Ein Taliban-Kämpfer nahe des Anschlagsortes am Freitag.

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Die Flagge beim Weißen Haus wehte auf halbmast.

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Befindet sich in der vorerst schwierigsten Phase seiner Präsidentschaft: US-Präsident Joe Biden.

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Washington/Kabul –Die radikalislamischen Taliban kontrollieren laut eigenen Angaben Teile des Flughafens in Kabul. Am Freitag habe das US-Militär "drei wichtige Bereiche" im militärischen Teil des Flughafens verlassen, erklärte der Taliban-Sprecher Bilal Karimi auf Twitter. Diese Bereiche seien nun "unter der Kontrolle des Islamischen Emirats" und nur noch "ein sehr kleiner Teil" des Airports werde von US-Soldaten kontrolliert.

Das US-Verteidigungsministerium dementierte die Berichte postwendend, sie seien falsch. Der Flughafen stehe weiter gänzlich unter der Kontrolle des US-Militärs, sagte der Sprecher des Pentagons, John Kirby, am Freitag. "Sie kontrollieren keines der Tore, sie kontrollieren nicht den Betrieb des Flughafens – das ist weiter unter der Kontrolle des US-Militärs", sagte Kirby.

Nach dem verheerenden Anschlag in der Nähe des Flughafens von Kabul steigt die Opferzahl weiter an. Mindestens 170 Menschen sind bei dem Anschlag getötet worden, berichteten ABC News und die "New York Times" am Freitag übereinstimmend unter Berufung auf Gesundheitsbehörden. Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden.

Die 13 getöteten US-Soldaten sind demnach in dieser Berechnung nicht inkludiert. Das US-Verteidigungsministerium erklärte, es seien auch 18 US-Soldaten verwundet worden. Diese würden in speziell ausgerüsteten Flugzeugen ausgeflogen, hieß es.

US-Präsident Joe Biden hatte den dafür verantwortlichen Terroristen zuvor mit Vergeltung gedroht. "Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen", sagte Biden am Donnerstag. Er kündigte Einsätze des US-Militärs gegen die für den Anschlag verantwortliche Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an – und die Fortsetzung der Evakuierungen aus Afghanistan.

Die Terroristen könnten die USA nicht dazu bringen, ihre "Mission" zu stoppen, betonte Biden mit Blick auf die verbliebenen Amerikaner im Land. "Wir werden sie finden, und wir werden sie da rausholen." Laut einem Insider gab Biden am Freitag seinen Kommandanten die Erlaubnis zu Angriffen auf Ziele der Islamistengruppe.

Schwerster Verlust seit einem Jahrzehnt

Für die US-Streitkräfte waren es die ersten gewaltsam getöteten Soldaten seit Februar vergangenen Jahres – und die schwersten Verluste dort seit einem Jahrzehnt. Biden ordnete an, die US-Flaggen über dem Weißen Haus und an allen öffentlichen Gebäuden bis Montagabend auf halbmast zu setzen, um der Opfer zu gedenken.

In den USA sorgt der rasche Abzug für immer lautere Kritik an Biden. Republikanische Kongressabgeordnete forderten in einer Sondersitzung vereinzelt den Rücktritt des Präsidenten. Jedenfalls müsse das für 31. August geplante Einsatzende verschoben werden, um sich wirkungsvoll gegen die Urheber des Terroranschlags wehren zu können.

Der in Afghanistan aktive Ableger der Terrormiliz IS reklamierte den Anschlag für sich. Biden erklärte, die USA hätten Informationen darüber, wo sich die Drahtzieher der Anschläge aufhalten – und würden auch ohne große Militäreinsätze Möglichkeiten finden, diese zur Rechenschaft zu ziehen, "wo auch immer sie sind". Seine eindringlichen Worte an die Terroristen: "Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen."

Der UN-Sicherheitsrat hat den Anschlag als "besonders abscheulich" verurteilt. Außerdem wurden die Taliban aufgerufen, Terroristen in Afghanistan keinen Unterschlupf mehr zu bieten. Am Montag beraten die fünf Vetomächte weiter.

Ein Selbstmordattentäter

Nach Erkenntnissen des US-Verteidigungsministeriums hat sich bei dem Anschlag ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt – nicht zwei. US-Generalmajor William Taylor sagte am Freitag im Pentagon, man sei nicht sicher, wie es am Vortag zu der falschen Angabe von zwei Selbstmordattentätern habe kommen können. "Ich kann Ihnen bestätigen, dass wir nicht glauben, dass es eine zweite Explosion im oder in der Nähe des Baron Hotels gegeben hat, dass es sich um einen Selbstmordattentäter handelte", sagte Taylor vor Reportern.

Die eine tatsächliche Explosion ereignete sich an einem Tor zum Flughafengelände, an dem US-Soldaten im Einsatz waren. Mehrere IS-Kämpfer hätten anschließend das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet, sagte US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt. Mit weiteren Anschlägen müsse gerechnet werden. "Wir tun alles, was wir können, um auf diese Angriffe vorbereitet zu sein", sagte er. Es handle sich um eine "extrem aktive Bedrohungssituation".

Die Sicherheitslage vor dem Kabuler Flughafen bleibt angespannt.
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Die Evakuierungsmission in Kabul wurde dennoch weitergeführt. Innerhalb von 24 Stunden – zwischen dem frühen Donnerstagmorgen und dem frühen Freitagmorgen Washingtoner Zeit – brachten die USA und ihre Verbündeten rund 12.500 Menschen außer Landes, wie das Weiße Haus am Freitag mitteilte. 8.500 seien vom US-Militär ausgeflogen worden, 4.000 wiederum in Maschinen internationaler Partner.

