erneut starten: Die Vinyl-Single ist ein Relikt und dennoch ein genauso zähes Luder wie ihre große Schwester, die Langspielplatte. Beiden Formaten wurde vom vermeintlichen Siegeszug der CD ab den 1980ern ihr baldiges Verschwinden verkündet, beide Formate erfreuen sich nun im Streamingzeitalter wieder großer Beliebtheit und brechen jährlich neue Umsatzrekorde.

Nicht nur das. Vorige Woche wurden die Verkaufscharts für physische Tonträger bei Amazon Deutschland von einer Vinyl-Single angeführt. Das gab’s lange nicht, vielleicht noch nie. Und zwar von einer im Dunkeln leuchtenden Single von Metallica, die limitiert für eine Benefiz-Aktion um 25 Euro verkauft wurde.

Nichts zu verdienen

Gut, Metallica ist so etwas wie ein religiöses Bekenntnis, da ist es mit der Vernunft nicht weit her. Aber auch in anderen Bereichen des Mainstreams und erst recht in nerdigen Nischen gedeiht die Single. Dabei ist mit ihr vorderhand kaum Geld zu verdienen, wie Konstantin Drobil vom Wiener Plattenladen Substance sagt.

Singles kosten acht bis zehn Euro im Einkauf und werden zwischen zwölf und 18 Euro verkauft. Selbst das vor vier Jahren gegründete steirische Vinylpresswerk Austrovinyl bietet mittlerweile Single-Editionen an: Wenn eine Band 500 Stück samt Innenhülle und Außencover in Auftrag gibt, kostet das 1400 Euro netto.

Promotion-Tool

Anders als früher ist die Single heute meist nicht viel mehr als ein Promotion-Werkzeug. Sie liegt Musikmagazinen bei, manche Bands verkaufen sie exklusiv auf Tour neben den T-Shirts, oder sie bedient Sammler, die von ihren Lieblingsacts möglichst alles haben wollen.

Früher war das anders. Ab 1949 gab es die Single, wie man sie kennt. Knapp 18 Zentimeter im Durchmesser, meist auf 45 Umdrehungen pro Minute abspielbar. Bevor sich einige Jahre später die Langspielplatte als neues Format etablierte, dominierte die Single den Markt alleine. Große Hits wurden millionenfach und jahrzehntelang in kleine Scheiben gepresst, viele Langspielplatten waren oft nicht mehr als Kompilationen erfolgreicher Singles.

"Singles Club"

Und es war das Format der One-Hit-Wonder, denen ein Longplayer erst gar nie beschieden war. Jahrzehntelang war es Usus, erfolgreiche Songs als Singles anzubieten. Als sich das mit der CD änderte, stimulierte die Single als oft nur exklusiv erhältliches Exemplar hauptsächlich Sammler. Das nützten einige: Das Label Sub Pop in Seattle rief 1988 einen ersten "Singles Club" ins Leben.

Jeden Monat wurde eine Single gepresst und an Abonnenten in die Welt geschickt. Das war vor dem Internet noch ziemlich abenteuerlich. Doch wer sich dazu entschlossen hatte, so ein Abo abzuschließen, durfte bald frohlocken. Im November 1988 erschien in dem Club die erste Single von Nirvana. Was damals umgerechnet fünf Euro gekostet hat, hat seinen Wert vertausendfacht: Mit einem bisherigen Höchstpreis von 5000 Euro rangiert Love Buzz auf der Plattform Discogs, ein anderes Exemplar wird dort aktuell um 5.600 Euro angeboten.

Historisches Artefakt

In Newslettern listet Discogs regelmäßig die 30 teuersten Platten des vergangenen Monats auf. Im Mai wechselte auf Platz 30 die Single Pretty Vacant von den Sex Pistols um 2112 Dollar den Besitzer, weiter vorne ging deren Single God Save The Queen um schlanke 4024 Dollar weiter. Solche Preise schrecken Sammler offenbar nicht ab, quer durch die Genres bewegt sich der Preiskampf, je seltener, desto irrer die Preise. Auch rare Soul- oder Funk-Singles gehen preislich oft durchs Dach.

Den höchsten Preis für eine Single bezahlter 2015 der US-Musiker Jack White für eine Acetat-Pressung von Elvis Presleys My Happiness. Doch für seine 300.000 Dollar bekam er eine zehn Zoll große Platte, die auf 78 Umdrehungen läuft – also vom Thema ein wenig abweicht, wiewohl es als extremes Beispiel doch wieder taugt. Aber immerhin ist dieses vermeintlich letzte erhaltene Stück der allerersten Elvis-Aufnahmen ein kulturhistorisches Artefakt.

Noch ärger: Die Flexidisc

Selbst Acts der heutigen Streamingkultur, die übers Internet zu Stars geworden sind, veröffentlichen in Formaten wie Kassetten oder Singles. Billie Eilish hat in ihrer kurzen Karriere bisher sieben Songs im Singleformat veröffentlicht, drei davon gar auf Flexidiscs. So nennt sich ein dünnes Nichts von einer Schallfolie, das nur auf einer Seite press- und abspielbar ist und deren akustische Qualität oft nicht weit über dem Klangniveau von Schmirgelpapier liegt. Für Eilish-Singles wie You Should See Me In A Crown oder Party Favour werden ebenfalls bereits hunderte Dollar bezahlt, obwohl sie keine drei Jahre alt sind.

Es kann sich also bezahlt machen, wenn Nerds nerdige Formate sammeln. Wiewohl das immer nur für Vinyl gilt. Die CD-Single als Ausdruck moderner Wegelagerei seitens der Musikindustrie ist heute das wert, was Kenner immer schon vermutet haben: nichts. (Karl Fluch, 26.8.2021)