Die Zeit wird immer knapper: Am Dienstag sollen die letzten US-Truppen aus Afghanistan abziehen, ab Mittwoch wird die Kontrolle über den Flughafen Kabul von den Taliban übernommen. Die radikalen Islamisten sind nach eigenen Angaben bereits in vom US-Militär geräumte Bereiche des Geländes vorgedrungen.

Dennoch befanden sich am Wochenende nicht so viele Menschen am Flughafen wie in den Tagen zuvor. Grund dafür war wohl einerseits der Schock nach dem Anschlag von Donnerstag, der mehr als 170 Menschenleben gefordert hatte. Hinzu kam am Samstagabend (MESZ) aber auch noch die konkrete Warnung von US-Präsident Joe Biden, der unter Berufung auf Angaben des US-Militärs einen Anschlag in den kommenden 24 bis 36 Stunden als "sehr wahrscheinlich" bezeichnete.

Wartende am Wochenende am Flughafen Kabul. Am Dienstag endet der US-Einsatz.
Foto: AP / Staff Sgt. Victor Mancilla / U.S. Marine Corps

Die Lage sei weiterhin "extrem gefährlich" und das Risiko von Anschlägen auf den Flughafen hoch, sagte Biden. Die US-Botschaft in Afghanistan rief noch in der Nacht auf Sonntag alle US-Amerikanerinnen und -Amerikaner in der Nähe des Flughafens dazu auf, das Gebiet wegen "einer spezifischen, glaubwürdigen Bedrohung" sofort zu verlassen. Mit 1. September soll es auch keine Botschaftspräsenz der USA mehr in Afghanistan geben.

Angriffe der USA

In der Nacht auf Samstag hatten die USA Vergeltungsschläge auf die mutmaßlich Verantwortlichen des Anschlags von Donnerstag durchgeführt. Bei einem Drohnenangriff in der Provinz Nangarhar wurden dem US-Militär zufolge zwei ranghohe Vertreter des örtlichen IS-Ablegers getötet, ein weiterer sei verletzt worden.

Am Sonntag folgte ein Luftangriff in Kabul: Etwa vier Kilometer vom Flughafen entfernt schlug eine Rakete bei einem Privathaus ein. Das US-Militär sprach von einer "glaubwürdigen Bedrohung". Eine Drohne habe erfolgreich auf ein Auto des örtlichen Ablegers der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefeuert, erklärte das US-Militär am Sonntag. Weil es nach dem Raketeneinschlag zu "bedeutenden sekundären Explosionen" kam, sei davon auszugehen, dass in dem Fahrzeug eine große Menge Sprengstoff gewesen sein müsse, hieß es weiter. Dem örtlichen Polizeichef zufolge wurde aber auch ein Kind getötet.

Rauch über Kabul, nach einem US-Angriff am Sonntag.
Foto: EPA/STRINGER

Am Freitag waren noch mehr als 5.000 US-Soldaten am Flughafen Kabul stationiert gewesen. Bis zum vollständigen Abzug sollen aus Sicherheitsgründen keine Informationen zur Truppenstärke mehr bekanntgegeben werden. Stand Sonntag war noch von 300 zu evakuierenden US-Staatsangehörigen die Rede.

Unklarheit über Flughafen

Was nach dem kompletten Abzug der US-Truppen, auch vom Flughafen Kabul, am 31. August und damit nach der Taliban-Übernahme genau passiert, ist unklar. Die Radikalislamisten haben in einer Vereinbarung mit insgesamt 98 Staaten zugesichert, dass auch danach Ausreisen für jene mit den nötigen Reisedokumenten möglich sein würden, dann eben mit zivilen Flugzeugen. Die Ankündigung stößt angesichts der Brutalität und Schikanen, die die Taliban gegenüber Ausreisewilligen in den vergangenen Tagen und Wochen an den Tag gelegt hatten, allerdings auf Skepsis.

"Wir warten auf das abschließende Kopfnicken der Amerikaner", sagte ein Taliban-Sprecher jedenfalls am Sonntag zur bevorstehenden Übernahme des Flughafens. Seinen Angaben zufolge verfügen die Taliban über ein "Expertenteam", das die Flughafentechnik beherrsche.

"Einen Flughafen zu betreiben ist kein leichtes Geschäft", gab US-Außenamtssprecher Ned Price zuletzt allerdings zu bedenken. "Es ist wahrscheinlich unsinnig zu erwarten, dass es am 1. September einen normalen Flughafenbetrieb geben wird." US-Außenminister Antony Blinken hatte vor wenigen Tagen sogar die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass der Flughafen vorübergehend geschlossen werden könnte: Es habe "sehr aktive Bemühungen" von Ländern in der Region gegeben, um den Flughafen offen zu halten – "oder, falls erforderlich, ihn wiederzueröffnen, wenn er eine Zeitlang schließt".

Großbritannien und Frankreich wollen bei der heutigen Dringlichkeitssitzung der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats eine Sicherheitszone in Kabul vorschlagen. Damit soll Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zufolge "eine sichere Zone in Kabul unter der Kontrolle der Vereinten Nationen" definiert werden, die die "Fortsetzung der humanitären Operationen ermöglichen würde".

Mehrere Tote an der Grenze zu Pakistan

Unterdessen wurden durch Schüsse von der afghanischen Seite der Grenze aus am Sonntag zwei pakistanische Soldaten getötet. In einem Gegenschlag wurden zwei oder drei der Angreifer getötet. Es ist dies der erste derartige Zwischenfall an der afghanisch-pakistanischen Grenze seit der erneuten Machtübernahme der Taliban. Die pakistanische Armee sagte nicht, wer für die Angriffe verantwortlich ist, aber berichtete in der Vergangenheit, dass die Terrororganisation "Tehrik-i-Taliban Pakistan" in der Grenzregion Zuflucht gesucht hat. (maa, Reuters, 29.8.2021)