Damit sei die Zahl der seit Mitte August ausgeflogenen Afghanen und westlicher Staatsbürger auf 105.000 gestiegen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf westliche Diplomaten berichtet, sollen die Evakuierungsflüge wegen der prekären Sicherheitslage nun noch schneller durchgeführt werden.

Deutschland flog alle Einsatzkräfte aus

Die deutsche Luftwaffe flog am Donnerstag alle Bundeswehrsoldaten, Diplomaten und verbliebenen Polizisten aus Afghanistan aus, wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte. Nach ihren Angaben wurden 5.347 Menschen aus mindestens 45 Ländern evakuiert, darunter rund 500 Deutsche und mehr als 4.000 Afghanen.

Der Evakuierungseinsatz der gut 5.000 US-Soldaten in Kabul soll trotz der jüngsten Ereignisse wie geplant am Dienstag kommender Woche enden, wie Biden betonte. Damit können auch die Verbündeten ihre Staatsbürger und früheren örtlichen Mitarbeiter nicht mehr evakuieren. Deutschland und die USA setzen allerdings darauf, dass die Taliban auch nach dem 31. August kooperieren werden, um Ausreisen zu ermöglichen. Im Gegenzug dürften sie auf gewisse Hilfen der internationalen Gemeinschaft hoffen, so die Logik. Biden erklärte: "Sie sind keine guten Kerle, die Taliban. Das meine ich überhaupt nicht. Aber sie haben ein klares Interesse."

Auch nach dem Abschluss der Evakuierungsmission will die deutsche Bundesregierung den in Afghanistan verbliebenen Deutschen, afghanischen Ortskräften oder gefährdeten Personen helfen. Das kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag an. Die Zahl der noch im Land befindlichen Ortskräfte und identifizierten Personen zur Ausreise verändere sich aber stetig und betrage mehr als 10.000, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes mit. Vonseiten des österreichischen Außenministeriums bezifferte man die Zahl Verbliebener auf "einige Dutzend".

Auch Spanien beendete mittlerweile seinen Einsatz. Alle spanischen Diplomaten seien mittlerweile ausgeflogen worden. Zwei Militärflugzeuge mit den letzten 81 Spaniern an Bord seien Freitagfrüh in Dubai gelandet, berichtet die Zeitung "El País". Ebenso meldete Schweden das Ende seiner Mission. Außenministerin Ann Linde sagte, rund 1.100 Personen seien in Sicherheit gebracht worden.

Sicherheitslage spitzt sich deutlich zu

Die Taliban kontrollieren Kabul und damit auch das Gebiet um den Flughafen. Die Sicherheitslage hat sich dort zuletzt noch einmal deutlich zugespitzt. Die deutsche Bundeswehr hatte bereits am Dienstag berichtet, dass zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter des IS in Kabul unterwegs seien. Ähnlich hatte sich Biden geäußert. Die Terrormiliz sei auch ein "erklärter Feind" der Taliban, hatte er Anfang der Woche erklärt. Biden begründete unter anderem mit dieser Terrorgefahr auch sein Festhalten am Abzug der US-Truppen.

Tausende Menschen versuchen weiterhin vor der Gewalt ins Ausland zu fliehen. Seit mehr als einer Woche versammeln sie sich rund um verschiedene Eingänge des Kabuler Flughafens, um auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Dabei herrschten rund um den Flughafen dramatische Zustände.

Taliban: Türkei soll Flughafen betreiben

Die Taliban haben die Türkei ersucht, den Flughafen zu betreiben. Trotzdem müssten auch die türkischen Soldaten bis zum 31. August abziehen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte am Freitag, Ankara habe noch keine Entscheidung in dieser Frage gefällt. "Die Taliban haben bezüglich des Betriebes des Flughafens von Kabul angefragt. Sie sagen: 'Wir garantieren die Sicherheit, und ihr könnt ihn betreiben.' Aber wir haben noch keine Entscheidung getroffen, weil es dort immer die Möglichkeit des Todes und solcher Sachen gibt", erklärte Erdoğan bei einer Pressekonferenz.

Ministerin floh nach Norwegen

Die ehemalige afghanische Ministerin für Bergbau und Erdöl, Nargis Nehan, ist nach Norwegen geflüchtet. Auf Twitter schrieb sie am Donnerstag, sie sei endlich mit ihrer Familie in Norwegen gelandet, hätte aber ihren Vater und ihre Schwester zurücklassen müssen.

"Ich bin nicht länger eine stolze, robuste und hoffnungsvolle Afghanin", schrieb sie. "Ich bin wieder ein hoffnungsloser und hilfloser Flüchtling, dessen Suche nach einer Identität, einem Zuhause und Frieden nie aufhört."

Flucht über den Landweg

Unterdessen brechen immer mehr Afghanen auf dem Landweg in Richtung Pakistan auf. Täglich überquerten mindestens 10.000 Afghanen die Grenze bei Spin Boldak / Chaman, sagte ein Grenzbeamter. Zuvor seien es an normalen Tagen etwa 4.000 gewesen. Die meisten seien auf dem Weg zu Verwandten in Städten und Regionen unweit der Grenze.

Die Vereinten Nationen rechnen allein bis Jahresende mit bis zu einer halben Million weiterer afghanischer Flüchtlinge. "Wir bereiten uns auf etwa 500.000 neue Flüchtlinge in der Region vor", sagte am Freitag die stellvertretende UN-Flüchtlingskommissarin Kelly Clements vor Reportern. Bisher sei jedoch noch keine massive Fluchtbewegung zu verzeichnen.

Die Taliban hatten Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Die meisten Einheiten der afghanischen Sicherheitskräfte ergaben sich kampflos, Präsident Ashraf Ghani floh außer Landes. (balm, APA, Reuters, 27.8.2021)