Inseljäger sind erfreut: Eine nördlichere Insel wurde entdeckt.
Foto: Julian Charrière / Reuters

Lange Zeit galt die Insel Oodaaq am nördlichsten Zipfel Grönlands als das dem Nordpol am nächsten gelegene Stück Land. Doch das muss nun möglicherweise korrigiert werden – zumindest vorübergehend. Ein Forschungsteam der Universität Kopenhagen hat nach eigenen Angaben nämlich ein kleines Eiland entdeckt, das noch weiter nördlich liegt, wenn auch nur knapp 800 Meter.

Die Entdeckung des noch unbenannten, etwa 30 mal 60 Meter großen Inselchens war demzufolge reiner Zufall. "Wir waren überzeugt, dass die Insel, auf der wir standen, Oodaaq ist", sagt Forschungsleiter Morten Rasch. Er war mit einem Team zum Einsammeln von Proben an die Nordküste Grönlands gereist.

Viel gibt es auf der neuen Insel zugegebenermaßen nicht zu sehen: Sie besteht vor allem aus Schlamm und Kies.
Foto: Julian Charrière / Reuters

Von seinem Irrtum erfuhr er erst, als er Bilder und Koordinaten im Internet postete. "Eine Reihe von amerikanischen Inseljägern [island hunters] ist durchgedreht und sagte, das könne nicht wahr sein", heißt es vom Leiter der Abteilung für Geowissenschaften und Natural Resource Management an der Uni Kopenhagen. Inseljäger sind Menschen, deren Hobby es ist, bisher unbekannte Inseln zu entdecken.

Entdeckungsgeschichte der Missverständnisse

Eine Überprüfung der Koordinaten ergab, dass Oodaaq tatsächlich rund 800 Meter südlich des Ortes liegt, an dem Rasch und sein Team an Land gingen. "In Wirklichkeit haben wir eine neue Insel weiter nördlich entdeckt, ein Fund, der das Königreich [Dänemark] um ein kleines Bisschen vergrößert", sagt Rasch.

Auch die Unternehmerin Christiane Leister, die die Leister-Stiftung gründete, welche die Expedition finanziert, meldete sich zu Wort: "Alle waren froh, dass wir die Insel Oodaaq gefunden haben – oder zumindest das, was wir dafür hielten." Ein solches Missverständnis ist freilich nicht das erste in der Entdeckungsgeschichte, und sicher nicht das dramatischste. "Es ist ein wenig wie bei den Entdeckungsreisenden der Vergangenheit, die dachten, an einem bestimmten Ort gelandet zu sein, die aber eigentlich einen komplett anderen Ort gefunden haben."

Kurzlebiges Ergebnis eines Sturms

Der Wissenschafter Rasch gab allerdings zu bedenken, dass die neu entdeckte Insel womöglich nicht lange Bestand haben könnte. Sie bestehe hauptsächlich aus kleinen Ansammlungen von Schlamm und Kies – wahrscheinlich das Ergebnis eines Sturms. "Keiner weiß, wie lange sie da bleiben wird. Im Prinzip könnte sie verschwinden, sobald ein weiterer mächtiger Sturm kommt", sagt Rasch.

Dem schließt sich der Geodynamikforscher René Forsberg vom dänischen Weltrauminstitut an. Es sei zwar derzeit das nördlichste Stück Land auf der Welt und erfülle die Kriterien für eine Insel: Es ist nicht nur eine Sandbank, sondern bleibt auch bei Flut über dem Meeresspiegel. Aber "diese kleine Inseln kommen und gehen", sagt Forsberg. Damit sei es unwahrscheinlich, dass dies die dänischen Gebietsansprüche nördlich von Grönland verändere.

Nichtsdestotrotz lieferte das Team bereits einen Namensvorschlag: Das Inselchen könnte "Qeqertaq Avannarleq" genannt werden. Dies bedeute in grönländischer Inuitsprache schlicht und einfach "die nördlichste Insel". (red, APA, 28.8.2021)