"In der freien Welt sollte man, einmal mehr, die Einstellung gegenüber Peking überdenken", sagt Alexander Görlach vom Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs im Gastkommentar.

In den vergangenen Tagen waren die westlichen Länder damit beschäftigt, ihre Diplomaten, Landsleute und heimischen Mitarbeiterinnen aus Afghanistan auszufliegen. Es rettet sich, wer kann, denn die Generalamnestie, die die Taliban angekündigt haben, hat bislang nur Verbrecher begünstigt, die von den Gotteskriegern aus den Gefängnissen freigelassen wurden. Berichte von Gräuel, Folter und Ermordung von neun Mitgliedern der ethnischen Minderheit der Hazara weisen den Weg, den das Land unter der neuen Herrschaft nun vor sich hat.

Wer angesichts dieser Tatsachen noch im Land bleibt, der hat anderes im Sinn als die Verteidigung der Menschenrechte. So bleiben die Diplomaten der Volksrepublik China in Afghanistan, weil sie dort handfeste wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen verfolgt.

Ein "vertrauenswürdiger Freund": Taliban-Vize Abdul Ghani Baradar traf am 28. Juli Chinas Außenminister Wang Yi.
Foto: AP/Xinhua

Der chinesische Außenminister Wang Yi traf sich bereits Ende Juli mit Vertretern der Taliban, um mit ihnen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sondieren. Zu dem Zeitpunkt glaubte in Europa niemand an einen Durchmarsch der Taliban und den Fall Kabuls in nur wenigen Tagen.

Die Grenze zwischen Afghanistan und China ist zwar nur 76 Kilometer lang, aber sie liegt an der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Das ist der Teil Chinas, in dem die kommunistische Führung über eine Million Menschen, Uiguren islamischen Glaubens, aufgrund ihrer Ethnie und Religion in Lager eingesperrt hält, um sie dort "umzuerziehen". Peking muss sich die Gotteskrieger jenseits der Grenzen geschmeidig halten, damit von dort aus keine islamistischen Zellen Vergeltung planen wegen des Genozids an ihren Glaubensgeschwistern. Die Taliban sind willens, Peking zu versprechen, dass es auf ihrer Seite ruhig bleibt, sollte China wiederum in Afghanistan investieren. Peking hat dies gerne zugesagt.

Wichtiger Korridor

Doch damit der Interessen nicht genug: Die Volksrepublik hat sich bereits im Jahr 2011 Bohrrechte für zwei Ölfelder in dem Land gesichert. Daneben birgt der Boden des Landes seltene Erden und Lithium. Es gibt keinen Handychip und keinen LED-Bildschirm auf der Welt, die ohne diese Materialien, die, wie der Name sagt, rar sind, produziert werden könnten. Der Kampf darum ist bereits in vollem Gange. Wenn China sich die Reservate, die die afghanische Erde sicher birgt, aneignen kann, macht es nicht nur ein Bombengeschäft, sondern hält auch einen geopolitischen Trumpf in der Hand.

Daneben könnten Silber und Gold gefördert und Marmor gebrochen werden. Nicht heute, nicht morgen, da viele dieser Schätze in unwägbarem Gelände liegen und die Förderung, im Moment jedenfalls, noch zu teuer käme. Die Strategen der Volksrepublik aber denken in Dekaden und möchten jetzt aussäen, was in einer noch nicht bestimmten Zukunft wird geerntet werden können.

Unweit der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan verläuft ein wichtiger Korridor der Neuen Seidenstraße, Pekings Prestige-Investitionsprojekt. Die KP fördert überall auf der Welt Infrastrukturprojekte, die Chinas Position als Wirtschafts- und Militärmacht festigen sollen. Das chinesische Gesetz schreibt die Doppelnutzung solcher Investitionen vor. Die Arme der "Belt and Road Initiative", wie die Neue Seidenstraße auch genannt wird, ziehen sich über die ganze Welt, bis nach Europa hinein. "Alle Wege führen nach Rom" war gestern. Nun führen sie in das neue Imperium China. Jener Arm, der von Pakistan aus dorthin führt, ist besonders prestigeträchtig. Peking will mit allen Mitteln verhindern, dass eine Destabilisierung Afghanistans diese Route beeinträchtigt.

Um Jahre zurückgeworfen

Gotteskrieger und Diktatoren verstehen sich gut, sie eint die Verachtung, mit der sie auf Menschenrechte und Freiheit herabblicken. Während in Washington, London, Paris und Berlin auf den Schock angesichts der kampflos verlorenen Aufbauleistung der vergangenen zwanzig Jahre und der Trauer um die Menschenleben, die dafür umsonst gelassen wurden, die Wut folgt, knallen in Peking die Sektkorken. Nicht nur da: Auch die russische Diktatur hat ihre Botschaft nicht geschlossen, und die autokratische Türkei möchte ebenfalls das nächste Kapitel mitschreiben, das in Afghanistan verfasst wird.

Zurück bleibt ein Land, dessen Einwohner um zwanzig Jahre zurückgeworfen werden, zurück in eine Theokratie, in der Frauen nichts zählen und eine Abweichung von der Steinzeitauslegung des Islams fürchterlich bestraft werden wird. China, der neue Alliierte Afghanistans, gibt nichts auf die Menschenrechte, was im benachbarten Xinjiang auf schändliche Weise zu sehen ist. In der freien Welt sollte man daher, einmal mehr, die Einstellung gegenüber Peking überdenken und sich von einer neuen Weltmacht distanzieren, die einmal so verheißungsvoll auf den Plan getreten ist, heute aber eine Bedrohung für Freiheit und Frieden darstellt. (Alexander Görlach, 30.8.2021)