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Was machen wir hier eigentlich – und warum? Es spricht nicht für einen Wahlkampf, wenn im Hintergrund diese Frage dominiert. So aber trägt es sich gerade in Kanada zu, wo Premier Justin Trudeau knapp zwei Jahre nach dem letzten Urnengang Neuwahlen vom Zaun gebrochen hat. Wieso, ist eigentlich durchaus klar. Trudeau war es satt, mit einer Minderheitsregierung zu fuhrwerken, Umfragen verhießen seinen Liberalen einen klaren Wahlsieg. Hungrig war er deshalb nach noch mehr und längerer Macht.

So offen zugeben wollte er das aber nicht. Stattdessen sprach er von einem Land am Scheideweg und betonte die Wichtigkeit der Wahl, die er zum Referendum über die Corona-Maßnahmen stilisierte. Dafür, so meinte Trudeau, wäre auch das Votum mitten in der Pandemie gerechtfertigt. Welche die großen Unterschiede zwischen ihm und der Konkurrenz in dieser Frage sind: Darauf fehlen ihm viele Antworten.

Zwei Wochen später zeigt sich: Der Premier könnte sich am Machthunger verschluckt haben. Umfragen sehen seine Liberalen teils hinter den Konservativen. Diese griffen das Unverständnis über die Wahl auf und werfen Trudeau – nicht zu Unrecht – vor, die Frage der Impfungen zu einem parteipolitischen Streitthema zu machen, das sie vorher nicht war. Von der Zuspitzung könnte am Ende auch Trudeau, dessen Beliebtheitswerte immer noch gut sind, noch einmal profitieren. Aber war’s das wert? Man kann schon jetzt sagen: wohl kaum. (Manuel Escher, 30.8.2021)